„Wir müssen verstehen, dass wir reingedrängt werden in diese Übermutterrolle.“ – Interview mit Alexandra Zykunov

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Kürzlich meinte eine jüngere Kollegin zu mir „Nina, du bist ja echt eine richtige Feministin!“ Ich habe das als Kompliment verstanden und wusste ad hoc trotzdem nicht, was ich antworten sollte. Wie könnte ich keine Feministin sein? „Na ja, es gibt halt noch sehr sehr viel Gesprächsbedarf in Sachen Gleichberechtigung.“, antwortete ich, lieh ihr meine Ausgabe von FRAUEN SCHULDEN DIR GAR NICHTS von Florence Given und dachte nach. Hätte ich mich vor 10 Jahren, unverheiratet und ohne Kind, auch schon als Feministin bezeichnet? Ehrlicherweise trug ich damals Fast Fashion T-Shirts mit der Aufschrift GRLPWR, hatte von Intersektionalität noch keinen blassen Schimmer und fühlte mich ziemlich emanzipiert. Dann bekam ich ein Kind und schon bald sah ich mich mit Aussagen konfrontiert wie „Das ist nun mal deine Aufgabe als Mutter!“ oder „Das hast du dir doch so ausgesucht!“ Plötzlich fühlte sich die Rollenverteilung in unserer vergleichsweise modernen Beziehung so gar nicht nach 2000irgendwas an und spätestens mit dem Wiedereinstieg in den Job dämmerte mir, dass unsere vermeintliche Gleichberechtigung sich tatsächlich noch immer in einer absoluten Schieflage befindet.

Wusstet ihr, dass die Worte Care-Arbeit oder Sorgearbeit nicht im Duden stehen? Ich wusste lange Zeit nicht mal, dass sie überhaupt existieren geschweige denn, was sie bedeuten. Zwar ist das Internet ein Ort, an dem eine Mutter auch heute noch unter einem Foto beschimpft wird, wenn sie mit der einen Hand einen Kinderwagen schiebt und in der anderen Hand ein Radler hält. Gleichzeitig ist das Internet aber auch ein Ort, an dem Themen wie Mental Load, die (Un)Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ehrliche Mutterschaft langsam, aber sicher sichtbarer werden. Und dafür bin ich extrem dankbar, denn es zeigt mir, dass ich nicht alleine bin.

Eine Autorin, die mit ihren Texten über die Unsichtbarkeit von Frauen- und Familienthemen in der Politik Tausenden von Frauen aus der Seele spricht, ist Alexandra Zykunov, @alexandra___z auf Instgram. Alex ist Co-Redaktionsleiterin des Magazins Brigitte BE GREEN, Head of Content Innovation bei der BRIGITTE und Redakteurin für feministische und gesellschaftliche Themen. Sie lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Hamburg und hat mir, zwischen Tür und Angel, schnellem Mittagessen und Corona-Chaos, ein paar Fragen zu ihrem gerade erschienenen Buch WIR SIND DOCH ALLE LÄNGST GLEICHBERECHTIGT! 25 BULLSHITSÄTZE UND WIE WIR SIE ENDLICH ZERLEGEN* beantwortet.

Liebe Alex, ich falle mal mit der Tür ins Haus. Dein Buch liegt jetzt bei uns auf dem Klo. Damit auch wirklich niemand daran vorbeikommt, wenn er/sie uns besucht. Danke für deine Wut und deinen Witz! Aber mal ehrlich, wie hast du es geschafft, dieses Buch zu schreiben, ohne vor lauter Frust den Rechner aus dem Fenster zu werfen?

Ich hatte tatsächlich sehr sehr viele Frustmomente und war sehr glücklich, dass ich Social Media als Ventil habe, wenn ich mal wieder über Zahlen gestolpert bin und einfach so doll schockiert war, dass ich ganz oft nicht wusste, ob ich lachen oder weinen soll. Und dann habe ich hier alleine in meinem Wohnzimmer sitzend, im Homeoffice, teilweise laut aufgelacht, gegen meine Stirn geklatscht und laut vor mich hin gesagt: „Das ist doch einfach nicht euer Ernst! Wo ist die versteckte Kamera?“

Humor ist ja oft ein Abwehrmechanismus bei Menschen und ich habe das Gefühl, mir hilft Humor, sehr schwarzer Humor, gegen die Ohnmacht und die Absurdität der Zahlen. Gerade wenn es so völlig frustrierend und absurd ist, dass man gar nicht mehr genug Handflächen hat, um gegen Stirnpartien zu klatschen. Wenn man anfängt, sich damit zu beschäftigen, ist die Diskrimierung einfach so offensichtlich und gleichzeitig absolut unsichtbar in dem Glauben, dass wir doch alle längst gleichberechtigt sind.

Ich möchte am liebsten diese Zahlen ins Lächerliche ziehen, das Patriarchat ins Lächerliche ziehen und es auslachen. Aus dieser Opferrolle rauskommen und zur Auslachtäterin werden und sagen: „Ha, ich hab dich durchschaut! Du bist lächerlich! Du bist alt! Du bist weiß! Du bist kurz vorm Aussterben und du willst es nicht wahrhaben. Du willst dich mit Händen und Füßen an deiner Macht festhalten. Nein! Wir durchschauen dich jeden Tag mehr. Ich werde dafür sorgen, dass dich mehr und mehr Frauen auslachen, durchschauen und ins Lächerliche ziehen.“ Das ist mein Weg, damit umzugeben. Aber ja, gelegentlich habe ich auch das Bedürfnis, Rechner aus dem Fenster zu schmeißen.

Wie fühlt es sich für dich an, wenn Frauen dir schreiben, dass sie beim Lesen nicht aufhören konnten zustimmend zu nicken?

Es fühlt sich sehr sehr gut an, weil es mir zeigt, dass meine Inhalte so niederschwellig sind, dass sie verstanden werden und ankommen. Die Materie ist ja sehr komplex und man muss zwangsläufig mit Begrifflichkeit hantieren wie Kapitalismus, Feminismus, Intersektionalität und Patriarchat. Das ist immer wahnsinnig abgehoben, elitär und akademisch und schließt per se schon ganz viele Frauen aus. Was fatal ist, weil gerade die Frauen, die gar nicht die Zeit haben, sich mit diesen Begrifflichkeiten auseinanderzusetzen, die gar nicht die Chance und das Geld hatten, sich Bücher und Studien heranzuziehen, sich damit auskennen müssen und diese Ungerechtigkeiten sehen und verstehen müssen. Ob sie dann dagegen ankämpfen können, ist wieder eine andere Frage.

Aber dadurch bleibt dieses Thema ja auch so wahnsinnig unsichtbar, weil es eben so komplex ist und sich verschachtelt hinter diesen ganzen Begrifflichkeiten. Wenn mir Frauen schreiben, dass sie sich mit meinen Inhalten identifizieren können, dann stelle ich mir vor, dass wir uns quasi gemeinsam an den Händen halten. In der Wut über dieses Buch und über diese Zahlen und über andere Bücher, da das thematisieren. Ich bin ja bei weitem nicht die Erste, die diese Ungerechtigkeiten populärwissenschaftlich in Worte und Zahlen packt.

Gleichzeitig macht es mich natürlich auch ein Stück weit traurig, weil ich wir einfach alle betroffen sind. Aber ehrlicherweise bin ich über den Punkt hinaus, wirklich traurig zu sein, weil die Zahlen nun mal Bände sprechen. Ich kenne diesen Effekt „Mein Gott, Alex, Danke, dass du das mal thematisiert! Mir geht es genauso.“ ja schon von Social Media. Da haue ich eine Anekdote oder einen Bullshitsatz aus den 60er-Jahren #meanwhileimjahr2022 raus und bekomme ähnliche Geschichten zig fach zurück. Deswegen ist mir das schon längst bewusst, dass das ganz ganz viele Frauen betrifft. Die Statistiken sagen ja genau dasselbe. Dass 3/4 aller Mütter in Teilzeit gehen, aber weniger als 10% der Väter. Dass 96% aller Frauen, die überhaupt ein Kind kriegen, selbstverständlich 12 Monate und länger in Elternzeit gehen, aber eben nur 42% aller Daddies und wenn überhaupt, dann in 3/4 der Fälle auch nur für zwei Monate. Die Zahlen sind da. Die Diskrimierung ist da. Die Ungleichverteilung ist da. Das war für mich nichts Neues. Aber es freut mich, dass die Frauen sich abgeholt fühlen und dass wir gemeinsam wütend werden können. Das finde ich richtig toll.

 

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Es gibt Stellen, in denen du Männer direkt ansprichst und in die Verantwortung nimmst. Ich vermute aber, dass die meisten Leser*innen weiblich / Mütter sind?

Ja. Das sehe ich auch an meinem Account, auf dem mehr als 96% Frauen sind. Ich werde oft gefragt, wie wir Männer dazu kriegen, das Buch zu lesen. Weil es doch viel viel wichtiger wäre, dass Männer es lesen, weil sie sind die Entscheider in den Machtpositionen sind, die etwas verändern können. Und das stimmt absolut. Gleichzeitig habe ich mir diesen Zahn schon sehr früh gezogen. Ich glaube, dass wir traurigerweise noch weit davon entfernt sind, Männer darüber aufzuklären, was alles falsch läuft und wie doll Männer da was regeln müssen, weil wir noch viel viel früher ansetzen und erstmal den Großteil der Frauen in Deutschland wachrütteln müssen. Wir müssen ihnen sagen: „Hallo, du denkst, du hast dir das freiwillig so ausgesucht mit der Teilzeit und mit dem Stundenreduzieren und mit dem Zuhausebleiben. Du denkst, du hat dir das freiwillig so ausgesucht, dass du am besten weißt, wie du dich um das Kind kümmerst. Dass du am besten putzen kannst. Du denkst, du hast dir das freiwillig ausgesucht, aber chances are, dass du dir das nicht freiwillig ausgesucht hast.“

Wir müssen verstehen, dass wir reingedrängt werden in diese Übermutterrolle, die am besten weiß, welche Windelmarke und welche Sonnencreme sie kaufen soll, wie man das Kind am besten anzieht, welches Kind auf der Geburtstagsfeier welche Allergien hat und welche Mutter (Mutter, nicht Vater!) man anschreibt, wenn man wissen möchte, welches Geschenk die beste Freundin vom Sohn sich wünscht. Das ist alles gemacht. Durch Serien, Bücher, Grimm-Märchen, Disney-Filme, durch sämtliche Chick flicks, Frauenzeitschriften, durch andere Kita-Freundinnen und deren Mütter und Großmütter und Tanten der Freundinnen, die das alles vorleben. Durch die Werbung und alles, was wir Sozialisation nennen, sind wir in diese Rolle reingedrückt worden, nicht zuletzt durch unser Steuersystem und durch das Ehegattensplitting, das uns auch finanziell abstraft, wenn wir uns nicht in diese Mutterrolle fügen. Durch Gesetze, die uns nicht beschützten, wenn wir zum Beispiel nach der Elternzeit wieder Vollzeit einsteigen wollen und uns Arbeitgeber*innen am ersten Tag nach der Elternzeit feuern.

Wir sind reingedrängt worden in diese Rolle und meine große Aufgabe mit diesem Buch scheint offenbar zu sein, leider noch nicht die Männer zu erreichen, sondern Millionen von Frauen bestenfalls, damit sie verstehen, dass wir immer noch in einer Zeit leben, in der die Frau für all diese Dinge verantwortlich ist und der Mann nicht. In der, wenn man sich für Kinder entscheidet, der Kreißsaal wie eine Zeitmaschine wirkt, in die ein Paar aus dem Jahr 2022 reingeht und in den 60er Jahren wieder rauskommt. Also ja, ich werde vorwiegend von Frauen gelesen, aber ich glaube, anders geht es nicht und wir müssen erstmal an die Frauen ran. Wir sind noch überhaupt nicht so weit, Männer wachzurütteln. As sad as it sounds.

Ich bin jedenfalls die Frau von Seite 268. Die, die sich beim Lesen überlegt hat, wie und wann sie ihren Mann in ein Gespräch über das Buch verwickeln kann. Wird es eine Hörfassung geben? Dann höre ich jeden Abend zum Einschlafen ein Kapitel und er muss mithören.

Das höre ich oft. „Mein Mann liest nicht so viel. Gibt es das auch als Hörbuch? Dann kann ich ihm das in die Ohren stecken.“ Ich verstehe das und eine Hörbuchfassung wird gerade verhandelt. Ich hoffe auch, dass Männer dann mithören. Aber ich bin da wirklich realistisch und vielleicht ein bisschen pessimistisch. Bestenfalls klärt mein Buch, und auch viele andere Bücher, Frau und Mann auf und beide sind so auf Augenhöhe, dass sie erkennen, dass sie in diese Rollen reingedrängt wurden. Sie will gar nicht die Übermutter sein und er nicht der Ernährer und dann überlegen sie gemeinsam, was sie ändern können.

Zu glauben, man müsse Männern einfach nur die Augen öffnen, scheint mir aber sehr idealistisch. Männer haben nun mal viel mehr Vorteile von diesem patriarchalen System als Nachteile. Sie müssten Privilegien und Macht abgeben, im Zweifelsfall die eine coole Stelle nicht kriegen und die andere nicht mit dem besten Kumpel besetzen. Sowohl Thomas als auch Markus müssten beide zurücktreten und sagen „Hey, jetzt ist mal die Alexandra oder die Seyda dran.“ Das werden sehr sehr viele nicht wollen. Klar wäre das super, wenn Männer das auch lesen würden, aber ich glaube, so weit sind wir noch nicht.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass ich es extrem schwierig finde, Ungerechtigkeiten auf den Tisch zu bringen, ohne dass mein Gegenüber sich am Ende persönlich angegriffen fühlt. Dabei ist ja meist nicht ein doofer Charakter das Problem, sondern erlerntes Verhalten, das es zu hinterfragen gilt. Hast du einen Tipp, damit Diskussionen nicht früher oder später auf die persönliche Ebene abdriften?

Das werde ich sehr sehr oft gefragt. Das ist sehr schwer zu beantworten, weil Leute sich zwangsläufig angegriffen fühlen sobald Sätze fallen, die mit „Die Männer“ oder „Der alte weiße Mann“ beginnen. Im Grunde fühlen sich da immer gleich sämtliche weißen Herren in Deutschland ab Alter 48 angegriffen. Ich glaube aber, dass es auch gar nicht anders geht. Wir kommen nicht darum herum, dass sich Menschen angegriffen fühlen. Es gibt z.B. das sehr schöne Buch WUT und BÖSE von Ciani-Sophia Hoeder, in dem sie unter anderem schreibt, dass man Wut braucht, um Veränderung zu schaffen. Wir brauchen Konflikte und Streitigkeiten, wenn wir einen Status Quo hinterfragen.

Wenn man eine Mutter fragt, ob sie sich das mit der Teilzeit auch gut überlegt hat oder einem Vater die Frage stellt, ob er nicht glaubt, dass er Zuhause jemanden ausnutzt, wenn er nach der Geburt weiterhin Vollzeit ins Büro marschiert und sich null um die Care Arbeit kümmert, sind das sehr private Einmischungen in die Leben der Menschen. Damit hinterfragt man sehr persönliche, private, lebenseinschneidende Entscheidungen und wer hört schon gern, dass sich jemand von Außen einmischt und sagt „Die Entscheidung, die du da getroffen hast, war vielleicht nicht so schlau.“ Das tut weh, weil niemand gerne hört, dass er gar nicht so emanzipiert und informiert und gleichberechtigt in seiner Beziehung ist wie er dachte und dass er plötzlich sehr konservativ ist und in sehr konservative Rollenbilder hineingetappt ist, ohne es selbst vorzuhaben. Ohne es jemals selbst so vorleben zu wollen.

Am Ende ist dieser berühmt berüchtigte Satz „Das Private ist politisch.“ andersrum genau so. Das bedeutet, dass wir, indem wir politisch und auf struktureller Ebene etwas kritisieren, sich das zwangsläufig auch auf das Private auswirkt. Und wenn wir politisch uns hinstellen und strukturelle Diskriminierungen anprangern, wirft das auch ein Licht auf meine privat getroffenen Entscheidungen aus, von denen ich dachte, dass ich sie wirklich privat und gut informiert getroffen habe.

Man wird nicht darum herumkommen, sich zu streiten. Gerade die Paare, die eine Beziehung auf Augenhöhe führen, in denen Streit möglich ist, diese Paare müssen vorangehen. Weil es einfach ganz ganz viele Paare gibt, wo das gar nicht möglich ist. Jede dritte bis vierte Frau hat in ihrem Leben schon mal Gewalterfahrung in Beziehungen gemacht. Sie kann sich mit ihrem Partner im Zweifelsfall gar nicht streiten. Sie wird sich gar nicht trauen, seine Gefühle zu verletzten. Denn wenn sie ihm sagt „Hey, du nutzt mich aus. Räum mal bitte öfter den Geschirrspüler aus und hol das Kind 3x in der Woche aus der Kita!“, dann kann es sein, dass er sie als Antwort grün und blau prügelt. Darüber müssen wir reden.

60% aller verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 Jahren in Deutschland sind hochgradig von ihren Männern finanziell abhängig, weil sie 1.000 Euro netto verdienen oder weniger. Sich da erhobenen Hauptes hinzustellen und sich mit dem Partner zu streiten, stufe ich auch als sehr schwierig ein. Das heißt, es müssen sich die privilegierten Paare, die das nicht betrifft, die, die auf Augenhöhe streiten können, wo keine psychische oder physische Gewalt stattfindet und in denen die Frauen nicht hochgradig finanziell abhängig sind, die müssen sich streiten. Diese Frauen müssen ihre Männer ein Stück weit angreifen und in den Konflikt gehen, weil sie den Weg erkämpfen müssen für all die Frauen, die diese Möglichkeit des Streits nicht haben. Ohne diesen Streit, ohne diese Wut wird sich keine Veränderung einstellen.

Können wir all diese strukturellen Probleme überhaupt lösen, solange wir Lösungen immer erst im Privaten nach Lösungen suchen? Meist haben die privaten Probleme ja auch einfach eine größere Dringlichkeit bzw. muss ich, auch wenn ich das System kritisiere, trotzdem erstmal mitspielen.

Natürlich kann ich nicht sagen, dass ich das System durchschaut habe und jetzt tausend Petitionen starte, losziehe, mich mit einem Schild vor den Bundestag stelle und eine eigene Familienpartei gründe. Dieser Schritt ist utopisch. Wir beginnen zwangsläufig im Kleinen, weil wir eben das große Strukturelle alleine gar nicht ändern können. Deswegen ist das Ganze ja auch so schwer. Weil man natürlich immer das Bedürfnis hat, bei sich anzufangen, weil man das beeinflussen kann und gleichzeitig rackert man sich ab und versucht, sein Zeitmanagement anders zu machen im Privaten, Paar-Coachings zu buchen, die Gleichberechtigung forcieren wollen im Privaten und wahrscheinlich wird man feststellen, dass das am Ende doch relativ wenig bringt. Weil das System leider so widerlich perfide ist.

Es gibt sehr wenige Zugänge zur Systemveränderung in dem Sinne. Nur die wenigsten von uns sind Politiker*innen, Journalist*innen oder CEOs in Unternehmen, wo man wirklich nachhaltig Strukturen verändern kann. Die allermeisten von uns sind kleine Rädchen des Systems. Wir können an unseren kleinen, privaten Rädchen drehen, immerhin sind wir viele Millionen Paare, aber wir werden an den großen Rädern nicht viel ändern können. Weil Folgendes passiert: Die Frau erklärt in einem Paar-Coaching, was für sie doof und für den Mann gut ist und sie entscheiden gemeinsam, dass sie ihre Stunden aufstocken und er seine Stunden reduzieren will. Dann geht sie zu ihrem Arbeitgeber aka das System und das sagt „Ja, das hast du dir schön überlegt, aber Mütter lassen wir nicht in Führungspositionen und deine Stunden sind wegen Umstrukturierung eh schon weg.“ Und der Mann bekommt von seinem Arbeitgeber gesagt „Stunden reduzieren geht in Führung nicht, da musst du performen. Was willst du denn in Elternzeit? Willst du deiner Frau die Titten halten oder was?“ (Echter Spruch von einem echten Chef!) Zugespitzt bleibt sie also in ihrer Teilzeit- und er in seiner Vollzeitfalle. Sie haben das im Privaten verstanden, wollten etwas ändern und dann kommt das System, bricht ihnen die Beine und sagt Ätsch.

Nichtsdestotrotz denke ich, dass wir alle Teil des Systems sind und auch wenn wir nicht alle Politiker*innen oder Journalist*innen sind, haben etwa Erzieher*innen zum Beispiel einen riesigen Einfluss auf die Rollenbilder unser Kinder. Wenn sie anfangen, Sachen zu ändern und andere Bücher vorlesen oder nicht immer nur die Mutter anzusprechen, wenn in der Kita was fehlt oder nicht nur Müttern Rundbriefe schreiben, dass für das nächste Fest ein Kuchen gebraucht wird, sondern auch die Väter mit in die Verantwortung nehmen, dann ändert sich viel am System. Oder Lehrer*innen, wenn sie darauf gucken, welche Mathe-Arbeitsblätter sie verteilen. Wenn die Kinder rechnen sollen „Daddy verteilt das Geld. Wie viele Münzen und Scheine hat er wem gegeben?“ vs. „Mami hängt die Wäsche auf und hat drei Klammern auf der Leine und dann hängt sie noch fünf weitere dazu.“ Das sind alles diese tradierten Bilder, von denen unsere Lehrbücher durchseucht sind.

Ich will damit sagen, oft denken wir, dass es frustrierend ist, einen Kampf nur im Privaten zu führen. Aber ich will mich mehr darauf besinnen, dass es nicht immer so schwarz/weiß ist, weil es nicht nur Leute gibt, die nur privat oder nur im System tätig sind. Viele von uns sind schon in Teilen am System beteiligt durch ihren Beruf. Und es gibt die, die aus ihrer privaten Wut heraus eben doch auch Petitionen starten und versuchen, sich zu engagieren. Ich glaube, es kann ein Systemwandel vonstatten gehen, wenn man die Kapazitäten und die Privilegien hat, die private Wut ins Strukturelle umzuwandeln. Aber nur im Privaten wird sich das System nicht verändern. Wenn nur wir uns abstrampeln, selbst wenn es diese Erzieher*innen und Lehrer*innen sind, wird sich nichts verändern. Aber es kann der Druck auf die Politik und die Wirtschaft höher werden. Und am Ende brauchen wir Politik und Wirtschaft für einen Systemwandel.

Was kann ich als Einzelperson denn konkret tun, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen?

 

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Was hilft, um gegen diese Bullshit-Sätze anzukommen, ist ganz oft eine Gegenfrage. Wenn man als Frau gefragt wird „Vermisst du dein Kind nicht, wenn du am Wochenende weg bist?“ zu fragen: „Ah, interessant! Würdest du das meinen Mann auch fragen?“ Würde ein Mann gefragt werden: „Vermisst du deine Kinder denn nicht? Kriegt das deine Frau denn alleine hin mit beiden Kindern ohne dich, wenn du auf Dienstreise bist?“ Da fängt man schon an zu lachen, wenn man das umdreht, weil man merkt, wie wir mit zweierlei Maß messen. Das ist Trick Nr. 1.

Was auch ganz oft hilft, ist nach dem Warum zu fragen. Wenn es heißt, dass Frauen keine Karriere machen und nur inTeilzeit arbeiten wollen oder Zuhause keine Verantwortung abgeben möchten. Dann sind das vielleicht Beobachtungen, ja. Aber wir sollten wirklich immer nach dem Warum fragen. Warum geht die Mehrzahl der Frauen in Teilzeit? Vielleicht, weil immer noch 300.000 Kita-Plätze in Deutschland fehlen oder Hunderttausende Plätze in Ganztagsschulen, sodass Frau ihr Kind gar nicht länger in Betreuung geben kann, weswegen sie zwangsläufig in Teilzeit gehen muss? Oder liegt es vielleicht am Gender Pay Gap? Liegt es vielleicht nicht an der Entscheidung der Frau, sondern daran, dass sie weniger verdient und er mehr, weswegen es sich mehr lohnt für die Familie, wenn sie ihre Stunden reduziert und nicht er? Bei diesem postulierten „Die Frau ist doch selbst schuld, dass…“ müssen wir hinterfragen, warum das so ist und hinter die Fassade blicken. Statt die Schuld schon wieder bei der Frau zu suchen, sollten wir uns das System anschauen, was die Frauen dazu bringt, Entscheidungen zu treffen, die sie vielleicht selbst gar nicht treffen würden.

Ist es eigentlich realistisch zu glauben, dass Männer ein echtes Interesse an Parität haben? Wer gibt schon freiwillig gerne seine Vorteile ab?


Ich glaube, dass es wenig realistisch ist. Ich glaube, dass wir nicht darum herumkommen werden, Männern mehr Anreize zu bieten, in Elternzeit zu gehen. Es muss sich für Männer lohnen, ihre Stunden zu reduzieren. Sie müssen wissen, warum es toll ist, von Anfang an bei den Kinder dabei zu sein. Wenn Frauen früh wieder arbeiten wollen, werden sie gefragt, ob sie keine Angst haben, die Kindheit ihrer Kinder zu verpassen. Männern wird diese Frage nicht gestellt, obwohl sie diese Angst vielleicht haben und sich nur nicht trauen, das zu sagen. Das System jedenfalls geht ja davon aus, dass Väter diese Angst nicht haben. Das ist fatal, weil es die Bedürfnisse der Väter auslöscht und so tut, als wären sie nicht da. Wir müssen viel mehr herausarbeiten, für Männer und Väter, warum es für sie auch so viel lohnenswerter ist, zurückstecken und diesen Financial Load und diesen Druck abzugeben und mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. Gleichzeitig gibt es den Autor und Feministen Jochen König, der in einem Artikel sehr treffend geschrieben hat, dass er es nicht mehr ab kann, dass Männer ständig irgendwelche Anreize brauchen, um mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Und das stimmt ja auch. Warum kommen die nicht selbst in die Puschen?

Aber ja, sie werden bei einem Systemwandel Privilegien abgeben, Macht und ganz konkret Einkommen, Wohlstand und Geld abgeben. Folglich müssten wir anfangen, Wohlstand ganz neu zu definieren und uns vielleicht nicht nur am Geld entlang orientieren, sondern an sowas wie Freizeit, Familienzeit, Glück. Das Leben leben. Auch das sind natürlich schon wieder sehr privilegierte Gedanken, denn du brauchst nun mal Geld. Wer behauptet, Geld alleine macht nicht glücklich, der hat genug davon. Aber wir brauchen einen Systemwandel und die allermeisten Männer werden das leider nicht wollen. Ein Systemwandel würde die männliche, weiße CIS-Gruppe nicht mehr bevorzugen und das wäre nur fair, denn die Welt besteht nunmal nicht nur aus dieser Gruppe. Diese Gruppe aber wird das ätzend finden, und wir müssen da ran und einen Weg finden, um es ihnen schmackhaft zu haben. Da führt kein Weg dran vorbei.

Im Kapitel „Selbst Schuld, wenn sich Frauen gegenseitig die Augen auskratzen.“ kommst du u.a. darauf zu sprechen, wie selten auch 2022 noch moderne Frauenbilder in unserer Filmkultur zu finden sind. Jeder zweite Film, den wir im Kino, im Fernsehen oder übers Streaming sehen, besteht den Bechtel-Test nicht. Hast du einen guten Film- oder Serientipp fürs nächste lange Wochenende?

Es gibt schon einige Kinder- und Disneyfilme, aber die muss man hart suchen und meist ist es schon wieder die Mutter, die nach feministischen und diversen Büchern und Serien für Kinder sucht. Die Suche kostet die Mutter Zeit und Muße, die sie haben muss. Anstatt also einfach einen Film anzumachen, um ein bisschen Ruhe zu haben, muss sie erstmal sicherstellen, dass der Film politisch korrekt, divers und feministisch ist. Es freut mich sehr, dass Disney sowas wie ENCANTO rausbringt, was ein sehr diverser und auch mädchenstärkender, feministischer Film ist. Oder VAIANA. Selbst Anna und Elsa, bei denen die Liebe zwischen den Schwestern höher gewertet wird als wieder mal diese Mann-Frau-wahrer-Kuss-Liebe, von der sonst in allen Disneyfilmen erzählt wird. Aber auch da hört es ja nicht auf. Da sind die Figuren immer noch super sexualisiert, haben schmale Taillen, große Brüste, dünne Beine, große Augen, lange Wallemähnen, sind beide weiß… Da ist noch sehr sehr viel Luft nach oben.

Auch in Bezug auf empowernde Frauenserien muss man auch immer noch suchen. Ich bin sehr großer Fan von HOW TO GET AWAY WITH MURDER, weil die Frauenrolle wahnsinnig stark ist und es nicht nur um Frauen, sondern auch um Rassismus und Kritik geht und ich feiere diese Frau, wenn sie ihre Hasstiraden gegen den alten weißen Mann hält. MAID geht in die Richtung, habe ich aber noch nicht gesehen oder THE HANDMADE’S TALE. Ehrlicherweise habe ich bisher auch noch nicht die Zeit gehabt, mich da durchzuwurschteln. Ich bin froh, wenn ich abends auf die Couch falle und mir zum 180. Mal FRIENDS reinziehe. Auch wenn das mittlerweile mit der feministischen und der anti-rassistischen Brille schwierig anzuschauen ist. Die Dialoge sind auch sehr homophob und grenzwertig. Es ist halt immer noch nicht Mainstream. Der ist nach wie vor patriarchal, kapitalistisch, normschön und weiß. Da muss sich in unserer Popkultur auch noch einiges ändern.

Übrigens, wenn man „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt“ googelt, wird als Suchergebnis „Autor: Alexandra Zykunov“ ausgespielt. Da weiß man dann auch nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Ich wusste das gar nicht, aber ich musste richtig doll lachen als ich das gelesen habe. Es ist so lächerlich. Ich will Google, Amazon, diesen ganzen riesigen Konglomeraten und den milliardenschweren, meist von alten weißen Männern regierten Unternehmen sagen: „Ihr seid lächerlich! Ihr denkt uns nicht mit, auch wenn ihr so tut. Man sieht es als erstes in eurer Sprache und in euren Werbebildern.“ Da muss noch sehr viel geschehen. Bis dahin werde ich wütend und versuche dabei zu lachen oder vielleicht auch mal zu weinen. Hauptsache, es ist mir nicht egal. Diskrimierung muss Gefühle in uns wecken, denn wenn es uns egal wäre, wäre es das Fatalste ever.

Liebe Alex, vielen Dank für das Interview!

Hier könnt ihr das Buch kaufen* (natürlich auch in eurem Lieblingsbuchladen):

Alexandra Zykunov Buchtipp Gleichberechtigung Frauen Feminismus

Weitere Bücher zum Thema feministische Mutterschaft, die ich gern gelesen habe:

Feminismus Buchtipp Alexandra Zykunov Mareice Kaiser Mutterrolle

DAS UNWOHLSEIN DER MODERNEN MUTTER* von Mareice Kaiser

Mental Lord Mutterrolle Alexandra Zykunov Patricia Cammarata

RAUS AUS DER MENTAL LOAD-FALLE: WIE GERECHTE ARBEITSTEILUNG IN DER FAMILIE GELINGT* von Patricia Cammarata

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Foto: Ullstein Verlag // Andreas Siebler 

Mental Load Laura Fröhlich InterviewKennt ihr schon unser Interview mit Laura Fröhlich zu ihrem Buch „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“?

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