Laura Fröhlich: “Niemand warnte mich davor, wie schnell man als Mutter in die Mental Load-Falle gerät!”

Viele Frauen und die meisten Mütter kennen den Mental Load nur zu gut: An das Geschenk für den Kindergeburtstag am Wochenende denken, neue Winterstiefel für das große Kind kaufen, an den Kita-Ausflug des kleinen Kindes denken, Weihnachtskarten schreiben und den Einkauf nicht vergessen! Die mentale Last findet selten ein Ende, ist oft ungesehen und fast immer unbezahlt! Dem Frust der Mütter setzt Laura Fröhlich, Mutter von 3 Kindern, Journalistin und Autorin des Buches “Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles” entgegen! Im Interview erklärt sie, wie es zur ungleichen Verteilung in unseren Familien kommt und wie wir neue, faire Lösungen finden können!

POLA: Liebe Laura, in deinem Buch stützt du dich auf einen Gesundheitsbericht, der besagt, dass sich das mentale Wohlbefinden von Frauen in den ersten sieben Jahren nach der Geburt des Kindes erheblich verschlechtert und in dieser Zeit besonders Mütter ausbrennen. Kannst du das bestätigen? Und wie schwer war dein früheres Mental Load?

Laura: Ja, mir ging es ebenso. Zuvor war mir nicht klar, was es bedeutet, sich um kleine Kinder zu sorgen, woher auch? Ich hatte das ja nie zuvor getan. In Büchern und im Internet erschien alles immer so rosig, da war nicht die Rede von schlaflosen Nächten, fehlender Freiheit und niemand warnte mich davor, wie schnell man als Mutter in die Mental Load-Falle gerät. Das bedeutet, man fühlt sich für alle Dinge verantwortlich, die die Kinder, den Haushalt und die Alltagsorganisation betreffen. Und selbst dann, wenn wir wieder berufstätig sind, teilen wir die Denkarbeit nicht neu auf, sondern machen weiter wie bisher. Kein Wunder, dass vor allem Frauen so belastet sind. Im Übrigen gibt es auch immer mehr mental belastete Väter.

Heutzutage trifft ein traditionelles Mutterbild auf ein modernes Frauenideal und Frauen versuchen, diese beiden zusammenzuführen. Was ist damit gemeint?

Wir Frauen möchten heute nach der Geburt eines Kindes wieder berufstätig sein und auch die finanzielle Unabhängigkeit spielt eine große Rolle – das ist auch gut so, denn Frauen tragen ein hohes Risiko, im Alter arm zu sein. Wir haben aber im Gegenzug nichts von der Hausfrauen-Tätigkeit abgegeben, fühlen uns nach wie vor für Heim und Herd verantwortlich und werden von der Gesellschaft für Kinder, Küche und Kalender in die Pflicht genommen. Wird das Kind im Kindergarten krank, wird die Mama angerufen, auch wenn sie wie der Papa im Büro sitzt. Diese stereotypen Rollenbilder sitzen so fest, dabei kann sich auch ein Vater ganz wunderbar um ein krankes Kind kümmern.

Es ist erschreckend, dass Frauen auch heutzutage fast ausschließlich über ihre Mutterschaft und über ihre Kinder definiert werden. Das bedeutet, die Identität von Frauen steht und fällt damit, ob sie von außen als gute Mutter angesehen werden. Kannst du das als Mutter bestätigen?

Ja, das kann ich bestätigen. Auch ich bin für die Außenwelt in erster Linie die Mama von…. Dabei habe ich einen Beruf, spreche gerne über Politik und lese viel. Mein Mann ist für Kolleg:innen und Freund:innen nach wie vor der alte, die Vaterrolle spielt keine so große Rolle. Kein Wunder, dass wir Frauen uns darüber definieren, wie „gut“ man die Mama-Rolle erfüllt, wie aufgeräumt es zuhause ist, wie geduldig wir mit den Kindern umgehen.

Warum fühlen sich die meisten Mütter pausenlos für die Kindererziehung, die Familienangelegenheiten und auch für die Stimmung in der Familie verantwortlich (und sind es auch)? In der Wahrnehmung der Frauen und der anderer Menschen sind Mütter IMMER für all diese Belange verantwortlich.

Das hat kulturhistorische Gründe, die ich in meinem Buch genau beschreibe. Die Kurzfassung: Früher waren nicht in erster Linie die Mütter für die Kinder zuständig. Als die miesten Menschen im 18. Jahrhundert auf Bauernhöfen lebten, arbeiteten die Eltern auf dem Feld, die Kinder wurden von der Großfamilie betreut. Oft war der strenge Vater für die Kindererziehung verantwortlich. Mit der Industrialisierung zogen die Menschen in die engen Städte, die Kleinfamilie entstand als künstliches Produkt. Humanistische Ideale, die Philosophie von Jean Jaques Rousseau, mit ihm Pestalozzi, Fröbel und Co schufen das Mutterbild, an das wir heute noch glauben: Mama ist verantwortlich für das Gedeihen der Kinder, eine Frau findet nur Erfüllung in der Mutterschaft. Eine fatale Botschaft!

Und das Schlimme ist, wenn sich Mütter dafür entscheiden, Vollzeit zu arbeiten, wartet zu Hause immer noch die Care-Arbeit auf sie, dass heißt, sie konkurrieren in der Wirtschaft immer mit Männern, die sich voll auf ihren Beruf konzentrieren können. Was müsste sich hier ändern?

Mein Traum wäre eine 30 Stunden-Woche für alle Menschen, die sich um Kinder oder Angehörige kümmern. Außerdem müssen wir wegkommen von der Vorstellung, dass sich die Mutter um alles kümmert, was Kinder und Haushalt betrifft. Damit fördern wir auch Väter in ihrer Kompetenz.

Wenn Väter mit ihren Kindern auf den Spielplatz gehen, werden die Mütter für ihren netten Mann gelobt. Doch sollte die Betreuung und Fürsorge der eigenen Kinder sowie Arbeit im Haushalt nicht eine Selbstverständlichkeit und kein Akt der Großzügigkeit sein?

Selbstverständlich ist das kein Akt der Großzügigkeit, es sind ja schließlich auch die Kinder des Mannes. Insofern ist er selbstverständlich auch verantwortlich für die Betreuung und die Fürsorge. Es gibt so einen fatalen Satz: „Schatz, ich nehme dir mal die Kinder ab“. Wenn der Partner so etwas sagt, ist es dringend Zeit, einmal über die Aufteilung der unsichtbaren Arbeit zu sprechen.

Für die meisten Mütter ist die Unsichtbarkeit ihrer Arbeit und die fehlende Wertschätzung frustrierend, was wiederum den Druck erhöht und ihren Perfektionismus nur noch mehr antreibt. Beängstigend ist die Anerkennung für ihre Mühen über die sozialen Medien, denn viele junge Frauen und Mädchen gewinnen den Eindruck, dass Care-Arbeit Frauensache ist und ahnen nichts von der mentalen Belastung. Wie gehst du heutzutage mit Instagram & Co. um? Hast du Tipps?

Hier braucht es auf Instagram ganz viel Aufklärung, aber ich habe schon den Eindruck, dass sich mehr Frauen mit diesem Problem beschäftigen. Trotzdem gibt es nach wie vor Kanäle, die den Mutter Mythos durch diese romantisch verklärten Bilder am Leben erhalten. Dabei ist Vorsicht geboten, denn so mancher Kanal wird von streng konservativen politischen Richtungen beeinflusst, manche sogar von rechten Netzwerken, die das konservative Mutterbild am Leben erhalten wollen. Schaut daher immer genau, wer hinter dem Kanal steckt!

Auch im 21. Jahrhundert erfahren die Töchter in den meisten Fällen noch eine Erziehung zur sanften Unterordnung, haben die Gefühle der anderen im Blick, während sie ihre eigenen nach ihnen ausrichten. Wie erziehst du deine Kinder und was machst du anders?

Auch ich merke manchmal, dass sich die stereotypen Rollenbilder so sehr eingebrannt haben, dass ich Streitereien bei meiner Tochter als negativ empfinde, bei den Jungs aber denke, dass das ganz normal ist. Hier hilft es immer wieder, sich selbst zu reflektieren und zu versuchen, die Rollenbilder, die wir tief in uns sitzen haben, zu hinterfragen. Auch Mädchen dürfen streiten und an sich denken, auch Jungs können sich kümmern und liebevoll sein.

Bald beginnt wieder die gemütliche Zeit des Jahres, doch gerade in der Adventszeit wird der Mental Load von Müttern auf die Spitze getrieben. Wie kann man sich dagegen besser wehren?

Wichtig ist, sich nicht immer von den andern beeinflussen zu lassen, ganz speziell nicht von all den selbst gemachten tollen Dingen aus dem Internet. Die Adventszeit ist dazu da, dass wir alle ein bisschen abschalten und ruhig werden können, Kerzen und Kekse sind was schönes und führen auch die Familie zusammen, aber die Kekse können auch von der Oma oder aus dem Supermarkt kommen. Wer Freude daran hat, einen Adventskalender selbst zu füllen, der soll das auch weiterhin tun. Aber es ist nicht Ausdruck einer großen Liebe zum Kind, sondern einfach ein Hobby. Wer es nicht gerne macht, kann einfach einen kaufen, der schon mit Schokolade oder Spielzeug gefüllt ist.

In deinem Buch schreibst du, dass du nun anders auf dich blickst und viele Anforderungen einfach nicht mehr annehmen möchtest. Wie schafft man es, den Druck abzulegen und die Mutter zu sein, die der eigenen Persönlichkeit entspricht?

Das ist wohl eine langfristige Aufgabe, die man nicht von heute auf morgen lösen kann. Aber je mehr man sich mit diesen Mythos Mama beschäftigt und erkennt, dass die Ansprüche an uns viel zu hoch sind, desto einfacher fällt es auch, sie selbst nicht zu übernehmen. Mir ist mittlerweile ziemlich egal, was andere über mich denken. Wichtig ist eben, was für eine Mutter ich sein möchte und was für meine Kinder gut ist. Ich weiß aber, wie schwer das ist. Üben üben üben, und sich am besten austauschen mit Frauen, die einem ähnlich sind. Und natürlich mein Buch kaufen.

Was erhoffst du dir von deinem Buch?

Laura: Ich hab schon so viele tolle Rückmeldungen zu meinem Buch bekommen, weil sich Eltern nach der Lektüre zusammen hingesetzt haben, und über die Arbeit zu Hause gesprochen haben. Es wäre schön, wenn das Thema noch mehr Öffentlichkeit findet und klar wird, wie sehr Mental Load ganz besonders Müttern das Leben schwer macht. Grundsätzlich sollten wir uns aber vor allem auch für alleinerziehende Eltern einsetzen, die die mentale Last so schnell mit keinem teilen können. Hier brauchen wir dringend politische Lösungen.

Liebe Laura, vielen Dank für das aufklärende Interview! Hoffen wir, dass alle Frauen dein Buch lesen, bevor sie in die Mental Load-Falle geraten!

Fotos: Laura Fröhlich

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