Tabuthema Schwangerschaftskonflikt

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Eine Schwangerschaft ist meist ein freudiger Anlass, dennoch gibt es unterschiedliche Gründe, warum eine Schwangerschaft auch andere Emotionen oder einen Schwangerschaftskonflikt hervorrufen kann. Wie kann man mit einer solchen Situation umgehen und wo bekommt man Hilfe? Neben einem persönlichen Bericht findet ihr hier ein Interview mit einer Potsdamer Beratungsstelle und eine Übersicht von Beratungsstellen.

Schwanger, und nun?

Tabuthema Schwangerschaftskonflikt? Eine persönliche Erfahrung

„Papa, ich bin schwanger.“ – „Oh, wie schön! Das sind aber…“ – „Wir wissen noch nicht, ob wir das Kind behalten wollen“, unterbreche ich die freudige Reaktion meines Vaters, die mir einen Stich mitten ins Herz versetzt. Ich weiß, wie gerne er Opa werden würde, und ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal ein solches Gespräch mit ihm führen würde. Und doch fiel die Reaktion meines Vaters ganz anders aus, als ich erwartet hatte. Statt Befremdlichkeit hatte er Verständnis für mich und meine bzw. uns und unsere Situation gezeigt und mir seine Unterstützung zugesichert – unabhängig von meiner bzw. unserer Entscheidung. Die Reaktion meines Vaters konnte mir in meiner damaligen Situation etwas von der Angst nehmen, die das Tabuthema Schwangerschaftskonflikt in mir ausgelöst hatte. In meinem Umfeld gab es bislang niemanden, der sich nicht über seine Schwangerschaft gefreut hätte. Somit gab es niemanden, mit dem wir uns hätten austauschen können. Mir bzw. uns als Paar war somit klar, dass wir eine professionelle Beratung benötigen.

Schwangerschaftskonfliktberatung

In mehreren Gesprächen mit einer Mitarbeiterin einer Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle konnten wir in einem geschützten Raum unsere Ängste, Sorgen und Gedanken äußern. Insbesondere wenn die Partner in einer Schwangerschaftskonfliktsituation unterschiedlicher Meinung sind, kann es hilfreich sein, Gespräche mit einer geschulten Person, die als neutraler Mediator fungiert, zu führen. Hier haben wir über alle möglichen Optionen gesprochen, die grundsätzlich möglich sind: also das Kind zu behalten, zur Adoption freizugeben oder einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Es war hilfreich, zunächst mit einer neutralen Beobachterperspektive an die Situation heranzutreten und erst einmal eine allgemeine Bestandsaufnahme vorzunehmen, ehe es konkret wurde.

In unserem Fall waren mehrere gemeinsame Gespräche sowie Einzeltermine notwendig, um eine Entscheidung treffen zu können. Wir mussten gewissermaßen in die neue, unerwartete Situation hineinwachsen. Letztlich war ich diejenige, die die Entscheidung getroffen hat, weil es mein Körper ist, auch wenn meine Entscheidung – egal wie sie ausgefallen wäre – uns als Paar und Eltern gleichermaßen unser Leben lang betrifft.

Eine Entscheidung für das Kind

Nach mehreren Wochen konnte ich für mich sagen, dass ich das Kind bekommen werde. Es waren lange und zehrende Woche für mich und für uns als Paar, weil die ungeklärte Frage wie ein Damoklesschwert die ganze Zeit im Raum und somit auch zwischen uns stand. Gleichzeitig war uns beiden bewusst, dass wir diese Entscheidung nicht leichtfertig und quasi über Nacht treffen können. Es war ein ständiges Abwägen, ein Zweifeln und auch Verzweifeln. Da wir bereits sehr früh von der Schwangerschaft erfahren haben, blieb uns ausreichend Zeit, um uns zu entscheiden. Nach den gesetzlichen Regelungen ist bis zur 9. Schwangerschaftswoche ein medikamentöser Schwangerschaftsabbruch möglich, bis zur 12. Schwangerschaftswoche ein operativer Abbruch. Somit ist gesetzlich eine Deadline vorgegeben, die in der Regel jedoch trotzdem Zeit zum Entscheiden lässt.

Unsere Tochter ist inzwischen drei Jahre alt und wir könnten uns unser Leben nicht mehr ohne sie vorstellen – auch wenn wir inzwischen nur noch als Eltern ein Team sind und nicht mehr als Paar. Dass wir zu Beginn mit unserer Situation gehadert haben, bedeutet nicht, dass sie heute weniger oder anders von uns geliebt wird als die geplanten Wunschkinder aus unserem Umfeld. Gleichzeitig ist bei uns ein Bewusstsein dafür entstanden, wie wichtig es ist, diese Entscheidung für sich treffen zu können. Daher war die wertvollste Erfahrung, dass wir in unserem Umfeld in der schwierigen und herausfordernden Zeit neutrale und offene Rückmeldungen erhalten haben, damit ich für mich die richtige Entscheidung treffen konnte, unabhängig von den Wünschen und Vorstellungen unserer Familien, Freunde oder der Gesellschaft.

Schwangerschaftskonfliktberatung: ein Interview

Ihr befindet euch auch in einem Schwangerschaftskonflikt und denkt über einen Schwangerschaftsabbruch nach? Dann kann euch eine Beratung bei der Entscheidung helfen (für einen Abbruch braucht ihr den Beratungsschein). Wir haben für euch mit Dörte Richter, Leiterin der Pro Familia-Beratungsstelle in Potsdam, gesprochen:

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POLA Magazin: Was versteht man unter einem Schwangerschaftskonflikt?

Dörte Richter: Wenn eine Schwangerschaft Gefühle der Herausforderung oder auch Überforderung hervorruft, dann spricht man von einem Schwangerschaftskonflikt. Dabei kann dieser die schwangere Frau betreffen oder auch ein Konflikt im Paar bedeuten, wenn nur eine Partei in der Schwangerschaft eine Herausforderung sieht. Der Konflikt kann in diesem Zusammenhang aus unterschiedlichen Gründen bestehen, wenn die Schwangerschaft beispielsweise nicht zur aktuellen Lebenssituation passt oder grundsätzlich kein Kinderwunsch besteht.

An wen richtet sich die Schwangerenberatung?

Grundsätzlich ist unser Beratungsangebot für alle offen. In gemeinsamen Gesprächen mit der Schwangeren dürfen alle diejenigen, die für von der Frau für sich in der Situation als hilfreich empfunden werden, dabei sein. Manche Frauen kommen mit ihren Partnern in unsere Beratung, aber auch Eltern, Freund:innen oder Sozialarbeiter:innen nehmen an unserer Schwangerschaftskonfliktberatung teil. Insbesondere bei minderjährigen Schwangeren sind die Eltern oft dabei.

Was kostet die Beratung?

Die Schwangerschaftskonfliktberatung ist kostenfrei.

Sind mehrere Beratungstermine möglich?

Auf jeden Fall! Es sind darüber hinaus sowohl Paar- als auch Einzeltermine möglich. Es gibt kein Limit an Beratungsterminen. Darüber hinaus sind auch weitere Beratungen möglich, nachdem bereits eine Entscheidung getroffen wurde oder werden musste, denn auch dann können noch Herausforderungen oder Unsicherheiten bestehen. Wir stehen so lange zur Verfügung, wie wir gebraucht werden. Unsere Türen sind immer offen! Termine können per E-Mail oder telefonisch vereinbart werden.

Wie verläuft eine Schwangerschaftskonfliktberatung bei Ihnen?

Unsere Beratungen finden alle anonym und ergebnisoffen statt. Wir werten und bewerten nicht, was mir an dieser Stelle wichtig zu erwähnen ist. Unsere Berater:innen nehmen eine neutrale Rolle ein. Wir ermutigen die Frauen dazu, alle Gedanken mit in ihre Entscheidungsfindung einfließen zu lassen und nichts zu verdrängen. Wenn die finanzielle Situation eine der Herausforderungen darstellt, informieren wir über die individuellen Möglichkeiten im Bereich der Hilfs- und Unterstützungsangebote, wie zum Beispiel die verschiedenen Familienleistungen wie Bürgergeld, Wohngeld oder den Antrag auf Babyerstausstattung. Da wir in alle Richtungen mit den Betroffenen sprechen, klären wir auch über die unterschiedlichen Optionen eines Schwangerschaftsabbruchs sowie mögliche Alternativen wie eine Adoption auf. Wer einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen möchte, muss sich von einer anerkannten Beratungsstelle beraten lassen, um einen Beratungsschein zu erhalten, der für einen Abbruch gesetzlich vorgeschrieben ist.

Welche Unterstützungsmöglichkeiten stehen Frauen zur Verfügung, die sich in einem Schwangerschaftskonflikt befinden?

Neben Pro Familia gibt es weitere Anlaufstellen, die Schwangerschaftskonfliktberatungen anbieten. Auch Gespräche mit dem behandelnden Gynäkologen bzw. der behandelnden Gynäkologin können hilfreich sein, auch wenn bei Ärzt:innen grundsätzlich oft das Problem besteht, dass sie pro Patient:in nur ein begrenztes Zeitkontingent zur Verfügung haben. Das ist bei uns anders. Wir können uns die Zeit nehmen, die gebraucht wird. Darüber hinaus könnte es hilfreich sein, auch mit der Familie oder Freunden über die Situation zu sprechen. Grundsätzlich gibt es jedoch kein allgemeingültiges Patentrezept, da jeder Schwangerschaftskonflikt individuell betrachtet werden muss.

Wie können Familienmitglieder und Partner Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt unterstützen?

Es ist wichtig, den Betroffenen wertfrei und wertschätzend zur Seite zu stehen und die eigenen persönlichen Gefühle herauszuhalten. Das gelingt besonders denjenigen, die den Betroffenen nahestehen, wie den Eltern, nicht immer gut, da sie die Situation stets durch die Brille ihrer persönlichen Beziehung zueinander sehen. Stattdessen sollte man möglichst offen sein und auch nicht versuchen, die Frau bzw. das Paar zu überzeugen oder zu einer bestimmten Entscheidung zu überreden oder gar drängen zu wollen. Die Entscheidung sollte ganz allein bei der Frau liegen. Zudem ist Zeitdruck aufzubauen ein großes Hemmnis und nicht hilfreich.

Vielen Dank für das Interview!

Schwangerschaftskonfliktberatung – Beratungsstellen in Potsdam

Nicht aus Potsdam? Hier findet ihr deutschlandweite Beratungsstellen.

Pro Familia
Charlottenstr. 30 (erster Stock)
14467 Potsdam
0331 860668  |  potsdam@profamilia.de

EJF Beratungshaus Lindenstraße
Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung
Lindenstraße 56
14467 Potsdam
0331 2807320  |  schwangerenberatung.potsdam@ejf.de

Donum Vitae
Jägerallee 31
14469 Potsdam
0331 6001 8111  |  potsdam@donumvitae-bb.de

DRK Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familienplanung und Sexualität
Beyerstraße 8
14469 Potsdam
0331 2011891 |  beratung@drk-potsdam.de

→ Übersicht über alle Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstellen im gesamten Bundesland Brandenburg  

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