Trauer bei Kindern – „Man kann Kindern zutrauen, zu trauern!“

Vor Kurzem haben wir uns zum Interview mit Sabine Elvert zum Thema „Trauer bei Kindern“ getroffen. Sie ist Familienbegleiterin, Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche und selbst dreifache Mama. Auf welche Weise Kinder trauern, ab wann man mit ihnen über den Tod reden kann und wie Kinder mit den Themen Sterben und Tod aufwachsen sollten, das erklärt sie euch jetzt:

POLA: Liebe Frau Elvert, vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit dafür nehmen. Erst einmal: Wie sind Sie dazu gekommen, Kindertrauerberaterin zu werden?

Sabine Elvert: Die meisten, die in der Hospiz arbeiten, haben mehrere kleine Wege beschritten, der dann dorthin geführt hat. Es gibt keinen Tag, an dem man auf einmal sagt, dass man sich jetzt mit den Themen Kinderhospiz oder Kindertrauerarbeit beschäftigen möchte. Bei mir waren es auch mehrere Gründe. 2003 ist mein Vater gestorben, da war mein ältester Sohn gerade mal 6 Jahre alt. Und ich war selbst einfach überfordert und hilflos und wusste überhaupt nicht, wie ich das jetzt meinem eigenen Kind erklären sollte. Ich hätte gern einen roten Faden oder jemanden, der mich an die Hand nimmt, gehabt. Aber leider gab es da niemanden. Ich habe es dann irgendwie geschafft. Und als mein Sohn dann in der 7. Klasse war, kam ein Junge hinzu, der schwer an Krebs erkrankt war. Und auch da war ich völlig hilflos, denn wie erklärt man seinem eigenen Kind, dass der Schulfreund vielleicht nicht mehr nach der Operation zurückkommt? Das war dann auch der ausschlaggebende Grund, dass ich mich dazu entschlossen habe, mich mit dieser Thematik näher zu beschäftigen.

POLA: Und wie ging es dann weiter?

Sabine Elvert: Ich bin dann erstmal zum Potsdamer Hospiztag gegangen, der jedes Jahr auf Hermannswerder stattfindet. Dieser Tag ist wirklich super interessant und ich kann es jedem empfehlen, dort einmal hinzugehen. Man muss keine Angst haben. Hospiz heißt ja „ummanteln, aufgefangen werden“ und das ist ja erstmal was Schönes. Im Zuge des Hospiztages bin ich an eine tolle Referentin gekommen, die mich mit diesem Thema so eingefangen hat, dass ich dann angefangen habe, eine Ausbildung zur Familienbegleiterin zu machen. In dieser Ausbildung arbeitet man ehrenamtlich ca. 2 Stunden in der Woche in einer Familie, wo entweder das Kind schwer krank ist oder ein Elternteil stirbt. In dieser Zeit kümmere ich mich z.B. um das Geschwisterkind, damit diese in dieser schwierigen Phase auch einmal wieder gesehen werden. Die Eltern können in dieser Zeit mal kurz durchatmen und man nimmt ihnen ein Stück von dem schlechten Gewissen, dass sie sich um das Geschwisterkind gerade nicht kümmern können. Es entlastet die ganze Familie, einen Ansprechpartner zu haben und diese Unterstützung nutzen zu können.

POLA: Wie sieht so eine Ausbildung zur Trauerberaterin aus?

Sabine Elvert: Die Ausbildung ist kostenfrei und wird von der Kinderhilfe angeboten. Sie dauert 1 Jahr und findet einmal in der Woche nebenberuflich statt. Das Thema Selbstreflektion spielt dort eine große Rolle: Wie geht man selber mit dem Tod um? Welche Verluste hat man selber schon erlebt? Warum hat man diese Ansicht zu dem Thema Tod? Und wie ist die eigene Erziehung zu dem Thema verlaufen? Man stellt sich selber einmal komplett in Frage und das ist wirklich wichtig. Man lernt einfach ganz viel über sich selbst und nur dann kann man auch anderen in Krisensituationen und bei der Trauerarbeit helfen. Man muss einfach selber von sich wissen: Was tut mir gut? Was tut mir weh? Und wo sind meine Grenzen?

POLA: Wie sind sie darauf gekommen, eine Kindertrauergruppe zu gründen?

Sabine Elvert: Ich habe vom vorletzten zum letzten Jahr eine Trauerbegleitung bei uns in der Gegend angeboten und festgestellt, wie groß der Bedarf bei Kindern ist. Ich wurde dann so oft angesprochen, ob ich nicht in der Familie helfen könnte, dass ich erstmal ablehnen musste. Und dann kam mir die Idee, eine Kindertrauergruppe in Stahnsdorf-Teltow-Kleinmachnow ins Leben zu rufen. Bis dahin gab es so etwas bei uns noch nicht und es ist sehr wichtig, dass die Treffen im sozialen Umfeld der Kinder stattfinden. Wenn sie sich gut verstehen, können sie sich auch mal am Nachmittag treffen.

POLA: Und an welche Kinder richtet sich eine Kindertrauergruppe?

Sabine Elvert: An Kinder, die im engsten Umfeld jemanden verloren habe. Ich möchte die Großeltern, die mit im Haushalt leben, nicht ausschließen. Wenn die Oma allerdings 200km weit weg wohnte, dann ist diese Trauergruppe nicht das Richtige. Das wird dann individuell entschieden. Die Kindertrauergruppe hilft ein bisschen beim Dolmetschen. Wir erklären den Eltern, was die Kinder gerade durchmachen und erläutern den Kindern, wie sich die Eltern gerade fühlen. Wir geben den Kindern einen Ort, wo sie trauern können, wie sie wollen. Egal ob mit Wut, Angst oder mit weinen (viele Kinder weinen nicht vor ihren Eltern, denn sie wollen ihre Eltern schützen und wissen, dass es die Eltern ja wieder traurig macht). Und bei uns dürfen sie auch alle Fragen stellen, wie zum Beispiel: “ Wie sieht Opa jetzt nach 2 Jahren im Sarg eigentlich aus?“ Und in der Trauergruppe kriegen sie einen Raum, Aufmerksamkeit und Zeit und keiner ist über ihre Fragen schockiert.

POLA: Trauern Kinder anders als Erwachsene?

Sabine Elvert: Ja. Kindern trauern ein bisschen so wie ein Herzschlag. Sie stürzen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Kinder haben einen tollen Selbstschutz. Wenn die Trauer zu viel wird und die seelische und körperliche Belastung zu groß wird, dann schaltet sich die Kinderseele kurz mal ab. Dann können die Kinder spielen und lachen. Es ist ein sehr gesunder Mechanismus, denn sie trauern immer nur so viel, wie sie können. Wir Erwachsenen stürzen uns immer rein und kommen da fast nicht mehr aus der Trauer raus. Viele Eltern und Großeltern verstehen es nicht, wenn das Kind zum Beispiel bei der Beerdigung anfängt, ein Lied zu singen. Da sollte man nicht schimpfen, sondern eher mal nachfragen: Vielleicht ist es das Lieblingslied des Verstorbenen oder das Kind erinnert sich gerade an eine tolle Begebenheit. Kinder trauern nicht dann, wenn wir es von ihnen verlangen und wenn wir denken, sie müssten es jetzt tun. Sie haben einen ganz eigenen Trauerweg.

POLA: Wie kann man als Elternteil sein Kind in der Trauerarbeit unterstützen?

Sabine Elvert: In dem man den Kindern in der Trauerzeit ganz genau zuhört und über die Fragen der Kinder nicht schockiert ist. Und auch wenn sie sagen: „Ich bin wütend auf Papa, weil er gestorben ist.“, dann ist das völlig okay, denn auch für die Kinder ist es eine schwierige Situation und sie haben das Recht, wütend zu sein. Wichtig ist auch, dass man als Elternteil authentisch ist. Kinder dürfen ruhig mal die Tränen der Eltern sehen, sie kriegen es sowieso mit, wenn wir Eltern traurig sind. Und ganz wichtig: Die Sache immer beim Namen nennen. Niemals über das Einschlafen des Opas reden und sich dann wundern, warum das Kind ein halbes Jahr später Schlafstörungen kriegt. Tod und Sterben sind Worte, die in unserem Wortschatz vorkommen und die man auch so benennen sollte. Wichtig ist eben nur, dass man die Dinge kind- und altersgerecht erklärt. Wenn der Tod noch bevor steht, dann ist es wichtig, Erinnerungen zu schaffen oder wenn der Tod schon vorbei ist, dann unbedingt Erinnerungen sammeln. Erinnerungen sind super wichtig und sei es der kaputte Wecker, an dem das Kind hängt. Und wenn man das alles nicht schafft, dann sollte man sich unbedingt Hilfe holen. Egal ob bei der Verwandtschaft oder bei professionellen Trauerberatern.

POLA: Was wünschen sie sich von der Gesellschaft?

Sabine Elvert: Die Gesellschaft braucht einfach mehr Offenheit. Keiner weiß so richtig, wie er mit dem Thema umgehen soll. Den Trauernden allein zu lassen und zu sagen, er wird sich schon melden, wenn etwas ist, ist das Grausamste, was man machen kann. Denn zu der Trauer kommt bei vielen noch die soziale Isolation. Ich glaube, die Tabuisierung hängt damit zusammen, weil die frühere Generation einfach zu viele Tote gesehen hat. Da wurde das Thema dann einfach irgendwann weggeschoben. Die Leute waren so traumatisiert, dass sie gesagt haben, dass das eigene Kind sowas niemals erfahren soll. In Folge dessen wuchs dann allerdings eine Generation heran, die mit dem Tod überhaupt nicht umgehen kann. Trauer ist einfach was, was man lernen muss. Man muss lernen, wie man selber am besten trauert, was einem in dieser Zeit gut tut und wie man da aber auch wieder herauskommt. Und Kinder müssen das Trauern von ihren Eltern lernen. Trauer ist gesellschaftlich nicht anerkannt, sie bekommt keinerlei finanzielle Unterstützung durch Krankenkassen. Erst dann wenn Trauer krank macht, dann wird bezahlt. Dabei kann man vieles vorher abwenden.

POLA: Was ist dann wichtig für das Aufwachsen der Kinder?

Sabine Elvert: Da Trauer ein menschliches Bedürfnis ist, um Abschied zu nehmen, kann man das nicht unterdrücken oder wegschieben. Man kann Kindern zutrauen, zu trauern. Natürlich mit richtiger Begleitung und auch mit Vorbereitung, in dem man den Kindern immer erklärt, was passiert. Und immer ehrlich und authentisch sein. Jede Familie wird irgendwann mit Trauer konfrontiert. Es ist eine Illusion, wenn man denkt, man kommt um das Thema drum herum. Irgendwann ist jeder dran! Vielleicht kann man mit seinem Kind auch mal ohne Grund auf den Friedhof gehen. Ein Kind, welches schon öfter mal auf dem Friedhof war, dass wird, wenn es einen Grund hat, auf den Friedhof gehen zu müssen, nicht geschockt sein. Es gibt wunderschöne Friedhöfe hier bei uns in der Gegend.

POLA: Ab wann kann man mit Kindern über den Tod reden?

Sabine Elvert: Es gibt kein Alter, dass das Kind zu klein ist. Die Kinder können mit diesem Thema ruhig aufwachsen. Wenn die Kinder darüber reden wollen, dann sollte man ihnen immer zuhören und ihre Fragen beantworten. Es sollte einfach ein ganz normales Thema zu Hause sein. Man muss nicht aufhören, über den Tod zu reden, nur weil das Kind in den Raum kommt. Man kann zum Beispiel mit Hilfe von Fotoalben erklären, wer schon gestorben ist, wer wo lebt und wie derjenige mal als Kind ausgesehen hat. Das hat einfach auch etwas mit Familiengeschichte zu tun. Und wenn die Kinder mit dem Verständnis aufwachsen lässt, alles was lebt, stirbt irgendwann einmal (die Blumen im Garten, die toten Käfer, die man unterwegs findet), dann wachsen die Kinder ganz anders mit dem Thema auf.

POLA: Und was sollte man auf keinen Fall tun?

Sabine Elvert: Das Thema verschweigen und denken, man kommt darum herum. Statistisch gesehen hat jeder mit 12 Jahren schon einmal einen in der Familie verloren. Man kann die Kinder schon ein bisschen darauf vorbereiten, in dem man das Thema nicht tabuisiert. Man muss dieses große Tabuthema ein bisschen entzaubern und ihnen die Ängste nehmen. Kinder haben eine große Fantasie und wenn man ihnen sagt, dass man nicht darüber reden will, dann ist die Kinderfantasie schlimmer als die Realität.

POLA: Wie kann man das Kind darauf vorbereiten, wenn man weiß, dass ein Elternteil bald sterben wird?

Sabine Elvert: Als erstes sollte man offen darüber reden, denn Kinder hören mehr, als man denkt. Wenn Mama heimlich nachts im Schlafzimmer weint, dann hört das auch irgendwann das Kind und wird nicht mehr glauben, dass bald alles gut wird. Wichtig ist hierbei natürlich eine kindgerechte Erklärung. Und dann sollte man Erinnerungen schaffen. Man kann auch ganz zum Schluss noch schöne Erinnerungen schaffen. Zum Beispiel kann man Fingerabdrücke oder gemeinsame Fotos machen. Außerdem kann man die Lieblingskleidung aufheben und daraus Kuscheltiere oder Tröstekissen nähen lassen. Diese Erinnerungen sind so wertvoll. Und man sollte dem Kind genau erklären, was passieren wird. Man kann auch gemeinsam darüber reden, ob das Kind mit auf die Beerdigung möchte. Außerdem sollte man die Schule oder Kita benachrichtigen, denn ein trauerndes Kind kann auch mal während des Unterrichts ohne offensichtlichen Grund in Tränen ausbrechen. Es ist harte Arbeit, nicht umsonst heißt es ja auch Trauerarbeit.

Liebe Frau Elvert, ich danke Ihnen vielmals für Ihre Offenheit. Es sollte so viele mehr von Ihnen geben! 

Die Kindertrauergruppe in Teltow wird unterstützt durch „Rock am Kanal“ in Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum Philantow und der Kinderhilfe e.V. und im Sommer 2019 starten. Jedes Treffen wird von vier Ehrenamtlichen begleitet (ein Ehrenamtlicher begleitet immer die Eltern vor der Tür) und es wird feste Themen geben, die dort besprochen werden. Die Kindertrauergruppe wird aus ca. 8 Kindern bestehen und sich alle zwei Wochen für ca. 2 Stunden treffen. Frau Elvert nimmt jetzt schon Anmeldungen unter info@trauerkinder.de entgegen. Ehrenamtliche (jeder Art) sind immer herzlich Willkommen! Und HIER auch nochmal mehr zum Nachlesen!

Angebote für Kitas & Schulen:

Die Trauerberater kommen auch gern in Kitas und Schulen in Potsdam und Umland, um das Thema Tod und Trauer offen mit Kindern und Jugendlichen zu besprechen. -> mehr erfahren

Photocredit: Unsplash/ Sandy Millar

Diesen Artikel teilen
Werbung
Stichworte im Beitrag
, , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.