„Wir brauchen eine Gesellschaft, die Fürsorge in ihr Zentrum stellt!“

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Am 1. September 2023 erscheint das Buch „Mütter. Macht. Politik. – Ein Aufruf!“* von Sarah Zöllner und Aura-Shirin Riedel. Ein politisches Sachbuch zur Stellung von Müttern in unserer Gesellschaft. Wir haben mit Autorin Sarah darüber gesprochen, welche Einblicke in den Alltag von Müttern es bietet, was sich gesellschaftlich dringend ändern muss und warum das Ganze nicht nur für Mütter spannend ist.

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Mütter. Macht. Politik. – Ein Aufruf!

POLA Magazin: „Mütter. Macht. Politik. – Ein Aufruf!“ heißt euer Buch. Damit sprecht ihr von einer Gesellschaft, die Familien ignoriert. Was meint ihr damit konkret? Ich zitiere: „Wer Mütter stärkt, muss Menschen auf die Füße treten. Nämlich genau denen, die aktuell von der kostenlosen „Ressource Mutterschaft“ gut leben.“ Wer ist da gemeint und wie kann das gelingen?

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Autorinnen Sarah Zöllner (links) und Aura-Shirin Riedel / (C) Sofia Wagner Fotografie, (C) Aura-Shirin Riedel.

Sarah: Ohne die Fürsorgearbeit, die Mütter täglich leisten, sähen wir als Gesellschaft ganz schön alt aus. Wer würde die Kinder betreuen, die als zukünftige Arbeitnehmer:innen unsere Wirtschaft voranbringen sollen? Wer macht heute überhaupt Vollzeitarbeit als Standard möglich? Mütter sind in Familien die Menschen, die in den meisten Fällen den (Haupt-) Erwerbstätigen den Rücken freihalten.

Ganz abgesehen davon, dass wir arm dran wären ohne all die Frauen und Mütter, die zusätzlich zu ihrer Arbeit zu Hause in Krankenhäusern, in der Pflege, in Kitas und Schulen für andere sorgen. Auch da oft unterbezahlt und unter miserablen Bedingungen. Sehr lange wird das nicht mehr gut gehen. Die aktuelle Care-Krise im Gesundheits- und Bildungsbereich zeigt das mehr als deutlich.

Und wir alle werden einmal alt. Wollen wir dann unter Zeitdruck und nach Minimalversorgung gepflegt werden? Oder wollen wir diese Form der Fürsorgearbeit – in der Familie und außerhalb – endlich als das sehen und entsprechend anerkennen, was sie ist: nämlich ein essenzieller Bestandteil unserer Ökonomie und damit unserer Gesellschaft?

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Ihr argumentiert, dass die gesellschaftlichen Strukturen, wie sie aktuell nun einmal sind, nicht für Mütter gemacht seien.

Mütter übernehmen – statistisch belegt – im Durchschnitt zwei Drittel der unbezahlten Fürsorgearbeit innerhalb der Familie, also die Kinderbetreuung, Hausarbeit und Haushaltsorganisation, während über 90 Prozent der Väter schon kurz nach der Geburt ihrer Kinder Vollzeit arbeiten und sich entsprechend weniger zu Hause engagieren (können). Das Problem: Die Arbeit innerhalb der Familie ist unbezahlt und wird zum Teil nicht mal als Arbeit anerkannt, während Erwerbstätigkeit, wie es der Name schon sagt, gegen Lohn geschieht und ein deutlich höheres gesellschaftliches Ansehen genießt. Mit der Verteilung „Er verdient das Geld, sie sorgt zuhause für die Familie“ geht also ein großes finanzielles Ungleichgewicht und damit auch ein Ungleichgewicht an Macht und Einflussmöglichkeiten einher.

In vielen Familien werden diese klassischen Rollen doch längst nicht mehr gelebt. Zwei Drittel aller Frauen gehen inzwischen doch arbeiten.

Ja, aber meist in Teilzeit oder in schlecht bezahlten Minijobs – weil die Kinderbetreuung nicht ausreicht, der Partner sowieso mehr verdient und unser Steuerrecht durch das Ehegattensplitting verheiratete Paare „belohnt“, wenn einer das Geld nach Hause bringt und der andere sich um alles andere kümmert. So rutschen Frauen oft mit der Geburt ihrer Kinder in genau diese alten Abhängigkeitsverhältnisse, die wir eigentlich schon längst überwunden zu haben glauben. Genau das zeigen wir in unserem Buch.

Welche konkreten Forderungen nennt ihr? Zeigt ihr auch Lösungen, wie das anders gehen kann?

Wir brauchen dringend eine Geburtshilfe, die die Bedürfnisse von Mütter ernst nimmt und wo nicht an Personal und Ausstattung gespart wird. Dazu deutschlandweit wirklich verlässliche und hochwertige Kinderbetreuung. Und auch politische Entscheidungen im Steuer- und Arbeitsrecht:

Wir fordern zum Beispiel, das Ehegattensplitting abzuschaffen, das noch immer wie in den 1950er Jahren die Ehe an sich fördert und nicht Menschen, die für Kinder sorgen. Wichtig ist uns außerdem, den Fokus weg von individuellen Lösungen hin zum großen Ganzen zu richten: Funktioniert unser gesellschaftliches System auch für uns Mütter? Ganz zentral für dieses System ist die Verteilung und Bewertung von Arbeitskraft. Ein zentrales Argument unseres Buches ist, dass familiäre Fürsorge keine Privatangelegenheit, sondern eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist.

Ihr schreibt nicht allein aus eurer Perspektive als Mütter, sondern habt für eurer Buch zehn exklusive Interviews mit Expert:innen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft geführt. Wieso? 

„Als Mütter und Menschen, die Fürsorge für andere übernehmen, schaffen wir es nicht alleine. Wir brauchen Fürsprecher:innen, die sich an unsere Seite stellen und für uns und mit uns für unsere Interessen eintreten.“ Das hat Sascha Verlan, Mitinitiator des Equal Care Days, im Gespräch mit uns sinngemäß gesagt. Zwölf dieser Fürsprecher:innen haben wir in unserem Buch Raum gegeben. Es sind Menschen, die aus jahrelanger Erfahrung heraus genau sagen können, was getan werden muss, damit Mütter endlich gleichberechtigt werden. Ein Ziel, von dem letztlich alle Menschen in unserer Gesellschaft profitieren.

Außerdem nennen wir am Ende jeden Kapitels konkrete Handlungsmöglichkeiten. Was kannst du selbst als Mutter – oder als Mensch, der Mütter unterstützen will – tun? Mit unserem Buch – und der zeitgleich zu seiner Veröffentlichung startenden Jahresaktion #Müttermachtpolitik (muetter-macht-politik.de) – wollen wir dazu beitragen, die Forderungen der Verbände und Initiativen, die wir in ihm zitieren, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und damit auch politischen Druck zu erzeugen. „Mütterpolitik“ ist eben nicht nur was für Mütter, sondern sie geht uns alle an – Mütter, Väter und auch Kinderlose. Weil es dabei um die grundlegende Frage geht: Wie wollen wir als Gesellschaft leben und welche Prioritäten setzen wir?

Liebe Sarah, wir danken dir für dein Engagement für uns Mütter und wünschen dir, dem Buch und allen Aktionen ganz viel Aufmerksamkeit und Erfolg!

Hier bekommt ihr das Buch „Mütter. Macht. Politik. – Ein Aufruf!

Info zu den Autorinnen: Sarah Zöllner & Aura-Shirin Riedel

Ihr wollt mehr? Buch-Autorin Sarah Zöllner schreibt regelmäßig auch für das POLA Magazin. → zu Sarahs Beiträgen

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