„Wir wollen die Kita-Welt verändern!“ sagt Autorin Kathrin Hohmann

bedürfnisorientiert kita kindergarten buch kathrin hohmann lea Wedewardt

Dass es bei Kindern heutzutage nicht mehr um eine strenge „Er“ziehung geht, sondern um den Aufbau einer guten „Be“ziehung, ist bei vielen Eltern zum Glück schon angekommen. Aber wie sieht das bei der Kinderbetreuung außerhalb der eigenen vier Wände aus? Hier herrscht mitunter ein anderer Ton und nicht nur für die Kinder ist es hart, auch uns Eltern bricht es das Herz und wir hinterfragen, was nun eigentlich „richtig“ ist.

Genau mit diesem Thema haben sich Lea Wedewart und Kathrin Hohmann beschäftigt und ein Buch geschrieben, das zum Umdenken anregt: „Kinder achtsam und bedürfnisorientiert begleiten in Krippe, Kita und Kindertagespflege.„* Wir haben es mit Begeisterung, aber auch mit vielen Fragen gelesen und Kathrin zum Interview getroffen. Lest hier ihre spannenden Antworten und reflektiert einmal den Alltag in eurer Kita (und auch bei euch zu Hause).

*Hinweis: Wir verwenden Partnerlinks – wenn ihr einem dieser Links folgt und darüber einen Artikel kauft, erhält die POLA Media UG (haftungsbeschränkt) eine Verkaufsprovision. Diese Vergütung hat jedoch keinen Einfluss auf Auswahl und Bewertung der besprochenen Artikel.

Liebe Kathrin, bitte stelle dich und deine Mitautorin kurz vor.

Kathrin Hohmann: Lea und ich haben einiges gemeinsam. Wir studierten in Berlin/Brandenburg Kindheitspädagogik, absolvierten einen Master, sind Mütter und beide wollen wir langfristig und nachhaltig die Kita-Welt verändern. Wir haben beide jeweils einen eigenen Podcast und einen Blog sowie Instagram- und Facebook-Accounts und schreiben (Fach)texte und Bücher. (siehe Links unten, Anm. d. Red.)

Hier steckt ihr sehr viel Mühe rein – was ist euer Ziel?

Der Umgang in den pädagogischen Einrichtung soll achtsamer und umsichtiger werden.

Unsere Vision ist es, dass der Umgang in den pädagogischen Einrichtung achtsamer und umsichtiger wird, Kinder sich gesehen und gehört fühlen. Wir wollen, dass Fachkräften bewusst wird, wenn sie strafen und diskriminieren. Sie dieses Verhalten reflektieren und verändern. Wir möchten, dass ein jedes Kind in seine pädagogischen Einrichtung als sicheren und gewaltfreien Ort erlebt und dort gern hingeht. Wir wollen, dass Fachkräfte sich ihrer selbst bewusst werden, ihre eigene Geschichte reflektieren und schwarze Flecken der Vergangenheit aufdecken und heilen.

Deshalb haben wir auch unser gemeinsames Buch geschrieben: „Kinder achtsam und bedürfnisorientiert begleiten in Krippe, Kita und Tagespflege“. Hier geht es genau darum: Einen achtsamen Umgang mit allen Beteiligten zu leben – der einzig wahre Weg, um gesund zu lernen und zu wachsen.

Zusammen haben wir auch die „BO-Akademie“ gegründet (BO = Bedürfnis-orientiert, Anm. d. Red), um Fachkräften die Möglichkeit zu geben, sich mit der bedürfnisorientierten Pädagogik zu beschäftigen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und eine eigene Weiterentwicklung anzustoßen.

Wieso war es euch ein Anliegen, dieses Buch zu schreiben?

Jede Fachkraft trägt einen Rucksack mit der eigenen Vergangenheit.

In den pädagogischen Einrichtungen bringt jede Fachkraft sehr viel Individualität, Diversität und Authentizität mit und das ist auch wunderbar so. Gleichzeitig trägt jede Fachkraft einen Rucksack – gefüllt mit eigenen Erlebnissen der Vergangenheit, eigenen Erziehungserfahrungen der Kindheit, bis hin zu Traumata.

Unreflektiert werden Erfahrungen in stressigen Momenten leicht weiter gegeben. Mit unserem Buch möchten wir zum einen aufklären und wissenschaftlich belegen, was Kinder für ein gesundes Aufwachsen brauchen und gleichzeitig Fachkräfte in die Verantwortung nehmen, für ihre eigene Vergangenheit einzustehen.

Was bedeutet das genau?

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.

Noch immer sind die Erziehungsstile in den Einrichtungen oder gar von Gruppe zu Gruppe sehr verschieden und das muss sich ändern! Wir alle wissen, dass Kinder ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben, nur oft fehlt es den Fachkräften an Handlungsalternativen und Ideen, wie sie Kinder ohne Strafen, Beschämung und Gewalt begleiten können. Und wie immer ist diese Veränderung eben nur möglich, wenn wir bei uns selbst beginnen und daher laden wir jede Fachkraft dazu ein, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle wieder kennenzulernen, diese zu kommunizieren und sich um sich selbst zu sorgen – mit viel Liebe, Fürsorge und Achtsamkeit, um so die jungen Menschen ebenso respektvoll in die Welt zu begleiten.

Was sind aktuell die Hauptprobleme besonders in Kitas?

Es ist ein echter Teufelskreis!

Ein großes Problem liegt darin, dass Fachkräfte unter übermäßigem beruflichen Stress leiden. Laut AQUA Studie zu Arbeitsplatz und Qualität waren bereits 2014 schon 72% der Fachkräfte gestresst, 36% von ihnen sogar Burnout gefährdet. Seitdem hat sich die Lage eher verschlechtert.

Viele Fachkräfte können nach der Arbeit kaum abschalten, hinzu kommt der Lärm, der wiederum zur Folge hat, dass durch erschwertes Sprechen und Hören die Kommunikation leidet. Aber auch die Kinder leiden dadurch und zeigen durch den auftretenden Stress verändertes Verhalten, was wiederum die Fachkräfte mehr fordert. Ein echter Teufelskreis!

Einige Fachkräfte leiden darunter, dass sie nicht angemessen auf die emotionalen Anforderungen der Kinder reagieren können und zu verletzendem Verhalten wie Schimpfen und Strafen neigen. Während dieses Fehlverhalten einigen Fachkräften bewusst ist und sie in die Verantwortung gehen, sich beraten und weiterbilden lassen oder gar die Handbremse ziehen und sich krankschreiben lassen, gibt es andere, unreflektierte Fachkräfte, die ihr übergriffiges Verhalten rechtfertigen. Die Kinder haben es nach deren Aussage nicht anders verdient, als für das z.B. störende, laute Verhalten bestraft zu werden.

Wir erleben in der Praxis diese zwei Gruppen, die einen, die es anders wollen und Veränderungen angehen. Und die, die nach der „alten Schule“ vorgehen. Der zusätzliche Stress vom Lärm, grusligen Personalzuständen, Pandemiezuständen und nun auch der Krieg erschweren die Situation immens.

Im elterlichen Umgang mit den Kindern hat sich in den letzten Jahren sehr viel verändert. Wieso sind die Kitas hier so hintendran?

Wir würden gar nicht sagen, dass sie hintendran sind – oder doch? Es gibt auch Familien, die sehr bedürfnisorientiert begleiten oder sehr autoritär und viel dazwischen. Diese Bewegung gibt es auch in den Einrichtungen: Fachkräfte, die die Beziehung im Fokus sehen und nicht die Erziehung und den Lerninput. Ich meine, das gab es schon immer. Aber vermutlich liegt der Fokus nun noch einmal sehr speziell auf der Gewaltfreiheit, die zu Recht von einer Strömung eingefordert wird. So wird die Forderung für einen achtsamen und bedürfnisorientierten Umgang generell gerade sehr laut!

Ihr setzt auf BEziehung und Verbindung, statt auf ERziehung und Trennung. Was bedeutet das genau?

Im gelebten Miteinander passiert „Erziehung“ automatisch.

Wenn Fachkräfte mit den Kindern von Beginn an eine tragfähige Beziehung oder gar Bindung aufbauen und eingehen, lernen Fachkräfte und Kinder im Miteinander. Sie haben Freude und Interesse aneinander. Kinder interessieren sich für die Belange der Erwachsenen, wenn sie ein gegenseitigen respektvollen Umgang erleben. Gemeinsam sprechen sie über Regeln und Gebote, leben die Werte der Kindergruppe und verhandeln täglich neu. In so einem gelebten Miteinander passiert „Erziehung“ automatisch, ohne dass es einen autoritären Erwachsenen gibt, der an den Kindern im wahrsten Sinne des Wortes „zieht“.

Die Kinder wachsen im Miteinander und die Fachkraft führt und weist den Weg. Ihr ist bewusst, dass sie die Verantwortung für die Beziehung trägt und gestaltet angepasst an den Entwicklungs- und Erfahrungsstand der Kinder, den Rahmen.

Welche Rolle spielen Gefühle und Bedürfnisse sowohl der Kinder, als auch der Fachkräfte?

Geht es den Fachkräften gut, können sie sich gut um die Belange der Kinder kümmern.

Erst einmal sind für uns die Gefühle und Bedürfnisse aller Beteiligten gleichermaßen wichtig und möchten gesehen werden. So können Fachkräfte sich nur gut um die Belange der Kinder kümmern, wenn es ihnen gut geht und sie auf sich Acht geben. Sie dürfen durch die Bedürfnisorientierung wieder verstärkt üben eigene Grenzen zu spüren und zu kommunizieren, statt über ihre Belastungsgrenze zu gehen.

Die Gefühle zeigen uns, wie es einem Menschen geht und ob seine Bedürfnisse im Moment erfüllt oder unerfüllt sind. Was wir im Kindergartenalltag vorrangig wahrnehmen ist das Verhalten eines Kindes. So heißt es gern: „Hör auf mit dem Baustein zu werfen!“ Das Verhalten ist sichtbar, ist aber nur schwer zu verändern, wenn wir nicht den Blick unter die Wasseroberfläche wagen und die (unerfüllten) Bedürfnisse ergründen. Möchten wir Kinder und Fachkräfte in ihrem Sein annehmen, ist ein ganzheitlicher Blick notwendig!

Woran wir immer erinnern: Dass natürlich die Kleinstkinder und Kindergartenkinder Bedürfnisse haben, die sehr dringlich sein können und je nach Alter, Charakter und Temperament nur schwer warten können. Dies gilt es immer zu beachten: Jeder Mensch ist individuell und nicht mit einem anderen zu vergleichen.

Kleine Räume, wenig Personal – ist euer Ansatz unabhängig vom Betreuungsschlüssel möglich? Dieser schwankt ja in Deutschland je nach Bundesland zwischen 7 und 12 Kindern pro Fachkraft!

Es ist eine Frage der inneren Haltung.

In der Tat ist es, wie eingangs beschrieben, unter ungünstigen Bedingungen schwieriger die Ruhe zu bewahren und die Bedürfnisse der einzelnen Menschen zu erkennen und abzuwägen. Aber da es uns nicht darum geht, dass die Fachkraft wie eine Superheldin oder ein Superheld alle Bedürfnisse erfüllt, ist es viel mehr eine Frage der inneren Haltung.

Es ist wichtig zu unterscheiden, was ein Wunsch und was ein Bedürfnis ist. Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden und auch ein „nein“ durch die Fachkräfte ist möglich, wenn sie sich beispielweise um sich oder ein anderes Kind kümmern möchte.

Ich kann in der Morgensituation, wenn Emil mich bittet, mit mir ein Buch zu lesen, während ich Lisa tröste und anschließend wieder in die Garderobe muss, um die anderen Kinder zu empfangen, ihm mitteilen: „Emil ich sehe, du möchtest mit mir sein. Gerade kann ich nicht, aber nach dem Morgenkreis setze ich mich mit dir aufs Sofa und lese dir das Buch vor.“

Wir können nicht alles sofort erfüllen, wir können uns aber sehen und einander die Wertschätzung entgegen bringen, die wir uns auch wünschen. Allein dies ist für die Kinder so wichtig. Selbst wenn ich etwas ablehnen muss, kommt es immer darauf an WIE ich etwas sage und verneine.

Tipps von außen sind ja nicht immer sehr willkommen, Stichwort „Das hat bisher doch super funktioniert“. Wie können wir als Eltern auf gute Art und Weise den Erzieher:innen Impulse geben, um einen bedürfnisorientierten Ansatz in der Kita zu fördern?

Würdest du gern Kind in deiner Gruppe sein?

Allein der Frage auf den Grund zu gehen: WAS hat bisher wunderbar funktioniert? Und vor allem WIE und zu welchem Preis? Kinder haben ein Recht darauf, respektvoll behandelt zu werden und am Alltag in ihrem Ermessen partizipieren zu können. Eine wundervolle Frage an dieser Stelle, die ich Fachkräften gern stelle ist: Würdest du gern Kind in deiner Gruppe sein? Woran möchtest du, dass die Kinder sich später erinnern?

Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es für Fachkräfte – neben eurem Buch – sich weiterzubilden und auf einen neuen Ansatz umzustellen?

Es gibt mittlerweile mit uns so viele wunderbare Menschen, die sich für einen achtsamen und beziehungsstraken Umgang mit Kinder einsetzen. Wir sind sehr glücklich, dass wir sagen können, dass es so geniale Fachkräfte in der Praxis und Ausbildung gibt.

Wer tatsächlich mit uns weiter arbeiten möchte, der darf sich gern auf unserer Homepage BO Akademie umsehen, dort findet man auch Fortbildungen, Webinare und Coachings. Und natürlich unsere Blogs lesen und unseren Podcasts folgen (Bedürfnisorientierte Kinderbetreuung & Kindheit erleben), und unsere Bücher lesen (siehe unten, Anm. d. Red.). Im Sommer wird es von uns Nachschub geben – es entstehen derzeit zwei weitere Werke im Herder Verlag. Und ihr findet uns zudem auf Instagram.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Das ist eine gute und große Frage, auf die wir gerade nur „Frieden!“ antworten können. Wir sind davon überzeugt, dass Menschen, die sich gesehen, wertgeschätzt, anerkannt und geliebt fühlen, auch diese Liebe weiter tragen. Und es ist an uns, den jungen Menschen ein gutes Vorbild zu sein und ihnen achtsam und gewaltfrei zu begegnen!

Liebe Kathrin, wir danken dir für das Interview und wünschen dir und Lea weiterhin viel Erfolg bei eurer Mission!

Neugierig auf mehr? Hier gibt es für euch das Buch „Kinder achtsam und bedürfnisorientiert begleiten in Krippe, Kita und Kindertagespflege.“ von Kathrin Hohmann und Lea Wedewardt sowie weitere Bücher der beiden:

   

ab 13. Juni 2022:

Diesen Artikel teilen
Kommentiere diesen Beitrag:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.