„90% aller Kinder haben bis zum 2. Lebensjahr eine Mittelohrentzündung!

Wir haben uns mit dem Chefarzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam, Prof. Dr. med. Markus Jungehülsing, nicht nur über Mittelohrentzündung bei Kindern unterhalten, sondern auch erfahren, woran man erkennt, dass das Kind schwer hört und das Wattestäbchen ein absolutes Tabu für die Ohren sind. 

POLA Magazin: Lieber Herr Prof. Dr. med. Jungehülsing, welches sind die häufigsten Kinder-Erkrankungen im Hals-, Nasen- und Ohrenbereich?

Prof. Dr. med. Jungehülsing: Das sind Tubenbelüftungsstörungen. Das passiert, wenn die Ohrtrompete zu eng oder verlegt ist. Dann bildet sich im Mittelohr ein Sekret und es entsteht ein Paukenerguss. Dadurch kann das Trommelfell nicht mehr richtig schwingen. Mandelentzündungen und vergrößerte Mandeln gehören aber auch zu den häufigen Erkrankungen. 

Gibt es eigentlich typisch weibliche und männliche Erkrankungen? In unserem Umfeld haben besonders viele Jungen mit Mittelohrentzündungen zu kämpfen. 

Nein, da gibt es keinen Unterschied. 

Ab wann sollte man Ihrer Meinung nach schnellstens zum Arzt gehen? 

Natürlich wenn man starke Ohrenschmerzen hat oder das Kind anfängt, aus dem Ohr zu sezernieren (Sekret absondert). Wenn dann auch noch hohes Fieber dazukommt, dann handelt es sich um eine Mittelohrentzündung, die medikamentös behandelt werden muss. 

Und woran erkennt man als Eltern, dass das Kind Hörprobleme hat?

Man bekommt es als Eltern wirklich schwer heraus. Ein Paukenerguss verursacht, dass die Kinder schlecht hören. Und das stellt sich oft schleichend ein. Bei Kindern unter zwei Jahren kann man das nur feststellen, indem man sie untersucht. Aber wenn der Spracherwerb schon begonnen hat, dann erlebt man bei diesen Kindern, dass sie sich entweder nicht weiterentwickeln, dass der Spracherwerb stagniert oder sogar zurückgeht oder dass sie Zischlaute verwechseln. Und außerdem ist auffällig, dass sie andauernd nachfragen. Wenn man als Eltern den Eindruck hat, dass der Spracherwerb nicht sauber funktioniert oder nur sehr langsam voran geht, dann sollte man einen Arzt aufsuchen. 

Warum sind manche Kinder öfter von einer Mittelohrentzündung betroffen?

Das liegt zum einen an der Tubenbelüftung, zum anderen aber auch am Umfeld. Kindergarten-Kinder haben durch den hohen Infektionsdruck einfach öfter damit zu kämpfen. Auch Kinder aus Raucherhaushalten haben viel öfter eine Mittelohrentzündung. Schlechte Ernährung trägt auch dazu bei. Außerdem ist eine Anfälligkeit auch vererbbar. 

Und wie kann man einer Mittelohrentzündung vorbeugen?

Kaum 90% aller Kinder haben bis zum zweiten Lebensjahr eine Mittelohrentzündung. Aber wenn man sein Kind gegen Pneumokokken impft, verringert man das Risiko, an einer Mittelohrentzündung zu erkranken.

Bald beginnt wieder die Erkältungszeit: Wenn das Kind über anfänglichen Husten, Schnupfen oder Heiserkeit klagt. Was kann man als Eltern tun?

Auf jeden Fall ist es falsch, sofort mit einem Antibiotikum zu beginnen, denn das nützt nichts, da diese Symptome meistens durch Viren ausgelöst werden. Man kann sein Kind allerdings symptomatisch behandeln. Man sollte immer darauf achten, dass das Kind genug isst und trinkt und wenn es ganz schlimm wird, kann man auch ruhig mal Nurofen-Saft (Ibuprofen) geben. Zum Arzt braucht man erst zu gehen, wenn die Temperatur sehr hoch wird (über 2 Tage lang mindestens 39 Grad).

Viele Menschen empfehlen das Inhalieren. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Das Inhalieren kann symptomatisch gut wirken, aber man sollte dafür kein Eukalyptus oder Menthol verwenden. In der kalten Jahreszeit empfiehlt es sich, beim Schlafen die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen. Dafür legt man einfach ein nasses Handtuch auf die Heizung. 

Und ist es eigentlich wirklich wichtig, die Ohren im Winter immer warm zu halten? 

Nein, das ist nicht erwiesen. Im Ohr ist es immer gleich warm. Eine Mütze ist ratsam, da man über den Kopf die meiste Wärme verliert, aber den Ohren hilft das nicht. 

Und welche Tipps haben Sie bei einer Erkältung eines Babys?

Wenn die Babys Fieber bekommen, kann man ihnen ruhig Nurofen-Saft geben. Und ansonsten helfen Nasentropfen (z.B. aus Meersalz) ganz wunderbar. Man kann sich auch einfach selber eine Lösung zubereiten. Dafür nimmt man einen Liter Wasser und einen gehäuften Teelöffel Salz. Das wird zur Nacht in die Nase getropft. 

Und wie häufig dürfen Kinder krank werden? Was ist noch „normal“? 

Wenn das Kind mehr als sechs Mal pro Jahr eine Mandelentzündung hat, dann entfernt man die Mandeln. Aber ansonsten gibt es keine Krankheits-Grenzen. Es ist einfach von Jahr zu Jahr und von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. 

Auch über das Sauber machen der Ohren streiten sich die Geister. Wie sollte man es denn nun richtig machen?

Auf keinen Fall mit diesen Wattestäbchen (auch nicht mit den Kinder-Wattestäbchen)! Das sind nämlich eigentlich Abschminkstäbchen und sollten auch nur dafür verwendet werden. Wenn man sich die Ohren immer mit diesen Stäbchen sauber macht, dann kriegt man irgendwann eine Gehörgangsentzündung. Das Ohrenschmalz hat als Funktion, Bakterien und Pilze abzutöten und außerdem gibt es eine Wachstumsbewegung nach außen. Die reinigt den Gehörgang sehr zuverlässig. Wenn man das Schmalz immer abträgt, dann haben die Bakterien konstante 37 Grad, eine hohe Luftfeuchtigkeit, viel Platz und ein paar Hornschuppen, da können die super wachsen. Besser ist es, nur den äußeren Ohr-Bereich (da, wo man mit dem kleinen Finger hinkommt) mit Wasser und Seife zu säubern.

Vielen Dank für das aufklärende Interview!

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