Kleiner Fuckt am Rande: Eine gute Mutter, die keine mehr sein wollte.

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Mit der Zeit begann ich zu verstehen, dass die Ansprüche, die andere und ich an mich als Mutter stellten, gar nicht wirklich wichtig waren, sondern ein Abbild dessen, was wir alle von der Pieke auf über das Muttersein erzählt bekommen. Zeit also, das zu hinterfragen.

Es ist Thermomix: Eier, Mehl, Zucker rein – Kuchen raus. Applaus. Jeder hat’s erwartet, allen schmeckt’s. Im Kreißsaal funktioniert das ähnlich: Frau rein, Mutter raus. Applaus. Jeder hat’s erwartet. Alle sind begeistert. Nach ein paar Stunden im warmen Kreißsaal ist das Baby geboren. Die frisch gebackene Mutter liegt herum. Ob schon ganz durch oder nur halbgar – das kommt sehr darauf an und gleichzeitig kommt es darauf überhaupt nicht an. Sicher ist nur: Wir verlassen diesen Ort ganz anders, als wir gekommen sind. Es gibt wohl kaum eine andere Schwelle, kaum ein anderes Gebäude, in das wir unseren Fuß setzen und aus dem wir so verändert wieder nach Hause zurückkehren. Ob wir das fühlen, was da gerade mit uns passiert ist oder nicht, hat für unsere Umwelt meist eine unerhebliche Bedeutung. Es scheint mitunter vernachlässigbar, ob eine Frau sich mit der neu gewonnen Bestimmung identifizieren kann. Fast meint man, es müsse sich hier um eine belanglose Befindlichkeit handeln, wenn eine Frau sich zwischen den nun plötzlich an sie gestellten Ansprüchen eher deplatziert fühlt. Dank den Erwartungen und Ansprüchen unserer Umwelt, klebt aber ohnehin eine dicke Glasur „Prototyp Mutter“ schon beim Verlassen des Kreißsaals an uns fest. Fett zugespachtelt als Umhüllung, dann fällt’s auch nicht so auf, was drunter ist.

Für manche passt der Guss perfekt. Für viele ist es aber wie der falsche Lippenstift zum guten Outfit, der unpassende Wein zum Gala Dinner, das falsche Lied beim ersten Kuss: Es passt einfach nicht. Es schmeckt nicht. Es ist einfach nicht das Richtige. Dabei hat das doch alles überhaupt nichts mit Geschmack zu tun, es hat zu tun mit Erwartungen, Ansprüchen und Vorstellungen. Denen der anderen und den eigenen. Es hat mit dem Idealbild der Mütter zu tun, das wir seit Generationen in unserer Gesellschaft in Familien, Büchern und Filmen abbilden. Eine Geschichte, die wir wieder und wieder erzählen und die sich wie eine Selbstverständlichkeit anfühlt. Eine Geschichte von Selbstaufgabe und Opferbereitschaft. Überhöht und unrealistisch und doch so echt.

Problematisch für alle, die ihr nicht entsprechen. Denn das schlechte Gewissen und das Gefühl als Mutter zu versagen, sind so selbstverständlich wie die Windeltorte zur Babyshower. Anstrengend genug, sich die Glasur wieder vom Leib zu schaffen, anstrengend genug, danach als Frau zu existieren, die zwar auch Mutter ist, aber eben nur „auch“. Anstrengend, den Anspruch zu erheben, weiterhin die Frau zu sein, die man vorher war oder eine andere. Mehr aber eben als eine Mutter. Die Tatsache, dass Frauen, die sich aus den gängigen Klischees lösen, noch immer als außergewöhnlich wahrgenommen werden, zeigt, wie tief verwurzelt unser Bild von der richtigen Mutter ist.Dabei kann das Gebären eines Kindes doch keine Gleichmacherei bedeuten. Der bloße Vorgang des Kind-auf-die-Welt-bringens – wie soll das bloß diese Vielfalt an Frauen auf ein einziges, oberflächliches Klischee herunterbrechen? Warum glauben wir, dass die Geburt eines Kindes diesen Reichtum an Verschiedenheit, auf ein einziges märchenhaftes Abziehbildchen reduzieren kann? Wir waren und sind verschieden. Wir sind vielgestaltig, bunt und üppig. Ein Sammelsurium an Typen, ein Mosaik, durcheinander, ein gutes Ragout, unordentlich und uneinheitlich. Und das dürfen wir bleiben. Das sollten wir dürfen. Allein in unserem ureigenen Interesse sollten wir das. Mütter, die nach wie vor auf ihre Leben bestehen. Mütter, die nach wie vor auf ihre Bedürfnisse pochen. Mütter, die wie alle anderen Menschen diese Welt aus sich heraus erleben. Für sich und die andere.

Unsere Ziele verschwinden nicht plötzlich. Unsere Bedürfnisse lösen sich nicht in Luft auf. Auch nicht, wenn man uns das seit Generationen erzählen mag. Wir sind ebenso hungrig auf dieses Leben wie jede:r andere hier. Sind ebenso gierig nach Erfüllung. Und diese Erfüllung bedeutet eben nicht für alle Mütter: Kinder.

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Foto: Tante Kante

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1 Comment

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  1. says: Anouschka

    Hört sich nach sehr viel Wut und Frustration an. Klar hat man als Frau/Mutter weiterhin Bedürfnisse. Die Kinder, für die man sich entschieden hat, können ja nun aber nichts dafür, dass sie eine Mama „brauchen“, dafür sind sie eben Kinder und keine Erwachsenen… es sind Phasen, durch die wir und auch die Kinder gehen. Mal brauchen sie uns mehr, mal weniger. 🙂 Und ja, das Leben ändert sich mit Kindern… wie wertvoll, und was für ein Privileg, dass wir sie eine Zeit lang begleiten, prägen und ihnen das Leben erklären dürfen, bis sie Flügel bekommen… 🙂