Kleiner Fuckt am Rande: Insgesamt liegt man viel zu wenig am Strand

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Der Urlaub hat Glück, dass er nicht aus der Mode gekommen ist. Zumindest bei Eltern. Denn eins vorneweg: Meine Empfehlung, wenn man mit Kindern in den Urlaub fährt, ist grundsätzlich: Man sollte erholt genug dafür sein! Als ich vor Jahren noch zwei Kleinkinder hatte, war auch das Thema Urlaub ein Reizthema. As if – dachte ich. As if ihr das alle wirklich mögt.

Bei einem Urlaub mit Kindern gelten andere Regeln. Hier ist der Weg definitiv nicht das Ziel. Kopfhörer an, aus, die Rassel fällt runter, Kassette rumdrehen, es gibt ’ne Staumeldung, die Rassel ist langweilig, Kassette zum Lied spulen, wir müssen von der Autobahn, die Sonne scheint ins Gesicht, Kassette ist doof, uns fehlt das Pickerl, der Schnuller ist weg, ’ne neue Kassette, ich muss Pipi und dem Baby mal ’ne Milch mischen, der Kopfhörer ist zu eng, die Umleitung ist überfüllt, wo ist das Milchpulver?, das Pferd hat sich in der Tasche verfangen, wieder auf der Autobahn, Windel voll, das Pferd will noch seinen Pferdefreund zum Spielen haben, ups – falsch gefahren, man will einen Keks, das Stofftier ist außer Reichweite, ich habe Durst, es wird noch ein Keks verlangt, das Stofftier ist unauffindbar, nimm mir doch mal die Flasche wieder ab, der Keks soll „auf“ sein (Prinzenrolle), wieder Sonne im Gesicht, Stau – Stop and Go, wann sind wir da?, verstell doch mal den Babysitz in Schlafposition, beide schlafen ein, wir sind da.

Bei uns dauerten die Fahrten dann auch immer noch extra extra lang, weil wir einen 40 Jahre alten Knaus-Campingwagen hinter uns herzogen, mit dem man maximal 100 km/h fahren darf. 17 Stunden haben wir auf zwei Etappen nach Südfrankreich gebraucht. Ich weiß, man darf seine Kinder nicht an der Raststätte aussetzen. Ich weiß das!

Urlaub verliert ab dem Zeitpunkt des Elternwerdens für viele Jahre einen wesentlichen Sinn: Erholung. Vor allem dann, wenn mehrere Kinder im Spiel sind, hängt eines ab 19 Uhr in den Seilen und eines joggt extatisch bis 22 Uhr um die Tische. Morgens bedeutet das dann eine variable Anzahl an unausgeschlafenen und gelangweilten Menschen, bis irgendwie gegen 11 Uhr alle zweimal gefrühstückt und trotzdem welche Hunger haben und irgendwem auf dem Weg an den Pool einfällt, dass sie ihre Meerjungfrauenflosse vergessen hat. Zuhause. Die Wut fährt mit. So wie alle anderen Entwicklungsschübe und kindliche Bedürfnisse eben auch. Ob man gerade an der Supermarktkasse steht, zuhause im Kinderzimmer oder in der Lobby des Holiday Inn in Barcelona ist einer juvenilen Synapse, die gerade durchbrennt richtig egal. Sogar noch egaler. Denn schleppt man Kinder durch heiße Orte oder setzt sie anderweitig Touristen-Attraktionen aus, sind auch sie: Überreizt. Und irgendwie fehlen fünf Stunden Kita.

Am Meer, am Pool – jedenfalls an diesen Orten, wo andere rumliegen, packen Eltern permanent Kekse aus oder in Dosen, putzen Nasen, wechseln Badekleidung, pusten Dinge auf, suchen etwas, trösten, gehen auf Toiletten oder diskutieren. Und die Orte, auf denen das alles stattfindet, nennt man Liegen. Ich musste mich schmerzhaft von meinem Ideal verabschieden, dass Urlaub zum Entspannen da ist. Urlaub ist irgendwie nur noch zum Nicht-Zuhause-Sein da. Oder zum Wir-machen-den-gleichen-Kram-wie-immer-nur-an-einem-anderen-Ort-und-etwas-komplizierter-dafür-aber-mit-Fotos-in-schön. Wobei: Wenn man mal eine Minute hat, verklebt man mit den Sonnencremeresten an der Hand die Linse der Handykamera und kann nicht mal ein Bild von diesem geilen Holiday machen #blessed.
Urlaub.

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