Denn sie wissen nicht, was sie tun!

Kolumne Eltern Muttersein Kind Wahrheit Fehler

Ich bin Mutter. Das steht jetzt nicht in meinen Ausweispapieren oder so und auf den ersten Blick sieht man das auch nicht, aber wer mich besser kennt, der weiß, dass es so ist. Es ist quasi Insiderwissen. Oder auch nicht, denn ich hab meine Kinder auch oft um mich und putze Nasen oder brülle „Nicht so laut!“ in ihre Richtung. Ich gehe mit ihnen zum Arzt und auf den Spielplatz. Das mache ich, weil ich erziehungsberechtigt bin. So will es das Gesetz. Und ich will es ja auch, sonst hätte ich sie nicht bekommen. Leider erklärt einem niemand so richtig, wie man das macht, Erziehen. Fest steht allerdings: Du musst es gut machen. Also lavierst Du Dich so durch, hörst auf Tipps, glaubst Ratgebern und lässt Dich unbedingt vom öffentlichen Druck, eine gute Mutter zu sein, fix und fertig machen. Das gehört dazu. 

Schade Dein Verhalten

Dein Wert als Mutter wird nämlich am Endprodukt gemessen. Als wäre das nicht genug, musst Du gleichzeitig noch berufliche Vereinbarkeit leben, Gleichberechtigung durchsetzen und Vorbild sein. Ja man, Du musst selbstverständlich Vorbild sein. Das ist das A und O einer guten Erziehung, dass Kinder an ihren Eltern korrektes Verhalten ablesen können. Sie imitieren nämlich viel besser, als dass sie Anweisungen aus purer Einsicht umsetzen. So ist das und deswegen wirst Du jetzt ein richtig gutes Vorbild! Du legst alle Fehler ab und bist sogar auch für fremde Kinder ein Musterbeispiel vorbildlicher Lebensweise. An der roten Fußgängerampel z.B. bleibst Du jetzt stehen, wenn dort ein Kind geduldig auf Grün wartet. Auch, wenn Du es verdammt eilig hast. Du verpasst den anrollenden Bus gefälligst, weil Du hier jetzt nicht vor Deiner eigenen Unfähigkeit, rechtzeitig aus dem Haus zu gehen, einknicken kannst. Denk an Deine Vorbildfunktion! – Scheiß drauf! Ich renne natürlich laut schreiend und bescheuert mit den Armen wedelnd über die Straße und verpasse den Bus trotzdem. Alle umstehenden machen die Scheibenwischergeste. Der Busfahrer lacht. Das wartende Kind guckt irritiert sein Elternteil an. Ich fluche derb. Vorbildliche Eltern fluchen ja auch angepasst. Sie sagen jetzt „Scheibenkleister“ oder „Au Backe“. Quel Malheur! Später meditieren sie die Wut weg oder reden konstruktiv drüber. Hm. Ja.

Konsequente Inkonsequenz

Ich hab also den gottverdammten scheiß Bus verpasst und muss nun mit dem Fahrrad fahren. Hier stellt sich gleich die nächste Gretchenfrage: Wie hältst Du´s mit dem Helm? Da bin ich sehr konsequent. Immer, wirklich immer ist ein Helm zu tragen. Bei mir gilt: Ohne Helm, kein Fahrrad! Nur ich setz halt keinen auf. Zu meinem 10. Geburtstag bekam ich nämlich ein Fahrrad mit der Auflage, dieses nur mit Helm zu besteigen. Wir schrieben 1992 und die Anreise der bevorstehenden Klassenfahrt war mit dem Rad geplant. 28 Kinder fuhren 30 km Kolonne. Keine Sau hatte einen Fahrradhelm, meiner war neon-gelb. Niemand stürzte, außer ich ins schamhafte Unglück und so verweigerte ich anschließend einfach das Radfahren bis ich selbst entscheiden konnte.

Meine Tochter fragte kürzlich, warum sie denn einen Helm tragen müsse und ich ohne fahren durfte? Ich antwortete, dass ich das Risiko schon selbst tragen kann, sie aber nicht. Mein Freund begründete kurzerhand, dass sein Kopf viel härter sei als der von Kindern. Als wir mit dem Lachen wieder aufhören konnten, waren wir uns einig, dass beide Antworten ungenügend waren. Wir wollen das Beste für unsere Kinder und in erster Linie ihre Sicherheit. Natürlich ist es illusorischer Quatsch, zu glauben, dass man die Gefahr einschätzen könnte, nur weil man schon länger auf dem Drahtesel sitzt. Als 1976 die Anschnallpflicht in der Bundesrepublik eingeführt wurde, war ein gängiges Verweigerungsargument die Furcht vor knitteriger Oberbekleidung. Dabei war der Mehrwert des Sicherheitsgurtes klar erwiesen. Überleben oder knittrige Bluse? Wie sollte man sich da bloß entscheiden? Erst als 1984 Verstöße gegen die Gurtpflicht geahndet wurden, setzte sich der neue Sicherheitsstandard flächendeckend durch. Die Wahrheit ist also, dass ich den Helm hässlich finde und man mich schon zwingen müsste, einen zu tragen. Es wird umso peinlicher, je mehr mir seine Coolness suggeriert werden soll. Auch der fancy-Designhelm triggert meine Klassenfahrt-Traumatisierung. Außerdem will ich nicht, dass meine Haare knittern. 

Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein

Und wenn wir schon dabei sind, die unlogische Widersprüchlichkeit von Eltern aufzuzeigen, kann ich auch gleich zugeben, dass ich vor dem Essen heimlich Schokolade nasche und mir auch manchmal (oft, sehr oft) abends nicht die Zähne putze. Ich mache aber ein riesen Fass auf, wenn ich die Kinder dabei erwische (hoffentlich lesen die das nicht!). Ich war mein ganzes Leben lang unordentlich, hab bei Klassenarbeiten betrogen und später auch in der Uni. Ich hab gelogen und geklaut. Ich komme oft zu spät und manchmal gar nicht. Ich bin kein gutes Vorbild, aber der Tiefpunkt meiner Elternschaft und souveränen Selbstbetrachtung war der Moment, als mich meine Tochter beim heimlichen Rauchen erwischt hat. Ich hatte ihr versprochen, dass ich damit aufhöre, weil sie sich so Sorgen machte. Sie hatte recht, aber ich leider einen schwachen Willen. „Hast Du geraucht?“ fragte sie erschüttert. „Nein“ log ich. Ein paar Tage später erzählte mir ihr Vater (damals selbst noch Raucher, aber besser im Verbergen), dass sie mir das „Nein“ nicht geglaubt hat und genau wusste, dass ich sie anlog. Vollkatastrophe! Ich musste mich also ganz aufrichtig und ehrlich bei meiner 8-Jährigen entschuldigen und erklären, dass auch Erwachsene viele Dinge falsch machen.

Und das ist wohl das Beste, was man tun kann: sich seine eigene Fehlerhaftigkeit eingestehen. Wir machen wirklich sehr viel falsch. Wir werfen Batterien in den Hausmüll, weil´s schneller geht und stürzen besoffen mit dem Rad, obwohl wir es besser wissen müssten. Wir lassen uns in Jobs ausbeuten und bescheißen das Finanzamt. Die Liste ist unendlich. Manchmal kriegen die Kinder das spitz, dann muss man dafür Worte finden und auch mal Besserung geloben. Nicht alles muss man vor den Kindern rechtfertigen. Vielleicht bemühen wir uns alle darum, ein Vorbild zu sein, wenn es um den Umgang mit Fehlern geht. Wer nur in „richtig“ und „falsch“ denkt, wird oft seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht und dann unzufrieden. Wir sollten etwas Nachsicht üben; mit anderen Eltern, wenn sie am Handy daddeln oder das Einjährige vor den Fernseher setzen. Mit den Großeltern für noch mehr Spielzeug und schon wieder Süßigkeiten. Und vor allem mit uns und den Kindern. Wir sind alle nur Menschen. Amen!

Text: Andrea Glaß

Foto: pexels /Anastasia Shuraeva

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