Lass Dein Kind ein Arschloch sein

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Sozialverträgliches Verhalten ist ein Grundpfeiler unseres Zusammenlebens. Das steht außer Frage. Wo kämen wir denn hin, wenn ich jeden Rolltreppensteher am Ende der bequemen Beförderungsmaschine einfach schubsen würde, weil ich mich über die erzwungene Verringerung des Mindestabstandes bis in den Minusbereich ärgere oder verblendeten AfD-Protestlern einfach das dumme Schild um die Ohren hauen würde. Ich möchte gern, aber meine gute Erziehung verbietet es mir. Toleranz, Respekt und Selbstbeherrschung sind essentiell für ein gutes Miteinander. Kleine Kinder haben davon keinen Schimmer. Würde man sie lassen, wäre jeder Spielplatz, jeder Kindergeburtstag und jeder Spielenachmittag ein einziges Handgemenge. Also bemühen wir uns schon früh darum, unseren Kindern klarzumachen, wie das hier so läuft auf der Erde. Ein Tag mit einem Kleinkind besteht einerseits darin, dafür zu sorgen, dass es sich nicht aus Versehen umbringt und andererseits muss man zusehen, dass der putzige Sprössling anderen keinen Schaden zufügt. Das sind quasi die Basics und die sind so wichtig, dass gebotene Höflichkeiten, wie am Tisch doch bitte nicht eine Minute lang durchzufurzen, erstmal hinten anstehen müssen. Da sind wir bei Kleinkindern noch nachgiebig, bei Erwachsenen hingegen kommt jegliches Fehlverhalten einem Sündenfall gleich.

Unsere Ansprüche sind aber auch ziemlich hoch: Wir erwarten ein bestimmtes Verhalten von unseren Freunden, Partnern oder Nachbarn. Der Gradmesser für korrektes Benehmen ist dabei immer auch unser eigenes Wertesystem, was nicht selten dazu führt, dass wir wegen unserer eigenen Gedanken beleidigt sind. Die Freundin sagt kurzfristig ab? Unzuverlässige Kuh! Der Partner kritisiert uns? Gegenangriff! Der Nachbar hat im Hausflur nicht gegrüßt? Gut, seine scheiß Pakete kann der ab jetzt am anderen Ende der Stadt abholen! Wir sind schnell, wir sind hart und wir sind unerbittlich, wenn jemand mit seinem Verhalten nicht unseren Erwartungen entspricht. Und weil wir das wissen und alle selbst schon erfahren haben, wie es ist, sich wegen eines Fehltritts zu schämen, geächtet und verstoßen zu werden, machen wir uns Sorgen, dass es unseren Kindern auch so geht. Außerdem gilt der Nachwuchs als Ausweis unserer erzieherischen Fähigkeiten und damit als Zeugnis der eigenen Verhaltensstandards.

Eltern sind deswegen ständig darum bemüht, etwaiges Fehlverhalten der lieben Kleinen sofort zu sanktionieren und zu korrigieren. Wenn jetzt also ein Zweijähriger ein gleichaltriges Kind am Schlafittchen packt und durchrüttelt, weil es die Buddelschippe nicht hergeben will, sind wir geschockt und zwar kollektiv. „Das geht doch nicht, das darf doch wohl nicht wahr sein, das ist ja unerhört.“ Ich schreite also immer sofort energisch ein, sobald mein Kind unerwünschte Handlungen zeigt. Bei meinem ersten Kind bin ich noch rot angelaufen, wenn die süße Kleine sich rabiat durchsetzen wollte und habe extra laut und vor allem für die anderen Eltern gut hörbar erklärt, warum ich das nicht billige. Ich habe geschimpft und die Schippe schnellstmöglich selbst zurückgegeben. Richtig so, oder? Jein, denn meist heulten dann beide Kinder. Aggressives Verhalten sollte in jedem Falle unterbrochen werden, das ist klar. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass es sich hier nicht um den Anfang einer Gewaltspirale handelt, die wir als Eltern in irgendeiner Form begünstigt haben. Einem Zweijährigen, der Backpfeifen verteilt, um den letzten Keks zu verteidigen, winkt noch lange nicht der Jugendknast. Es handelt sich schlichtweg um Alternativlosigkeiten bei der Problemlösung.

Kleinkinder haben einfach noch kein Konzept für Selbstkontrolle und Konfliktlösung. Erst ab ungefähr zwei Jahren entwickelt sich ihr Sozialverhalten. Mit zunehmender Sprachfähigkeit werden immer häufiger andere Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung ausprobiert, also Wünsche und Bedürfnisse äußern und Verhandeln z.B.. Nach und nach wird so immer weniger gebissen, gehauen oder der Tisch mit einem Wisch leergefegt. Die Herausforderung bei den Eltern liegt darin, diese Phase als das zu akzeptieren, was sie ist: Eine Phase, für die wir uns nicht rechtfertigen oder, und das ist der wesentliche Punkt, dem Kind Schuldgefühle einreden müssen. Es ist total okay, den sandigen Wutzwerg aus der Buddelkiste zu heben und ihm ruhig zu erklären, warum es falsch war, solange in die Hand des Spielkameraden zu beißen, bis dieser die Schippe loslässt. Letztlich muss auch das bissige Kind in den Arm genommen werden, denn es hat auch Gefühle, die mit Strafe oder Schimpfen nicht richtig angenommen werden. Trotzdem kann eine Konsequenz auch sein, den Spielplatz ganz zu verlassen, denn wie schnell das Kind einsichtig ist, hängt eben vom Kind ab. Es ist aber ein Unterschied, ob ich mit dem kleinen Mike Tyson unterm Arm und dem Gesicht zur Faust geballt gehe, oder den kleinen Racker nach der Ansprache zu sozialem Verhalten nochmal durchkitzle.

Kinder müssen viele Fehler machen dürfen und je mehr wir davon mit Trost und Wärme begleiten können, desto besser kommen sie später klar, wenn sie ihre Fehltritte alleine regeln müssen. Bis dahin sind Kinder manchmal einfach kleine Arschlöcher und das ist ganz normal. Mein Sohn ist 2,5 Jahre alt und probiert gerade aus, ob es weniger Ärger gibt, wenn er gleich und sofort mit der ganzen Kekspackung wegläuft und sich versteckt. – Besser! Aber auch nicht so richtig sozial. Hier ist das elterliche Impulsreferat zum Thema „Teilen und Freundschaft“ gefragt und vor allem Selbstbeherrschung, denn es ist ja auch ein bisschen lustig, dass er glaubt, er würde damit durchkommen. 

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