„Alkohol in der Schwangerschaft ist ein gesellschaftliches Problem!“

Die Gefahren des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft wird von der Gesellschaft immer noch völlig unterschätzt. Dass Schwangere nicht so viel Alkohol trinken dürfen, ist ihnen bewusst, doch das Glas Sekt zum Anstoßen ist für die meisten Menschen völlig in Ordnung. Doch wie gefährlich auch schon die kleinste Menge für das ungeborene Kind sein kann, wissen leider nur die wenigsten. 

Wir haben uns mit der Leitenden Chefärztin der Frauenklinik am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam, Prof. Dr. med. Dorothea Fischer und mit dem Ärztlichen Direktor der Kinderklinik, Prof. Dr. med. Thomas Erler über Alkohol in der Schwangerschaft unterhalten und klären nun auf!

POLA: Wie viele Frauen trinken während ihrer Schwangerschaft Alkohol?

Prof. Dr. med. Fischer: Laut einer Studie sind es 58%! Wenn man eine Schwangere fragt, ob sie Alkohol trinkt, wird sie das natürlich verneinen. Sie wird aber auch nicht an das eine Glas Sekt bei der Hochzeit denken. 

Und hat das Kind dann denselben Blutalkoholspiegel wie die Mutter?

Fischer: Ja. Das was die Frau trinkt, führt zu einem Alkoholspiegel im Blut und geht komplett über die Plazenta zum Kind. Das heißt, das Kind hat denselben Blutalkoholspiegel und kann deswegen bestimmte Schädigungen erleiden. 

Welche Schädigungen können die Kinder bekommen und kann man sagen: Umso mehr Alkohol eine Frau während der Schwangerschaft trinkt, umso mehr Störungen weist das Kind auf?

Prof. Dr. med. Erler: Die Wahrscheinlichkeit steigt mit jedem Tropfen, aber es kann trotzdem sein, dass auch schon geringe Mengen große Störungen hervorrufen. Auch ein Bier oder ein Glas Sekt können negative Auswirkungen auf das Kind haben. Denn sobald Alkohol getrunken wird, kann die ganze Bandbreite, was Alkohol mit Kindern machen kann, bei den Kindern auftreten. 

Mittlerweile spricht man hierbei nicht mehr vom fetalen Alkoholsyndrom (FAS), sondern von der Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD), weil einfach viele verschiedene Störungen (auch mehrere gleichzeitig) bei den Kindern auftreten können. 

Die Kinder können diverse Organschäden haben (sie sind z.B. kleiner und untergewichtig), aber auch bei der neurologischen Entwicklung kann es deutliche Probleme geben (z.B. eine Intelligenzminderung). Auch veränderte Verhaltensweisen (wie z.B. Hyperaktivität) können auftreten. Und auch das Risiko einer Fehlgeburt ist bei Alkoholkonsum viel größer. 

Wenn bei dem Kind Störungen festgestellt werden und die Ursache aus ärztlicher Sicht eindeutig ist: Wie gehen die Mütter mit der Konfrontation um?

Erler: Die Diagnostik ist oft nicht einfach. Die meisten Frauen sprechen natürlich nicht offen darüber, dass sie Alkohol in der Schwangerschaft konsumiert haben. Wenn die Diagnose für uns jedoch eindeutig ist, dann gehen wir gezielt auf die Mütter zu. Es gibt Frauen, die es dann zugeben, andere ziehen sich mit ihrem Kind zurück und dann hat man als Arzt erstmal keine Chance. Es ist wirklich eine schwierige Situation. 

Wie kann man die Schwangeren, aber auch die Gesellschaft für dieses wichtige Thema sensibilisieren? Sobald eine Schwangere ein Glas Sekt trinken will, müsste ihr Umfeld doch sofort Alarm schlagen!

Fischer: Durch Aufklärung. Denn es ist zum Teil auch wirklich ein gesellschaftliches Problem. Alkohol ist in Deutschland sozial anerkannt. Die Gesellschaft hat zum Thema Alkohol in der Schwangerschaft ein ganz anderes Empfinden. Die Alkoholabhängigkeit während der Schwangerschaft ist für sie ein absolutes No-Go, aber mal ein Glas Wein am Wochenende ist für viele etwas anderes und völlig okay. 

Das Wissen, dass man dadurch schon seinem Baby schadet, haben die wenigsten. Denn auch schon das eine Glas Sekt kann enorme Schädigungen bei dem Kind hervorrufen. Es ist wichtig, dass die Gynäkologen und Hebammen jede Schwangere schon am Anfang aufklären und dies auch während der Schwangerschaft regelmäßig wiederholen.

Und wie gefährlich ist der Alkoholkonsum während der Stillzeit?

Erler: Da ist es genau dasselbe. Der Alkohol geht komplett in die Muttermilch über. Und die Kinder haben ihre ganze Entwicklung noch vor sich. Besonders das Nervensystem muss sich noch entwickeln und die Anfangszeit ist eine extrem sensible Entwicklungsphase im Leben der Menschen, die so nicht noch einmal wiederkehrt. Das Kindergehirn ist einfach viel sensibler als das eines Erwachsenen. 

Und sind die Schäden behandelbar?

Fischer: Nein, es ist nicht behandelbar. Es gibt eben nur unterschiedliche Ausprägungsgrade der Fetalen Alkoholspektrumsstörung, aber die lassen sich nicht wegbehandeln. Die Schäden bleiben ein Leben lang. Man kann die Symptome behandeln, in dem man zum Beispiel eine Verhaltenstherapie macht und organische Schäden kann man durch Medikamente oder eine Operation angehen, aber der Alkohol hat den Schaden für immer gesetzt. 

Vielen Dank für das aufklärende Interview!

Helft mit! Damit bald so viele Menschen wie möglich von der Gefahr wissen, bitten wir euch, es allen weiter zu erzählen und aufzuklären. 

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