Kolumne: Noch einmal mit Gefühl

Kolumne Elternsein Baby Kleinkind Familie

Elternsein ist wirklich der anstrengendste Job der Welt. Keine andere Aufgabe in der Gesellschaft erfordert so viel Aufmerksamkeit, Selbstlosigkeit und Stärke von uns, wie das Erziehen von Kindern. Und das Schlimmste ist, dass diese Mammutaufgabe immer häufiger von permanenter Angst begleitet wird, die nicht zuletzt auch gesellschaftlich geschürt wird. Angst, Dinge falsch zu machen, zu wenig zu machen, zu viel zu machen – kurzum: zu versagen. Egal, in welche Ecke des Familienlebens man guckt, es könnte immer besser sein. Überall lauern Elternratgeber, die die Messlatte immer noch ein bisschen höher legen. Allein die vielen Konzepte und Herangehensweisen werfen oft mehr Fragen auf als sie beantworten: Soll man jetzt loben oder mache ich die Kinder dann zu Narzissten? Darf ich dem Zweijährigen auch ohne Einverständnis den Fiebersaft einflößen oder wird der dann automatisch Gangsterrapper?

Oh mein Gott

Typische Kampfgebiete der täglichen Kindererziehung sind Ernährung, digitale Unterhaltung und Verhalten. In unserer Rolle als Eltern erwarten wir von uns selbst, immer genau zu wissen, wo es langgeht. Doch genauso, wie das Kind sich mit seiner Geburt kopfüber ins Leben stürzt (in ca. 70% der Fälle), müssen wir uns in die Aufgabe stürzen, dieses Kind zu einem Menschen zu erziehen, der sich bestmöglich in der Welt zurechtfindet. Wir glauben, den Nachwuchs nach unseren Werten formen zu können. Das Ergebnis gilt dann als Ausweis unserer eigenen Lebenseinstellung und Weltsicht. Eltern als Schöpfer; die Kinder der Lehm. Dabei braucht man nur mal kurz mit einem Dreijährigen Memory zu spielen, um zu begreifen, dass sich die Ordnung von Meister und Schüler ganz schnell verkehren kann. Kinder sind in vielen Dingen einfach besser als Erwachsene. Sie essen, wenn sie Hunger haben, weinen, wenn sie traurig sind und tun Dinge erst, wenn sie sich bereit dafür fühlen. Niemand weiß sofort, wie gute Erziehung geht. Wir kennen erstmal nur die groben Schlaglöcher, die es zu meiden gilt: Gewalt, Vernachlässigung, Unterdrückung. Das schaffen die meisten, doch bei den Feinheiten wird es schwieriger.

Pinguine bleiben auch nicht cool

Ich z.B. habe neulich meinen Sohn angeschrien. Das war psychische Gewalt, also wirklich unterste Schublade. Ich könnte jetzt verbrämt erklären, warum der Junge mich zur Weißglut getrieben hat, aber das tut eigentlich nichts zu Sache, denn jeder, der mit kleinen Kindern lebt, weiß: Die unschuldige Verweigerung von dringenden Notwendigkeiten bringt einen manchmal an den Rand der Verzweiflung. Vorher kommt meist heiße Wut. In dem Kinderbuch Schreimutter von Jutta Bauer tut das ebenfalls nichts zur Sache (es gibt natürlich keine Vater-Version des Buches, da will ich auch gleich noch zur Schreifeministin werden!). Schon auf Seite eins explodiert erst die Pinguin-Mutter und dann das Kind, es fliegt tatsächlich richtig auseinander. Wir wissen nicht, warum die Mama so eskaliert, wir sehen nur, dass es den kleinen Pinguin komplett auseinandernimmt.

Schlechte Sichtverhältnisse

Eltern schultern viele Dinge. Die Weltlage ist schwierig bis beschissen, wohl auch am Südpol. Da ist die Lunte manchmal nur so kurz wie ein abgebrochenes Streichholz. Am Ende der Nerven ist oft noch sehr viel Tageszeit übrig. Die verbringt man dann mit einem furchtbar schlechten Gewissen, wenn einem schon vor dem Frühstück die Hutschnur geplatzt ist. Und das ist auch gut so! Es hilft uns nämlich, zu erkennen, dass wir überfordert waren. Im besten Falle nehmen wir uns vor, beim nächsten Trotzanfall eine bessere Strategie zu versuchen. Wir dürfen dazulernen und uns entschuldigen, wenn wir etwas falsch gemacht haben. So macht es auch die Schreimutter, nachdem sie das Pinguin-Kind wieder zusammengesetzt hat. Weil eine Erziehung ohne Fehler nicht gelingen kann, sollten wir die Mär vom allwissenden, immer kontrollierten Erziehungsberechtigten vielleicht überdenken und zugeben, dass wir auf Sicht fahren und im Grunde genau so viel über Verhalten lernen müssen, wie unsere Kinder.

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