Elternrat: Wie schaffe ich es, dass meine Kinder auf mich hören?

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Unser heutiger Elternrat von Elterncoachin Alexandra Fresenborg dreht sich um folgende Frage:

“Meine Kinder hören einfach nicht, wenn ich sie um etwas bitte oder wenn ich etwas sage. Oft habe ich das Gefühl, dass ich gegen eine Mauer rede und mein Anliegen gar nicht bei den Kindern ankommt. Erst bitte ich sie nett und höflich und dann ertappe ich mich, dass ich sie doch anschreie, obwohl ich mir fest vornehme, es nicht zu tun. Wie schaffe ich es, dass die Kinder auf mich hören?”

Das rät euch unsere Elterncoachin:

Herzlichen Dank für den Mut Ihrer Anfrage. Aus vielen Elterngesprächen kann ich Ihnen versichern, dass es vielen Eltern so geht! Aber auch, wenn es den Anschein erweckt, dass Kinder nicht hören, steckt keine böse Absicht dahinter, sondern neurologische Schutzmechanismen.

Kinder benötigen, um in unserer Welt klarzukommen und zu lernen, eine Reizreduktion. Jeder Reiz, der auf die Kinder trifft, muss kognitiv verarbeitet werden. Dieser Verarbeitungsprozess geht bei Kindern nicht so schnell wie bei Erwachsenen, die damit ja schon Routine entwickelt haben. Aus diesem Grund sind vor dem Sinneswahrnehmungsbereich Filter gesetzt, die manche Informationen einfach nicht zum Gehirn und damit zur aktiven Verarbeitung vorlassen. Vor allem sind es Informationen, die für die Kinder erstmal nicht wichtig sind, z.B. die Zähne zu putzen, den Schlafanzug wegzuräumen, die Hausaufgaben zu machen usw.  Andere, für Kinder wichtige Informationen, wie z.B. Eis essen, Spielen usw. gelangen direkt – ohne Filter – zur Verarbeitung ins Gehirn.

Die Kinder leben in ihrer eigenen Welt, zu der Erwachsene nur bedingt Zutritt erhalten. Damit der Alltag mit Kindern gelingt, empfehle ich in folgenden Schritten vorzugehen:

1. Gehen Sie immer, wenn Sie etwas von Ihrem Kind möchten, zu Ihrem Kind hin. Es nützt nichts, durch Wohnungen, über Spielplätze und von Weitem zu rufen. Diese Bitten erreichen Ihre Kinder nicht und prallen als unwichtige Information ab. Kinder können aus der Ferne Ihre Botschaft nicht von anderen Begleitbotschaften unterscheiden und stellen deshalb auf Durchzug.


Nur, wenn Sie bei Ihrem Kind sind, werden Sie auch wahrgenommen. Ist Ihr Kind gerade sehr im Spiel versunken und befindet sich in seiner “Wohlfühlblase”, warten Sie vor dem Sprechen kurz die nächste Spielpause ab (das kann auch mal eine halbe Minute dauern). Sie erkennen das z.B., wenn Ihr Kind den Kopf hebt und zu Ihnen schaut. Erst dann können Sie Ihre Botschaften platzieren und Ihre Kinder können Sie als ernstzunehmende Partner wahrnehmen und erkennen.

2. Nehmen Sie Blickkontakt mit Ihrem Kind auf. Zusätzlich ist immer auch Blickkontakt nötig. Von Ihrem Blickkontakt können die Kinder ablesen, wie wichtig Ihnen Ihr Anliegen ist und welche Emotionen Sie damit verbinden. Nur durch den Blickkontakt können Eltern die neurologische Schutzmauer durchbrechen und die Bitte/Anliegen dringt zur Verarbeitung im Gehirn durch. Deshalb begegnen Sie Ihren Kindern immer mit einem offenen und freundlichen Blick und lächeln Sie.

3. Nutzen Sie kurze, knappe und klar verständliche Sätze. Durch viele Füllwörter, Erklärungen und Worthülsen verwässern Sie Ihre Bitte/Anliegen und Ihr Kind kann die Kernaussage nicht herausfiltern. Auch hier stellt das Kind auf Durchzug: Einmal, weil es überfordert ist, aus der Fülle von Wörtern den Sinn und die Handlungsanweisung zu erkennen. Und zweitens, weil es die Wichtigkeit Ihrer Aussage nicht erkennen kann. Lange Wortschwalle haben auf Kinder die Wirkung einer Berieselung, wie beispielsweise Hintergrundmusik, die nicht auffordert, etwas aktiv zu tun.

4. Motivieren Sie Ihr Kind immer wieder. In der Regel verlangen Sie etwas von Ihrem Kind, was es nicht oder in diesem Moment nicht machen möchte. Deshalb bringen Sie Ihre Bitte nur einmal vor, intensivieren Sie Ihren Blickkontakt und schweigen. Damit erhöhen Sie Ihre Absichten. Geben Sie kurze und freundliche Anweisungen, wie es Ihr Kind trotz des inneren Widerstandes schaffen kann. Manchmal genügt es auch, Ihr Kind kurz in den Arm zu nehmen und anzuerkennen, dass die Aufgabe für das Kind im Moment unpassend bzw. schwierig ist.

5. Lassen Sie sich nicht in Diskussion verwickeln. Kinder sind clever und verwickeln uns in ein Gespräch oder in eine Diskussion. Schnell geraten Sie dann in eine Situation, dass Sie sich vor dem Kind rechtfertigen müssen. Dieses Spiel verlieren Sie definitiv. Deshalb signalisieren Sie, dass manche Forderungen nicht verhandelbar sind und einfach gemacht werden müssen.

6. Loben Sie! Wir loben unsere Kinder zu selten. Deshalb erkennen Sie es an, wenn Ihr Kind eine Anstrengung überwunden hat und Ihre Bitte umgesetzt hat. Achten Sie darauf, dass Ihr Lob ein echtes Lob ist und nicht inflationär eingesetzt wird.

Dieses Vorgehen empfehle ich vom Kleinkindalter bis hin zu den Jugendlichen. Jugendliche sind kognitiv ausgereift, dass sie Anweisungen auch aus der Ferne richtig einordnen können und entsprechend handeln können. Ihr Handicap ist es, dass sie manchmal so sehr in ihrem eigenen Innenleben verstrickt sind und in ihrem „eigenen“ Film, dass sie sich von der Außenwelt abschotten. Aus diesem Grund gehen Sie auf Ihr Kind zu, seien Sie feinfühlig und lassen Sie nicht locker.

Und zu guter Letzt: Bleiben Sie am Ball! Auch wenn es mal nicht gelingt, versuchen Sie es einfach weiter. Ich wünsche Ihnen, dass Sie im Alltag viele gute Augenblicke mit Ihren Kindern genießen können.

Foto: Barbara Olsen via pexels

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