Kolumne: Die braune Phase

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Als meine Tochter ungefähr fünf Jahre alt war, verabredeten wir uns mit einem befreundeten Vater und seinem Sohn zu einem Ausflug nach Berlin. Kaum hatten wir die Regionalbahn betreten und auf einem Vierer Platz genommen, galt es, die aufgeregten Kinder zu beschäftigen. Erst wurde ein Buch ausgepackt, dann Stifte und Papier. Beide malten brav an ihren Bildern und waren damit mindestens 5 Minuten beschäftigt. Den Rest der Zeit überbrückten wir mit Snacks und der klassischen „Guck mal da“-Animation aus dem Zugfenster heraus. Dann kam unsere Haltestelle und wir Erwachsenen packten alles wieder zusammen. Ich rollte gerade das Malergebnis meiner Tochter ein, neigte mich dabei konspirativ zum Vater, der das Gleiche tat und raunte ihm verschmitzt zu: „Na, die drei ambitionslosen Farbstriche wirfst du zu Hause doch auch in den Müll, oder? Zwinki, Zwonki?! Er sah mich an, als hätte ich gerade angeboten, mit den Kindern ein paar leckere Pfeffis zu kippen und sagte: „Äh, nein?! Ich hefte das zu Hause alles ab – mit Datum!“ Mein Lächeln fror ein und plötzlich hätte ich wirklich gern einen Schnaps getrunken. „Oh“, sagte ich verschämt. „Nun. Ja. Schön, schön.“ Der Zug hielt. Es war Zeit zum Aussteigen.

Kunst aus Klopapierrollen

Der Tag war richtig toll. Auf der Rückfahrt wurde auch wieder gemalt und zwischendrin beim Kaffeetrinken. Immer sammelten wir danach die Bilder ein. Immer hatte ich ein schlechtes Gewissen und fragte mich, ob ich beim Kinderkunstwerke-Aufheben nicht auch den Anspruch an Vollständigkeit erfüllen sollte? Alle Häkelgummiarmbänder, Tuscharbeiten, Knetfiguren, Nudelketten, Kastanienmännchen, alle verbastelten Saison-Themen, die zu Hause, in der Kita, bei Freunden oder den Großeltern von morgens bis abends künstlerisch umgesetzt werden? Auch den schlecht gearbeiteten Salzteig in dubiosen Tierformen oder – besonders heikel – weil alltagstauglich: das Windlicht oder die Vase aus Klopapierrollen? Und ich rede hier nur von den Ergüssen eines einzigen verregneten Wochenendes. Wo bitte lagert dieser Vater, die über Jahre angefertigten Bastelarbeiten und Bilder? Ich habe zudem zwei Kinder. Versteht mich nicht falsch, ich bin absolut für Kreativität, aber nicht alles ist Kunst oder eine Erinnerung.

Selbst gebastelte Geschenke werden natürlich alle behalten, aber die alltäglichen Schöpfungen lassen meinen Stauraum ächzen. Mein dreijähriger Sohn malt z.B. gerne Sonnen. Nur ich und der Vater wissen, dass es Sonnen sind. Weder Farbe noch Form geben einen entsprechenden Hinweis. Böse Zungen würden nun sagen, es ist Kräkelkrakel. Dieses „Malen“ hat ein Level an Produktivität erreicht, das sich jedes deutsche Unternehmen nur wünschen kann. In zwei Minuten hat das Kind drölfzig Sonnenstudien angefertigt. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, er hat nie eine gesehen. Und in Anbetracht der Anzahl sehen wir auch schon längst keine mehr. Mit der Menge eines einzigen Sonntagnachmittags könnte ich locker Schloss Sanssouci tapezieren. Auch die Fassade. Daher erlaube ich mir, bei der kreativen Üppigkeit ein bisschen nach Fortschritt auszuwählen. Es ist nämlich so, dass egal, wie viele farbenfrohe Fingerfarben ich dem Kind hinstelle: Am Ende ist alles auf dem Blatt braun. Mir reicht es daher wirklich, ein Exemplar als Zeugnis seines gestalterischen Entwicklungsstandes zu bewahren. Sollte er sich irgendwann von seiner braunen Phase verabschieden, bin ich gern bereit, das Portfolio zu erweitern. Solange nehme ich mir die Freiheit, die monochromen Dubletten heimlich nach ein paar Wochen der Ausstellung zu entsorgen.

Der zerfranste Orkan-Boris

Einmal ging das jedoch schief. Da habe ich das Plakat mit dem Löwen und der Mähne aus Herbstblättern in den Papiermüll geworfen. Mein Sohn hatte nach drei lieblos aufgeklebten Lindenblättern keinen Bock mehr und ich bemühte mich bis zuletzt darum, seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Leider erfolglos. Mein (!) Bild hing dann an seiner Zimmertür und verlor mit jedem Durchgang dröge Blätterkrümel. Der Löwe sah nach ein paar Wochen aus wie Boris Johnson nach einem Orkan. Zeit für die Tonne dachte ich. Dem Jungen fiel sein Fehlen gar nicht auf, bis er zufällig in den Papiermüll sah. „Mein Blääääätterlööööööwe“, wer hat den denn weggeschmissen?“ fragte er. Es tat mir natürlich unglaublich leid und ich gab kleinlaut zu, dass ich es war. Seinen entsetzten Blick werde ich so schnell nicht vergessen. Also musste der zerfranste Orkan-Boris aus Blätterresten wieder an die Tür. Selbstverständlich gelobe ich seitdem Besserung. Das war mir eine Lehre.
In Zukunft lasse ich mich nicht mehr erwischen und bringe die Tonne gleich ins Altpapier. Zwinki, Zwonki.

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