Erste Hilfe am Kind: „Die Angst, etwas falsch zu machen, hemmt viele Eltern!“

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Bei euch ist ein Baby unterwegs oder vielleicht schon auf der Welt? Dann empfehlen wir euch, einen Erste Hilfe-Kurs speziell für Babys und Kinder zu machen! Warum das wichtig ist und was ihr hier lernt, erzählt euch in unserem Interview Kursleiterin Julia Ketturakat (41), selbst Mutter von zwei Töchtern im Alter von 8 und 13 Jahren. Dazu gibt es erste praktische Tipps für euch!

Liebe Julia, wie kamst du dazu, Erste Hilfe-Kurse speziell fürs Kind anzubieten?

erste hilfe baby kind interviewJulia Ketturakat: Ich bin ausgebildete Kinderkrankenschwester und Mega Code Trainerin für Kindernotfälle und habe schon bei der Arbeit auf der Entbindungsstation und im Kinderzimmer gemerkt, dass es hier viele Unsicherheiten und einen großen Informationsbedarf gibt. Ich habe dann per Fernstudium an der Charité das Diplom zur Medizinpädagogin gemacht und arbeite heute am Ausbildungszentrum für Gesundheit und Pflege in Nauen. Schon während des Studiums habe ich angefangen, freiberuflich verschiedene Elternkurse anzubieten, unter anderem zur Ersten Hilfe am Kind.

Das Üben gibt Sicherheit.

Was sind die größten Gefahrenquellen für Babys und Kinder?   

Der Klassiker ist der Sturz vom Wickeltisch. Die Eltern bekommen den Moment nicht mit, wo das Baby anfängt, sich zu drehen, und denken, es liegt da ja still, ich hole mal schnell die vergessene Windel oder den Body. Wichtig ist es, beim Wickeln IMMER eine Hand am Kind zu lassen, auch beim Bücken. Und natürlich, vorweg alles Benötigte auf dem Wickeltisch parat legen, so dass man gar nicht erst in Versuchung kommt! Wenn die Kinder anfangen, sich selbstständig zu drehen, wechselt man besser auf den Fußboden und wickelt dort, manche Babys sind da sehr agil.

Ein zweiter häufiger Unfall sind Verbrühungen, wenn das Kind die Tasse mit dem heißen Kaffee oder Tee vom Tisch zieht und sich über das Gesicht und Dekolletee kippt. Hier gilt es, die Dinge außerhalb der Griffweite zu stellen und den Herd z.B. durch ein Gitter zu schützen.

Warum ist ein Erster Hilfe Kurs für Babys & Kinder zu empfehlen?

Gerade Ersteltern haben viele Ängste und Unsicherheiten. Die Angst, etwas falsch zu machen, hemmt viele Eltern. Sie machen dann im Notfall gar nichts und stehen in Schockstarre da. Durch den Kurs werden Ängste genommen und Hemmschwellen abgebaut, das bestätigen die Teilnehmer:innen mir immer wieder. Es kann nichts kaputt gehen! Viel schlimmer ist es, nichts zu machen.

Es muss sofort gehandelt werden!

Was sollte man im Notfall tun?

Auf jeden Fall die 112 anrufen! Hier wird man in der Regel am Telefon begleitet und aus der Ferne etwas angeleitet, bis der Notarzt vor Ort ist. Das Gehirn MUSS mit Sauerstoff versorgt werden, um keine bleibenden Schäden hervorzurufen, die schon nach drei Minuten ohne Luft entstehen können – der Notarzt ist jedoch frühestens nach 10-15 Minuten vor Ort. Es gilt, die Zeit zu nutzen und zu sofort zu handeln und Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen!

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen!

Was sind Unterschiede zur Ersten Hilfe am Erwachsenen? 

Der Erste Hilfe-Kurs, den man vor vielen Jahren für den Führerschein gemacht hat, hilft bei Kindern nur wenig. Zum einen hat sich die Wiederbelebungsformel in den letzten Jahren immer mal wieder geändert. Zum anderen sind Kinder keine kleinen Erwachsenen!

Zum Beispiel sind Atemfrequenz und Herzfrequenz bei Babys und Kindern viel schneller. Bei der Beatmung pustet man auch viel weniger Luft in die Lunge und überstreckt den Kopf nicht. Die Herzmassage erfolgt mit deutlich weniger Druck und nur mit zwei Fingern, dafür aber viel schneller.

Wird das im Kurs auch praktisch geübt?

Ja! Ich habe dazu eine Erste-Hilfe-Babypuppe und eine Junior-Puppe vor Ort, die per App direkt Feedback gibt, ob man zum Beispiel richtig und tief genug gedrückt hat. Die praktischen Übungen geben Sicherheit und werden daher auch aktuell bei den Corona-Einschränkungen angeboten. Die Theorie machen wir in den Kursen derzeit per Zoom-Videokonferenz gefolgt von Einzelterminen in den Kursräumen für die praktischen Übungen.

Mal abgesehen von solchen absoluten und zum Glück seltenen Notfallsituationen – welche Themen werden in deinen Kursen noch behandelt?

Zunächst geht es um Prävention – wie gestalte ich die Wohnung kindersicher? Dann geht es auch ums Verschlucken, wir üben zum Beispiel mit einer speziellen Weste das Heimlich-Manöver, um Fremdkörper zu entfernen. Dazu thematisiere ich Stürze, Frontzahntraumata, Prellungen und Verstauchungen oder auch den Umgang mit Insektenstichen, Fieberkrämpfen und Pseudokruppanfällen.

Wann sollte man den Kurs am besten besuchen?

Am besten schon, bevor das Baby auf die Welt kommt! Dann haben beide Eltern Zeit – die Kurse sind meist am Samstag und dauern vier Stunden. Ist das Baby erstmal da, setzen bei den meisten Schlafmangel und „Stilldemenz“ ein und man kann sich nicht mehr so gut konzentrieren. (lacht) Aber auch mit Baby sind beide Eltern herzlich willkommen! Wir machen ausreichend Pause und es gibt auch immer einen kleinen Raum zum Stillen und Wickeln.

Hast du abschließend konkrete Tipps für unsere Leser:innen zum Thema Erste Hilfe am Kind?

Sehr gern:

  1. Speichert euch die wichtigsten Notfallnummern ins Handy. Dazu gehören z.B. die Nummern vom Kinderarzt und vom Bereitschaftsdienst. So braucht man im Notfall nicht lange zu suchen.
  2. Begebt euch auf alle Viere und kriecht durch eure Wohnung und schaut, was aus der Kinderperspektive alles gesichert werden muss. Die Monate vergehen schnell und plötzlich krabbelt das Kind. Dazu gehören Steckdosen, Kanten und auch hängende Kabel, die man aktuell im Home Office fast überall in größeren Mengen hat. Aber auch Treppen oder Türen müssen gesichert werden.
  3. Und natürlich: Macht einen speziellen Erste Hilfe-Kurs am Kind, bevor das Baby kommt, besonders wenn ihr hier sehr ängstlich seid.

Abschließend möchte ich den Eltern noch sagen: Man kann nicht alles verhindern! Die Kinder sollen trotzdem klettern und sich frei entfalten und dürfen ruhig auch mal eine Beule bekommen.

Liebe Julia, wir danken dir für das interessante Gespräch und die wertvollen Tipps!

Kursangebote zur Ersten Hilfe am Kind

Ihr wollt einen Erste Hilfe-Kurs am Kind machen? Diese gibt es eigentlich in jedem größeren Ort – Kursveranstalter sind vor allem das Deutsche Rote Kreuz, Die Johanniter oder Malteser. Auch viele Hebammenpraxen und Krankenhäuser bieten Erste Hilfe am Kind an.

Die Kurse von Julia gibt es für alle in Potsdam und Umland an folgenden Orten:

  • Hebammenpraxis von Ellen Fricke in der Yorckstraße in der Potsdamer Innenstadt
  • in Kladow bei „Kugelsicher“
  • bald auch in Nauen in der neuen Elternschule, die von Julia geleitet wird (elternschule@agp-havelland.de)

Unter babysmile-potsdam.de findet ihr alle Informationen und könnt Julia kontaktieren, um die nächsten freien Termine anzufragen und euch anzumelden!

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