Unser heutiger Elternrat von Schulpsychologin und Tiefenpsychologischen Kinder- und Jugendtherapeutin i.A Lisa Wunderlich dreht sich um das Thema Schulabsentismus und folgende Frage:
Montag früh, 8 Uhr. Frau Mittag steht vor ihrer Klasse 9b und scannt den Klassenraum. Erste Reihe: vollständig. Zweite Reihe: vollständig. Aber schon wieder: Fensterplatz dritte Reihe: unbesetzt und wie so oft unentschuldigt fehlend. Wo steckt Leon schon wieder? Sie überkommt eine Mischung aus Verärgerung, Hilflosigkeit und Sorge um ihren Schüler. Erneut muss sie die Eltern informieren, denen leider bereits die nächste Schulversäumnisanzeige droht.
Schulabsentismus ist häufig ein schleichender Weg von einer Schulangst oder auch Schulunlust durch gelegentliches Fehlen bis hin zu dauerhaftem Fernbleiben und damit einer existenziellen Bedrohung, die nicht nur mit einer Verletzung der Pflicht auf Gesetzesebene einhergeht. Ein Kind, das der Schule fernbleibt, ist nicht nur im Moment des Geschehens gefährdet, indem es beispielsweise den Leistungs- und sozialen Anschluss unterbricht. Langfristig kann es bedeuten, dass es für das Kind nicht mehr möglich ist, ein gesundes Selbstkonzept bezüglich seiner schulischen Leistungen auszubilden. Im schlimmsten Fall kann es durch einen fehlenden Schulabschluss beruflich nicht oder schwerlich in unsere Gesellschaft integriert werden. Dies birgt wiederum das Risiko für soziale Isolation, psychische Erkrankungen, Armut bis hin zu Kriminalität.
Gründe für Schulabsentismus
Aber was macht den Schulalltag für manche Kinder so schwer aushaltbar, dass sie diesen gänzlich vermeiden? Dass der Unterrichtsbesuch als be-lastender empfunden wird als die langfristig negativen Konsequenzen der Abstinenz? Und warum gelingt es Eltern manchmal nicht, ihrer Ver-antwortung des regelmäßigen Schulbesuchs ihrer Kinder nachzukommen?
Oft spielen bei Schulabsentismus mehrere Gründe eine Rolle, häufig angst-, abneigungs- oder elternbedingt. Gerade wenn der Schulbesuch als negativ oder angstauslösend vom eigenen Kind erlebt wird, kann das Eltern vor eine große Herausforderung stellen, da sie durch die große Hemmschwelle nur schwerlich den Schulbesuch erwirken können. Angstquellen können hier innerschulisch (z.B. Mobbing) oder innerfamiliär (z.B. Trennungsangst) sein. Mögliche angstbedingte Gründe können Versagensängste sein, Konflikte unter Mitschüler:innen und/oder mit Lehrkräften, depressive Verstimmungen usw. Häufig werden diese Erscheinungen durch regelmäßige körperliche Symptome begleitet (z.B. Bauchweh, Kopfschmerzen), die ein Fernbleiben oberflächlich begründen.
Beim Fehlen durch eine Abneigung können Überforderungsgefühle durch die Spanne zwischen einem hohem Leistungsanspruch bei einer zu geringen kognitiven Leistung des lernenden Kindes zu groß und damit ursächlich sein. Das Kind könnte auch eine Unlust gegenüber schulischen Leistungssituationen empfinden und pädagogische Fachkräfte grundsätzlich ablehnen, da diese Anforderungen an sie stellen. Oftmals fühlen sich Kinder aber auch nicht genug gesehen und reagieren mit Resignation und Distanz auf ihren Frust, nicht integriert zu werden. Dieses Verhalten wird häufig durch ein chronisches Zuspätkommen, Langeweile im Unterricht, Müdigkeit, Störungen des Unterrichts oder mangelnde Mitarbeit eingeleitet. Häufig haben diese Kinder bereits negative Erfahrungen mit Schule gemacht, schon einmal eine Klasse wiederholen müssen, eine gestörte pädagogische Beziehung zur Lehrkraft oder wiederholt mangelhafte Leistungsbewertungen erfahren. Schulversagen und eine Gefährdung des eigenen Selbstkonzepts werden häufig durch fehlende Leistungsanerkennung provoziert, entsprechende Versagensgefühle werden dann verinnerlicht. Die Schule wird zu einem Ort, der nichts Bindendes oder Bereicherndes mehr für das Kind bereithält und wird vorrangig mit Anstrengung und Qual verbunden.
Bei elternbedingtem Schulabsentismus können Erkrankungen eines Eltern-teils vorliegen, die Beziehung durch mangelnde erzieherische Steuerung und fehlende pädagogische Kontrolle und wenig emotionale Wärme geprägt sein, oder aber die Eltern weisen die Schulpflicht aus politischen, kulturellen oder religiösen Gründen zurück, hier zeigt sich oftmals eine große Herausforderung in der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule.
Besonders sensibel scheinen zusätzlich Schwellensituationen, also Über-gänge zwischen Kita und Schule oder Grundschule zu weiterführender Schule, zu sein. Das Vertraute muss verabschiedet werden, Bezugspersonen wechseln, Abläufe funktionieren neu und die neue Umgebung muss erst kennengelernt werden. Aber auch die Adoleszenz (ca. 10-20 Jahre) als Reifungszeit zum unabhängigen Erwachsenen kann für manche Schüler:innen einen Einbruch in ihre schulische Partizipation bedeuten. Gerade schulisch geforderte Kompetenzen wie Lernbereitschaft, Motivation einhergehend mit emotionaler Stabilität und Priorisierung von Leistungen können hier unvereinbar mit der Entwicklungsphase Heranwachsender werden. Wie gut dies Kinder und Jugendliche bewältigen, hängt nicht zuletzt von ihrer eigenen Widerstandskraft und Veranlagung ab, die sie schon vorab als unterschiedliche Ausgangsbedingungen mitbringen.
Wege zurück in die Schule
Schulabsentismus kostet Kraft, kostet Zeit und kostet Nerven für Fachkräfte und Eltern, jedoch lohnt es sich, die Dynamik, die Beweggründe, die Sinnstruktur der Vermeidung verstehen zu wollen, um dem eigenen Kind helfen zu können. Denn häufig ist schulabsentes Verhalten ein dys-funktionaler Bewältigungsversuch als Antwort auf bestehende Konflikte im Kontext von Schule.
Da Schulabsentismus ein Entwicklungsergebnis ist, das aus unter-schiedlichsten Systembedingungen entspringt, ist es notwendig, Hilfe auf verschiedenen Ebenen anzubieten. Durch das späte Erkennen der Problematik bieten sich Präventionsprogramme in der Schule oder individuelle Fördermaßnahmen an, um auch lernschwache SchülerInnen und die schulische Integrationskraft zu stärken. Gemeinsam sollten im Elterngespräch mit der Schule Probleme eruiert werden, die zur Abstinenz geführt haben, aber auch, was das Kind braucht, um sich dem Schulalltag, z.B. durch eine angstfreie Atmosphäre, wieder kontinuierlich zuwenden zu können.
Hier können Vertrauenslehrer, Schulsozialarbeiter und schulpsychologische Berater Abhilfe schaffen. Pädagogische Beziehungen müssen intensiviert werden, um Schüler:innen in Notsituationen und Fehlzeiten vertrauensvoll zu begleiten.
Da die Eltern die Verantwortung der schulpflichtigen Teilnahme tragen, sollten diese in die pädagogische Arbeit der Schule einbezogen werden. Wenn ihr selbst als Eltern betroffen seid, gibt es neben Beratungsangeboten in der Schule oder durch die schulpsychologische Beratung auch die Möglichkeit, über das Jugendamt Unterstützung zu suchen. Erziehungs- und Familienberatungsstellen können besonders bei Unsicherheiten in der Steuerung und Anleitung der Kinder mit einer positiven Begleitung Orientierung bieten, denn das ist es, was eure Kinder brauchen, wenn sie sich von der Schule verlassen fühlen und ihr dann selbst den Rücken kehren.
Wir hoffen, diese Tipps waren hilfreich für euch! Hier findet ihr weitere Fragen und Eltern-Themen rund um das Leben mit Kindern:
Elternrat: Mobbing – die kleine Gewalt
Elternrat: Mediennutzung
Elternrat: Wie stärken wir das Selbstbewusstsein unserer Kinder?
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