“PMDS ist schleichend und unscheinbar!” – ein Interview mit 2 Expertinnen

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Etwa 3-8% der Frauen im gebärfähigen Alter leiden unter PMDS – einer prä-menstruellen dysphorischen Störung, verrät uns die Ärztin Dr. Artemis Kyriakareli, welche sich mit einem Team im Zentrum für Seelische Frauengesundheit im Vivantes Klinikum Spandau auf die Störung spezialisiert hat. Kristin von grandmasgarage.de litt jahrelang unter PDMS, ohne etwas davon zu wissen. Erst durch ihre Selbstrecherche wurde sie auf das Zentrum aufmerksam und dort positiv getestet. Wie sich die Störung bei ihr ausdrückte, woran ihr erkennt, dass ihr unter PMDS leidet und was ihr dagegen tun könnt, verraten uns die beiden Frauen im Interview. 

Kristin über ihr Leben mit PMDS

Liebe Kristin, wie verlief dein Leben, bevor du wusstest, dass du PMDS hast?

Kristin: Mein Leben war, besonders seit dem Verlassen meines Elternhauses mit 17, schon immer sehr turbulent. Ich bin viel umgezogen, war immer viel mit Freunden unterwegs und auf Veranstaltungen, hatte vielfältige Interessen und dadurch auch verschiedenste Jobs. Als ich meine heute 6jährige Tochter bekam und später alleinerziehend wurde, hat sich meine berufliche Laufbahn noch einmal stark verändert.

Mit dieser großen Veränderung ist leider mein vielseitiges Leben zum ganzheitlichen Stressfaktor geworden. Ich konnte lange nicht in Vollzeit arbeiten, was starke finanzielle Einbußen brachte. Auch ist es als Mutter eines Kleinkind sowieso kaum möglich, einen klassischen Job in Stabilität zu finden.

Also begann ich so vielseitig, wie meine Interessen eben waren, in vielen Teilzeitjobs zu arbeiten. Stress, Schlafmangel, Schichtdienste, Kinderbetreuung – und Organisation, Geld was gerade so ausreichte, damit einhergehende persönliche Unzufriedenheit und sinkender Selbstwert wurden Dauerzustand. Mein Körper begann abzubauen. Ich wurde von Jahr zu Jahr schwächer, müder, konnte mich nicht mehr regenerieren. Was in meinem Fall als Schneeballeffekt in PMDS mündete.

Was ist PMDS überhaupt?

PMDS ist eine starke Dysbalance in der Produktion und Verteilung der Hormone. Da Hormone Botenstoffe sind, welche bei einem Ungleichgewicht entweder zu viel oder zu wenig produziert werden, gibt es Probleme bei der Übermittlung der auszuführenden Körperfunktionen. Jedes Hormon steuert dabei unterschiedliche Prozesse – wie z.B. Körperfettanteile, Fitness in Bezug auf Konzentrationsfähigkeit oder Muskelstärke, Sexual – wie Fortpflanzungsfunktionen, Schlaf- und Ruherhythmus; Magen-Darm-, Schilddrüsen – oder Nierenfunktionen; Haut, Haare und Nägel, sowie Stimmung und Gefühlswelt.

Bei PMDS gibt es zumeist ein Problem mit dem Hormon Progesteron. Dies wird in der Nebenniere gebildet, die geschwächt zu sein scheint und bei der die Produktion der dort ansässigen Hormone gestört ist. Die Folge sind starke Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen, Angst- oder Aggressionsstörungen. Zusätzlich tauchen viele körperliche Beschwerden auf, die der PMS gleichen. Jedoch können diese sehr viel stärker und über einen Zeitraum von Wochen anhalten. Der Prozess ist schleichend und unscheinbar.

Und kann man sich darauf testen lassen?

Man kann sich zum Glück mit Hilfe von Hormontests darauf testen lassen. Hier streiten sich die Ärzte, Heilpraktiker und Coaches, welche Art die sinnvollste ist. Es gibt die Möglichkeit, per Bluttest testen zu lassen, sowie per Speichelprobe. Ich habe beide Wege gewählt, um mir selbst ein Bild zu machen. Beides ergab in meinem Fall dieselben Ergebnisse. Leider testet nicht jede:r gewöhnliche Hausärzt:in, nicht einmal Gynäkolog:innen. Die Verantwortlichkeiten werden gerne per Überweisung abgegeben oder belächelt, wenn man das Glück hat, dass sein vertraute:r Ärzt:in überhaupt schon davon gehört hat. PMDS ist nicht gänzlich als „Krankheit“ anerkannt, die Therapieform kaum finanziell lohnenswert oder wird schnell als „nur eine andere Form von Depression“ abgetan, gekoppelt an ein Rezeptangebot für Antidepressiva. Man sollte im Vorfeld gut recherchieren, welche Ärzt:innen dies testen können und möchten.

Wie drückt sich die PMDS bei dir aus?

Stutzig wurde ich, denn wie gesagt haben sich die körperlichen Veränderungen schleichend und beinahe unbemerkt eingestellt, als ich dauerhaft Unterleibsschmerzen hatte, als würde ich wenige Tage vor meiner Periode stehen. Zusätzlich hatte ich starke Müdigkeit und kaum aufhörende Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel (ähnlich einer Migräne). Zu diesem Zeitpunkt waren meine Symptome bereits sehr akut, weshalb ich einen erneuten Versuch startete, um herauszufinden, was mit mir nicht stimmte.

Zuvor wurde ich mehrfach auf Diabetes und Schilddrüsen-Fehlfunktionen getestet – natürlich ohne Auffälligkeiten. Außerdem wurde ich ständig damit konfrontiert, mir hormonelle Verhütungspräparate verschreiben zu lassen, im Sinne von: „Dann geht das schon weg!“. Ich habe fast zwei Jahre gebraucht, um allein herauszufinden, wo das Problem liegen könnte. Man kann zum Glück sehr vieles tun. Die Klinik, die mich betreut, bietet Verhaltenstherapien an, welche mir helfen, meine Stressfaktoren und Stimmungen zu ordnen und zu regulieren und den Fokus auf mich zu lenken.

Ich habe zudem meine Ernährung umgestellt (denn Hormonungleichgewicht wird oft von Allergien, Nährstoffmangel oder Unverträglichkeiten begleitet), meine Art, Sport zu treiben verändert, habe Achtsamkeit gelernt und mich mit Selbstwert beschäftigt. Außerdem halte ich mich von toxischen Einflüssen, Bekannten oder Freund:innen fern. Ich habe meinen Alkoholgenuss stark reduziert und einen Einklang zu meinem Zyklus gefunden. Ich musste mir eine strenge Rhythmik zulegen und mich meiner körpereigenen, natürlichen Sinuskurve anpassen. Es klingt immer cheesy, aber auch hier heilt man nur mit Ruhe und Zeit. Die gebe ich mir mittlerweile. Die Pandemie hat mir in diesem Fall gut in die Karten gespielt.

Du hast deine Ernährung umgestellt. Erzähl uns ein bisschen mehr darüber. 

Ernährung kann großen Stress für den Körperhaushalt auslösen. Entweder ist es eine grundsätzlich falsche beziehungsweise ungesunde Ernährung oder man isst diätisch, um optischen Idealen gerecht zu werden. In meinem Fall waren es ca. 20 Jahre Diät. Begonnen mit einer vorübergehenden stärkeren Essstörung, ging der kritische Blick auf den eigenen Körper nie verloren. Unbemerkte Mangelernährung (Nährstoffe wie Vitamin D, B oder Eisen) und Unverträglichkeiten (Gluten und Laktose) waren die Folge.

In meinem Fall äußerte sich das, als meine Symptome sich immer mehr verstärkten und ich zunahm, obwohl ich kaum noch aß und oft ins Fitnessstudio ging. Es war eine verkehrte Welt. Nach der Ernährungsumstellung (gluten- und laktosefrei, ballaststoff- und nährstoffreich, noch zuckerärmer, aber endlich fettreich) habe ich 10 Kilo innerhalb weniger Monate abgenommen, obwohl ich mittlerweile fast 3x so viel esse. Meine Müdigkeit ist insbesondere tagsüber verschwunden, sowie der allabendliche Heißhunger auf Süßes. Meine Organe scheinen es mir mit Energie zu danken.

An wen kann man sich dann wenden, wenn man den Verdacht hat, auch unter PMDS zu leiden?

Das ist leider nicht so einfach zu beantworten. Ich selbst habe fast zwei Jahre lang bei meinen Ärzten gefragt und um Diagnose gebeten. Gynäkolog:innen und Hausärzt:innen konnten oder wollten mir nicht helfen. Ich habe durch eigene Recherche und einem kleinen Blog-Beitrag die scheinbare Lösung gefunden. Mit dem Suchbegriff „PMDS“ konnte ich die Vivantes Klinik in Berlin Spandau finden, die eine kleine Fachabteilung haben. Ich habe angerufen, wurde getestet und war positiv.

Hilfreich ist es immer, wenn man ein Zyklustagebuch, besser sogar ein Alltagstagebuch führt. Darin sollte man täglich Dinge wie: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Magen-Darm Funktion, Periode und bestenfalls Eisprung, Stimmung und Einflussfaktoren wie Stress oder Entspannung notieren. Die Ärzte, die Hormondysbalancen diagnostizieren, fragen zumeist danach. Mittlerweile weiß man, dass es verschiedene Arten gibt, die sich jedoch in vielen Symptomen ähneln.

Liebe Kristin, wir danken dir für deine Offenheit! 

Dr. Artemis Kyriakareli über die Diagnose PMDS

Liebe Frau Dr. Artemis Kyriakareli, warum haben viele Frauen noch nie etwas von PMDS gehört, obwohl sie wahrscheinlich darunter leiden?

Frau Dr. Artemis Kyriakareli: Obwohl schätzungsweise etwa 3-8% der Frauen im gebärfähigen Alter unter PMDS leiden, ist die Erkrankung insbesondere im deutschen Sprachraum relativ unbekannt. Dies liegt vor allem daran, dass die Erkrankung in Deutschland noch nicht als eigenständige psychische Erkrankung gilt. In den USA beispielsweise ist das anders, aber ab dem nächsten Jahr gibt es auch in Deutschland einen Fortschritt, denn ab 2022 wird die PMDS als eigenständige psychische Erkrankung gelten.

Wie sieht es bei den Ärzt:innen aus?

Hausärzt:nnen und Gynäkolog:nnen sind nicht auf die wichtige Rolle, die Hormone auch im Gehirn spielen, spezialisiert und verstehen deswegen oft nicht, wieso Frauen nach dem Eisprung unter derartigen Beschwerden leiden. Diese Frauen werden dann oft als ‚neurotisch‘ oder ‚hysterisch‘ abgestempelt. Als Psychiater:in möchte man natürlich auch nicht, dass physiologische Vorgänge im weiblichen Körper als krankheitswertig gelten, was ja dazu führen könnte, dass manch einer der Meinung wäre, Frauen seien zwei Wochen im Monat nicht ‚zurechnungsfähig‘. Deswegen muss die Diagnose sehr sorgfältig gestellt werden.

Warum ist es immer noch so schwer, Expert:innen für PMDS zu finden?

Das Verständnis für PMDS setzt Kenntnisse über den weiblichen Hormonhaushalt und dessen Relevanz für den Hirnstoffwechsel voraus. Da Experten zu finden, ist schwer, da jedes medizinische Fach seinen eigenen ‚Tellerrand‘ hat, über den es selten hinausschaut. Im Zentrum für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Klinikum Spandau und am Humboldt Klinikum sind wir genau auf solche interdisziplinären Fragestellungen spezialisiert.   

Woran erkennt man, dass man unter PMDS leidet?

Um zu erkennen, ob man unter PMDS leidet, ist im ersten Schritt die Selbstbeobachtung wichtig: Über mindestens zwei Zyklen sollte die betroffene Frau genau dokumentieren, welche körperlichen und psychischen Symptome in welcher Ausprägung wann im Zyklus auftreten.

Einen 28-Tage Zyklus vorausgesetzt, ist bei PMDS die 2. Zyklushälfte nach dem Eisprung betroffen. Die Beschwerden verschwinden mit Einsetzen der Menstruation oder kurz danach. In der ersten Zyklushälfte, also in den 14 Tagen vor dem Eisprung, ist die Frau symptomfrei. Es können verschiedene körperliche und psychische Symptome auftreten, die häufigsten sind: Wassereinlagerungen, Kopfschmerzen, Gewichtszunahme, schmerzende Brüste, Heißhunger, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Weinerlichkeit, Aggressivität, Kontrollverlust, mangelndes Selbstwertgefühl, Stimmungstief, Unruhe, Angst und Anspannung.

Diese Symptome treten in geringer Ausprägung bei vielen Frauen auf. Um die Kriterien einer PMDS zu erfüllen, muss ein erheblicher Leidensdruck vorliegen und das Leben der betroffenen Frau massiv eingeschränkt werden. Typisch sind Beziehungskrisen, Probleme am Arbeitsplatz oder Dünnhäutigkeit den eigenen Kindern gegenüber.  

Lässt sich PDMS heilen oder kann man etwas tun, um die Symptome zu lindern?

Eine Frau kann viel tun, um die PMDS-Symptome zu lindern oder zum Verschwinden zu bringen. In jedem Fall sollte sie sich aber fachfraulich beraten lassen. Neben Ernährungsmöglichkeiten, bestimmten sportlichen Tätigkeiten und Achtsamkeit, stehen auch sehr effektive und gut verträgliche hormonelle Therapien zur Verfügung. Wenn das nicht ausreicht, kann fachärztlich auch eine sehr niedrig dosierte Therapie mit Antidepressiva in der 2. Zyklushälfte versucht werden.

Nicht gut ist, in Eigenregie zu versuchen, mit Mönchspfeffer oder irgendeinem Pillenpräparat die Symptome zu lindern. Das kann die Symptome verschlimmern. Im Zentrum für seelische Frauengesundheit helfen wir, PMDS zu diagnostizieren, von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen und vor allem die Symptome zu lindern. Dabei setzen wir auf sorgfältige medizinische Diagnostik, Arztgespräche, psychologische Interventionen und Beratungen, Gruppenangebote und wenn erforderlich, sozialmedizinische Unterstützung. 

Liebe Frau Dr. Artemis Kyriakareli, auch vielen Dank an Sie! 

Weitere Interviews mit Ärzt:innen findet ihr in unserer Kategorie “Gesundheit“.

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Foto: Kristin Eichmann

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