Kleiner Fuckt am Rande: Vor Wut, vor Wut, vor Wut

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Ich bin ein lebendiger Mensch. Und so sind es meine Kinder. Wenn hier die Emotionen hochkochen, dann ist Achterbahn. Wie ich mich dabei fühle? Bestimmt wie du.

Die Anweisung lautet: Reiben Sie Ihren Finger so lange auf dem Herz, bis es seine Farbe von lila zu rosa ändert. Wir reiben. Sie reibt, ich reibe. Ich sehe da schon eine Farbveränderung. Meine Tochter sieht rot. Das geschenkte Plastikei, das eine Überraschung verspricht, liegt jetzt unterm Sofa. Unsere Vorstellungen von einem gelungenen Montagabend driften auseinander. Sie verliert die Fassung, ich entscheide, den Abend möglichst schnell zu beenden und jage die Kinder nach oben – Richtung Betten. Warum ich denn sauer sei, das will man dann noch von mir wissen, ich führe das ein wenig aus, alles recht pädagogisch und eindringlich, da erhalte ich die passende Antwort auf meine Begründung: Man dreht sich kurz zur mir um, sieht mir in die Augen und sagt mit dem Ton einer völligen Belanglosigkeit: „Wenn ich erwachsen bin, dann ziehe ich hier weg.“ Als hätte man gerade ein Pizza am Telefon bestellt. Genau in diesem grundegalen Ton. Das Thema scheint damit ausdiskutiert, ich verstehe. (Nur zur Info: Ich streite mich hier gerade mit einer 6-Jährigen). Das war klar und deutlich – meine Magengrube, sie ist jetzt ein Teil von mir. Vor meinem inneren Auge stampfe ich gerade das Barbietraumhaus zu Plastikschrot, wüte, schmeiße Schleichpferde, schreie Schimpfworte. Ich sage: „Ok, dann machst du das, wenn du erwachsen bist. Gute Nacht.“ Und trete Stufe um Stufe hinunter ins Wohnzimmer, mit jedem Schritt ein Stück weiter in die Scheiße. Ganz unten angekommen. Ich sortiere mich. Das war mal wieder ein nicht ganz gelungener Kontakt zu meinem Kind. Dabei gebe ich mir doch solche Mühe. Ich bin wirklich hart sauer. Sauer auf sie und sauer auf mich. Sehr sauer auf mich – man wird doch als Erwachsene einen Konflikt mit einem Kind lösen können! Wären da nicht die Gefühle, die mit uns dann durchgehen. Mit uns beiden.

Meine Top drei der zu bereuenden Aussagen, die ich bisher von mir gegeben habe:
1. Dann hacke ich dein Bett in Stücke.
2. Gut, dann putzt du deine Zähne halt nicht, aber wenn sie dann bald alle schwarz sind, dann heul’ nicht rum, wenn keiner mehr mit dir spielen will.
3. Und wenn du meinst, dass wir so blöd sind, dann geh doch einfach und schau, wie du überlebst.

Ich bin studierte Pädagogin. Na, herzlichen Glückwunsch! Wie war das noch gleich mit der Impulskontrolle? Früher am Nachmittag wurde ich Zeugin eines Phantasiespiels, in dem der eine zu dem anderen sagte: „Jetzt hör sofort auf, du gehst mir auf die Nerven. Ich krieg hier gleich meine Krise und dann…“, der Rest ging in wilden Gebärden unter. Ok. Ich mach‘ mir dann mal einen Tee. Am besten den mit Lavendel, Hopfen, Baldrian – nur mal so. Prophylaxe. Alkohol gibts erst nach 19 Uhr. Und dann dazu, wenn die Kinder schlafen, die ganz persönlichen Nachrichten im Kopf, die einem zuverlässig ein miserables Zeugnis für den heutigen Tag ausstellen. Zu schnell ungeduldig gewesen, zu oft vertröstet, zu forsch, zu desinteressiert, zu abgelenkt, zu pampig. Am Ende die Vorhersage, eindeutig: da breitet sich ein Tief aus, hier und ganz in der Ferne am Horizont: Psychotherapie. Da sehe ich sie sitzen, meine Töchter, später auf dem Therapeuten-Sessel, um diese Kindheit mit dieser Mutter auszukurieren. So wie wir das auch gerade alle machen. Großartigster Gedanke. Aber hey, Respekt. Auf sowas muss man erstmal kommen.

Neulich, da saß ich bei jemandem, der so etwas ähnliches wie eine Therapeutin ist und die sagte dazu folgendes: „Ich habe hier häufig Menschen, die aus stabilen, behüteten Verhältnissen kommen. Die kommen, weil sie bei der ersten Schieflage im Job völlig überfordert sind und Panikattacken entwickeln. Leute, bei denen nicht alles rund gelaufen ist, die sind in diesen Dingen wesentlich gefestigter.“ Ok. Cool. Dann wäre an der ganzen Sache doch sogar noch etwas Gutes. Muss ich meiner Head-News-Redaktion mal melden, bevor sie wieder Fake News verbreiten. Ja. Und für den Fall, dass ihr mir nicht ganz folgen konntet, so nach dem Motto: „Entschuldigung, aber ich versteh‘ nicht, was du meinst!“ – hätte ich da die passende Antwort. Die habe ich mir von meinen Kindern abgeschaut. „DOCH!“. Und wenn ich dann wieder die Stufen der Eskalation heruntersteige und unten im Klärbecken angekommen bin, merke ich: Im Grunde haben sie ja auch recht.

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