Das Thema Wechseljahre betrifft euch noch lange nicht? Da irrt ihr euch sehr wahrscheinlich. Wenn ihr eine Frau Ende 30/Anfang 40 seid, habt ihr das hormonelle Feuerwerk der Pubertät gemeistert, ungefähr 300 monatliche Zyklus-Achterbahnen und als Leserinnen unserer Familienseiten sehr wahrscheinlich mindestens eine Schwangerschaft durchlebt, die euren Körper komplett auf den Kopf gestellt hat. Ihr denkt, jetzt wird es ruhiger? Weit gefehlt, denn spätestens ab Mitte 40 geht es noch einmal richtig ab – willkommen in der Perimenopause!
Was es damit auf sich hat und warum es hier dringend mehr Aufklärung bedarf, verraten wir euch in unserem Interview mit der Potsdamer Gynäkologin Dr. Christine Dittmer-Grabowski.
Wechseljahre & Perimenopause ab Ende 30
“Wir Frauen wollen auch ab 40 leistungsfähig bleiben.”
Liebe Frau Dr. Dittmer-Grabowski, die meisten Frauen denken, das Thema Wechseljahre wird erst mit 50 relevant, wenn die Periode ausbleibt. Warum sollten wir uns schon ab Ende 30 damit auseinandersetzen?
Dr. Christine Dittmer-Grabowski: Bereits drei bis zehn Jahre vor der letzten Periode beginnt die Perimenopause, bei einigen Frauen schon mit Ende 30. In dieser Zeit vor den Wechseljahren ändert sich der Hormonhaushalt einer Frau und durchläuft starke Schwankungen, während der Spiegel bis zur Menopause (letzte Regelblutung) sinkt. Der Zyklus kann dabei noch ganz regelmäßig sein. Die Änderungen kommen in Wellen, wir merken das an starken Auf und Abs in unserem körperlichen Befinden. Symptome wie Stimmungsschwankungen zeigen es ganz deutlich. (Anmerkung der Redaktion: Eine Übersicht möglicher Perimenopause-Symptome findet ihr unter dem Interview.)
Welche Hormone sind hier genau betroffen?
“Die Frau landet häufig beim falschen Arzt.”
Das sind vor allem Östrogen und Progesteron, eine kleinere Rolle spielt das Testosteron. Wie alle Hormone erfüllen sie bestimmte Funktionen im Körper, um Zustände zu erhalten oder herbeizuführen und Krankheiten zu verhindern. Beide Hormonspiegel fallen in der Perimenopause ab (siehe Grafik), der Mangel führt zu verschiedenen körperlichen Symptomen. Beim Östrogenmangel sind das z.B. die berühmten Hitzewallungen oder der Nachtschweiß. Progesteron steuert als das sogenannte “Wohlfühlhormon” unsere Ausgeglichenheit und guten Schlaf, infolge des Mangels kommt es zu Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen oder Schlafstörungen. Es gibt aber eine ganze Reihe weiterer Symptome, wie z.B. Scheidentrockenheit, Gelenkbeschwerden, Inkontinenz, Augentrockenheit oder Herzrhythmusstörungen (siehe Liste unten). Da diese oft nicht mit der Perimenopause in Verbindung gebracht werden, landet die Frau häufig beim falschen Arzt.
Illustration: Veränderung des Hormonpegels in den Wechseljahren (© POLA Magazin)

Sie arbeiten als Frauenärztin hauptsächlich in der Brustdiagnostik und Krebstherapie und gar nicht in der klassischen Vorsorge. Wie kam es, dass Sie so gut im Thema sind, so dass ihre Tipps per Domino-Effekt auch uns erreicht haben?
“Die Wechseljahre wurden lange so hingenommen.”
In meinem Freundeskreis gab es vermehrt Nachfragen an mich. Ich bin Mitte 40 und viele meiner Freundinnen sind Mitte 40. Sie wurden von ihren Frauenärzt:innen nicht gut aufgefangen und ich habe dann geschaut, wie ich unterstützen kann. Ich habe z.B. eine Freundin, die sehr früh in die Wechseljahre gekommen ist. Dank der richtigen Behandlung geht es ihr jetzt deutlich, deutlich besser.
Man muss dazu sagen, dass das Thema (Peri-)Menopause in der Facharzt-Ausbildung nur eine Randnotiz ist. Hier geht es vor allem um die Veränderung der Hormonspiegel in der Pubertät und Schwangerschaft. Alles danach wurde nicht gelehrt, außer man geht Richtung Endokrinologie, also mehr in die Tiefe unseres Hormonsystems. Dazu kommt, dass in der normalen gynäkologischen Praxis Gesprächsleistungen wie diese viel Zeit brauchen, die es nicht gibt, und dazu von den Krankenkassen ausgesprochen schlecht bezahlt werden.
Die Wechseljahre wurden lange so hingenommen nach dem Motto “Da muss man halt durch.”, bei meiner eigenen Mutter habe ich zum Beispiel gar nicht mitbekommen, dass es da eine Hormonumstellung gab. Erst in den letzten Jahren wurde das mehr zum Thema und ich habe das Gefühl, dass Frauen mehr darüber reden, auch weil mehr Gynäkologinnen in die Öffentlichkeit gehen (siehe Medientipps). Das Thema Longevity, also wie ich bleibe ich lange gesund und kraftvoll, ist auch mehr in den Alltag eingekehrt. Das ist super und wichtig.
Warum ist es wichtig, aktiv zu werden und was kann man als Frau tun?
Es geht hierbei nicht nur um eine Therapie der aktuellen Symptome, sondern auch um die Prävention langfristiger Auswirkungen. Zum Beispiel Vorbeugung von Osteoporose, also dem Abbau der Knochensubstanz, und von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Viele Symptome können auch mit anderen Präparaten bekämpft werden, wie z.B. Zäpfchen bei Scheidentrockenheit. Dann bekämpft man jedoch nicht die Ursache und das ist nunmal der Hormonmangel. Hier hilft eine Hormon-Ersatz-Therapie, die einfach und gut zu Hause durchzuführen ist, z.B. über östrogenhaltiges Gel (oder Spray oder Pflaster), das auf die Haut aufgetragen wird, und Progesteron-Kapseln.
Hier werden dem Körper bioidentische Hormone zugeführt, was bedeutet das genau?
Bioidentisch heißt, dass sie vom Körper nicht als fremd empfunden, sondern als körpereigene Hormone wahrgenommen werden. Sie haben daher nicht die Nebenwirkungen klassischer Medikamente. Wenn man gesund ist, kann man damit nicht viel falsch machen. Natürlich gehört die Vorstellung bei einem Gynäkologen mit einer Aufklärung und Erklärung einer Therapie dazu. Es wird mit einer bestimmten Dosis gestartet und wenn die Symptome sich nicht verbessern, kann die Dosis angepasst werden. Die Hormone können auch jederzeit wieder abgesetzt werden, es kommt zu keiner Abhängigkeit. oder so. Ängste, die hier mitunter auftreten, basieren in der Regel auf einer mangelnden Aufklärung.
Gibt es ein bestimmtes Alter, in dem man mit den Hormonen starten sollte?
“Im Gegensatz zu Männern haben wir Frauen viel mehr hormonelle Umstellphasen und Extremsituationen.”
Nein, das ist nicht altersabhängig. Bei sehr jungen Patientinnen sollte man etwas genauer hinschauen, aber ab Mitte/Ende 30 deuten die Symptome auf den Start der Perimenopause hin, auch wenn Hormonmessungen durch die starken Schwankungen vielleicht noch nicht eindeutig sind. Eine Reaktion in der Arztpraxis wie “Sie sind zu jung dafür.” ist da nicht richtig. Hormone sind einfach ein unfassbar wichtiger Baustein im Leben einer Frau. Im Gegensatz zu Männern haben wir viel mehr hormonelle Umstellphasen und Extremsituationen. Pubertät, Schwangerschaft, Menopause, das ist ordentlich was. Wir Frauen wollen auch ab 40 leistungsfähig bleiben, im Beruf bleiben, lange fit und gesund bleiben. Wenn wir auf unsere Gesundheit aufpassen, gehört eine Hormon-Ersatz-Therapie in vielen Fällen dazu.
Sie haben es gerade angesprochen – in einigen Arztpraxen ist man leider noch nicht so weit wie Sie und propagiert die Durchhaltementalität oder verweist bei den Symptomen auf andere Ursachen wie z.B. Stress. Haben Sie einen Tipp, wie man die richtige Hilfe bekommt?
Suchen, bis man jemanden findet. Es gibt heutzutage viele Kolleg:innen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Auf keinen Fall aufgeben und alles aushalten. Sich selbst ernst nehmen und Hilfe suchen. Bei Freundinnen umhören oder gezielt gynäkologische Endokrinologen, also Hormonexperten, aufsuchen, es gibt hier große Praxen, die sich damit auseinandersetzen.
Haben Sie noch mehr Tipps, was wir uns in der Perimenopause Gutes tun können?
Ein wichtiges Thema ist auch der veränderte Stoffwechsel. Eine gesunde Ernährung und Sport sind natürlich unser ganzes Leben lang wichtig. Aber ab 40 baut unser Körper jedes Jahr drei Prozent Muskelmasse ab. Mit Kraftsport können wir dem und auch dem Abbau der
Knochendichte entgegenwirken. Bei der Ernährung sollte man nicht primär darauf schauen, was man alles nicht darf, sondern darauf, was man verbessern kann. Zum Beispiel mehr Gemüse zu essen oder mehr Proteine.
Liebe Frau Dr. Dittmer-Grabowski, wir danken Ihnen für Ihre Arbeit und das wertvolle Gespräch!
Wechseljahre / Perimenopause: Symptome
Diese Symptome können die Perimenopause begleiten (die Reihenfolge spielt keine Rolle):
- Hitzewallungen, Nachtschweiß
- Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen
- Depressionen und depressive Verstimmungen
- Schwindel
- Kopfschmerzen, Migräne
- Angst und Panikattacken
- Schlaflosigkeit und Durchschlafstörungen
- Herzrhythmusstörungen
- Gelenkschmerzen, “Frozen Shoulder”, Muskelschmerzen
- Verminderte Knochendichte
- Haarausfall, brüchige Nägel
- Trockene und empfindlichere Haut
- Trockene Schleimhaut und brennende Augen
- Empfindliche oder schmerzende Brüste
- Scheidentrockenheit
- Verdauungsprobleme
- Energielosigkeit
- “Brain Fog” (schlechteres Gedächtnis, Aufmerksamkeitsprobleme)
- Wassereinlagerungen
- Starke Blutungen, verkürzter Zyklus
- Gewichtszunahme
- vermindertes sexuelles Verlangen
Medientipps für die Perimenopause
Hier könnt ihr euch weiter zum Thema Perimenopause und die Hormonveränderungen in der Zeit vor den Wechseljahren informieren:
Buch
Woman on Fire:* Alles über die fabelhaften Wechseljahre
Dr. med. Sheila de Liz
rowohlt Verlag
288 Seiten
16 €
Hinweis: Wir verwenden Partnerlinks – wenn ihr einem dieser Links folgt und darüber einen Artikel kauft, erhält die POLA Media UG (haftungsbeschränkt) eine Verkaufsprovision. Diese Vergütung hat jedoch keinen Einfluss auf Auswahl und Bewertung der besprochenen Artikel.
Podcast
Hormongesteuert: Der Wechseljahre-Podcast mit Dr. Katrin Schaudig
Das Thema Perimenopause wird inzwischen auf vielen Seiten thematisiert, ihr seht das am Hashtag #wirsind9millionen. Als Instagram-Kanal finden wir aktuell @_me_not_pause_ am informativsten.
Kommt gut durch die Wechseljahre, ihr seid nicht allein!
Foto Dr. Christine Dittmer-Grabowski: privat
In unserer Rubrik “Gesundheit” haben wir weitere Tipps für euch, zum Beispiel:
* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
Lust auf mehr? Um über aktuelle Beiträge, Elterntipps, Rezeptideen, Bastelanleitungen und mehr auf dem Laufenden zu bleiben, hol dir unseren Newsletter und folge uns bei Instagram, Pinterest und Facebook!
* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
