Patchwork unterm Tannenbaum: So gelingt Weihnachten als Trennungsfamilie

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Das erste Weihnachten als Familie nach der Trennung? Nicht immer einfach. Wie gelingt es euch auch als Patchworkfamilie, die Feiertage harmonisch zu verbringen? Wir haben dazu Simone Hirsch (47) befragt, die letztes Jahr zum ersten Mal Weihnachten mit ihrer neunjährigen Tochter und ihrem neuen Partner als Patchworkfamilie gefeiert hat. Dazu wollten wir von Marita Strubelt, Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation, seit über zehn Jahren „Bonus-Mama“ in einer Patchworkfamilie und Autorin des Ratgebers „Patchwork Power!“ (unten für euch verlinkt), wissen: Weihnachten nach der Trennung – wie geht das gut?

Zum ersten Mal Heilig Abend ohne Kind

Simone Hirsch verbrachte 2021 Heilig Abend zum ersten Mal ohne ihre 9-jährige Tochter: „Den Heilig Abend 2021 habe ich zuerst mit einem Abendessen bei meinen Vermietern im Haus verbracht, dann allein, bis gegen 22 Uhr mein Partner kam und wir den Abend nach der Bescherung n Zweisamkeit haben ausklingen lassen. Meine Tochter war zum ersten Mal an Heilig Abend beim Papa, kam dann zum Mittag des 1. Weihnachtstages zu uns, um dann am Nachmittag des 2. Weihnachtsfeiertages bis Silvester wieder zum Papa zu gehen.“

Wie hat Simone ihr erstes Weihnachten als Patchworkfamilie empfunden? „Alles in allem war es ein schönes Fest. Es war für mich eine ganz neue emotionale Erfahrung. Ich denke, wir haben es gut gemeinsam gemeistert, da wir nichts erzwungen haben, wir keine falschen Vorstellungen von Harmonie zum Fest hatten, nichts Großartiges geplant hatten, einfach Zeit miteinander verbrachten.“

Damit hat Simone intuitiv das Richtige gemacht, bestätigt Patchwork-Expertin Marita Strubelt: Zu hohe Erwartungen schadeten nur. Auch sei Kommunikation der Schlüssel für einen guten Umgang miteinander: „Wenn ich stumm vor mich hingrummele und denke, dass der andere doch merken muss, wie es mir geht, hilft das keinem weiter. Wichtig ist auch, von sich selbst und den eigenen Gefühlen zu sprechen. Dem anderen Vorschriften zu machen, wie er sich verhalten sollte, führt in aller Regel zu Widerstand. Druck erzeugt eben Gegendruck, das ist auch an Weihnachten so. Natürlich soll es nicht darum gehen, um des „lieben Friedens willen“ die eigenen Bedürfnisse komplett herunterzuschlucken. Gleichzeitig kann man an der einen oder anderen Stelle aber vielleicht doch mal fünfe gerade sein lassen und sich denken ‚Das ist jetzt eben so.‘“

Simones Resümee nach ihrem ersten Weihnachten in Patchwork-Konstellation: „Einzig der Wechselstress meiner Tochter trübte etwas die Stimmung. Ich habe zudem beobachtet, dass sie mit den weiteren Geschenken, die bei uns unterm Weihnachtsbaum lagen, überfordert war, sie auch nicht die Zeit hatte, mit ihnen wirklich zu spielen. Hier fand zuvor keine Absprache mit dem Papa meiner Tochter statt, was verbesserungsbedürftig ist.“

Simone schließt daraus, dass sie sich wünscht, ihre Tochter möge als neues Ritual den Heilig Abend immer bei ihr und ihrem neuen Partner verbringen: „Hier hat sie ihren Lebensmittelpunkt und es würde meiner Ansicht nach mehr Stabilität bringen.“

Weihnachten nach der Trennung: zwischen fremd und vertraut

Das erste Weihnachten nach eurer Trennung wird anders verlaufen als die Feiertage als Familie davor. Das solltet ihr euch bewusst machen. Dass ihr darüber traurig seid oder euch neu orientieren müsst, ist also ganz normal. Nicht zuletzt teilt ihr als Ex-Partner auf einmal die Zeit mit euren Kindern auf oder sie verbringen Weihnachten womöglich zum ersten Mal ganz ohne euch. Entscheidet ihr euch für einen Wechsel zwischen den Familien während der Feiertage, kann das einiges an Unruhe mit sich bringen. Vielleicht ist euer Kind auch noch überfordert durch das Zusammensein mit möglichen neuen Partner:innen oder sogar Stiefgeschwistern. Andererseits kann sich Weihnachten ohne euer Kind ganz schön einsam anfühlen.

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Praxistipp: Wer feiert wann, wo und mit wem?

  • Setzt euch frühzeitig mit eurem Expartner oder eurer Expartnerin zusammen und klärt: Wer hat welche Pläne für die Feiertage? Gibt es Verwandte, die sich angekündigt haben oder die euch einladen möchten? Wollt ihr womöglich alle zusammen feiern oder kommt das gar nicht in Frage?
  • Was ist ganz praktisch möglich? Wohnt ihr nah genug zusammen, so dass euer Kind über die Feiertage zwischen euren Wohnungen pendeln kann? Oder entscheidet ihr euch, dass es abwechselnd in einem Jahr die Feiertage beim einen, im nächsten Jahr beim anderen Elternteil verbringt?
  • Gibt es Familientraditionen, die ihr weiterführen wollt oder wollt ihr einen klaren „Cut“? Auch darüber solltet ihr euch unterhalten. Vielleicht ist die gemeinsam besuchte Christmette oder der Besuch bei Oma und Opa etwas, was euch als Familie auch nach der Trennung noch verbindet. Gesteht euch aber auch zu, wenn ihr den Raum für euch braucht und euch über die Feiertage gar nicht sehen wollt.
  • Haltet Absprachen schriftlich fest, zum Beispiel in einem gemeinsamen Online-Kalender, und zwar möglichst konkret, also beispielsweise „Papa holt Kind am 1. Weihnachtstag um 15 Uhr ab und bringt es am 27.12. um 10 Uhr wieder“. So könnt ihr planen und auch euer Kind darauf vorbereiten, wie die Feiertage verlaufen werden.

Letztlich entscheidet ihr selbst, mit welcher Haltung ihr das Ganze angeht. Trauert ihr darüber, euer Kind nicht bei euch zu haben? Oder genießt ihr die gemeinsame Zeit mit ihm während oder aber vor und nach den Feiertagen bewusst? Wichtig ist es, in die Eigenverantwortung zu gehen und nicht dem Partner oder gar dem Kind die Schuld zu geben, so Patchwork-Expertin Marita Strubelt: „Hör auf zu grübeln und dich zu grämen und mach lieber konkrete Pläne: Du solltest schauen, was du für dich tun kannst, damit du ein schönes Fest hast, auch wenn dein Kind nicht da ist. Vielleicht ist es möglich, bei guten Freunden mitzufeiern oder über die Feiertage wegzufahren.“

Typische Schwierigkeiten als Patchworkfamilie und wie ihr sie lösen könnt

Was sind typische Schwierigkeiten für Patchworkfamilien über die Feiertage? Der Klassiker sei natürlich die Frage, wo die Kinder den Heiligabend und die Feiertage verbringen, so Marita Strubelt. Oft sei der Umgang gerichtlich festgelegt, zum Beispiel im jährlichen Wechsel. Dann bleibe aber immer noch die Entscheidung, ob und wann beim anderen Elternteil Bescherung stattfinde. Was ist mit den Geschenken? Darf das Kind diese mitnehmen oder bleiben sie im Haushalt? Gibt es Dinge doppelt? Wer fährt wann zu welchen Großeltern? Und wenn schon neue Partner dabei sind: Ist es trotzdem okay, wenn die getrennten Eltern gemeinsam das Fest mit ihrem Kind verbringen wollen? Gerade weil Weihnachten eine so emotionale Bedeutung habe, seien diese Fragen alles andere als einfach zu beantworten.

Praxistipp: Was tun mit den Geschenken?

  • Klärt vorher ab, was der finanzielle Rahmen ist, in dem ihr euer Kind beschenkt. So entsteht kein Wettbewerb, wer mehr und Besseres schenkt.
  • Eine schöne Geste ist sicher auch, wenn ihr als Eltern das Hauptgeschenk gemeinsam schenkt. So zeigt ihr eurem Kind, dass ihr trotz Trennung beide für es da seid.
  • Auch eine Geschenkbox im Spielzeugladen oder ein (digitaler) Wunschzettel kann dabei helfen, Dinge nicht doppelt zu schenken. Außerdem bekommt euer Kind so, was es sich tatsächlich wünscht.
  • Auch außerhalb der Feiertage gibt es viele Gelegenheiten für kleine Geschenke. Und nicht nur Materielles erfreut euer Kind. Löst euch von der Gleichung „Großes Geschenk = große Liebe“.
  • Besprecht auch möglichst vor den Feiertagen, ob euer Kind seine Geschenke von einer Wohnung in die andere mitnehmen darf. Ein Kompromiss kann sein, dass ein Geschenk mit kommt, die restlichen in der Wohnung des anderen Elternteils bleiben.

Wie lassen sich verschiedene Familien-Weihnachtstraditionen verbinden?

Wie schließlich lassen sich verschiedene Familien-Weihnachtstraditionen unter einen Hut bringen? „Vermutlich gar nicht, wenn das nicht von allen gewünscht ist!“, so Patchwork-Expertin Marita Strubelt. Das sei aber auch gar nicht nötig: „Es ist okay, wenn bei Papa ganz andere Traditionen gelebt werden als bei Mama. Beim einen gibt es Weihnachtsgans, beim anderen vegetarisch. Da geht man in die Christmesse, dort bleibt man zu Hause. Kinder können gut damit umgehen, dass in unterschiedlichen Haushalten auch verschiedene Erziehungsstile und Regeln gelten. Wenn das Kind davon erzählt, wie es letztes Jahr bei Mama beziehungsweise Papa war, solltest du das nicht persönlich oder als Angriff sehen. Oft ist es einfach nur eine weitere schöne Erinnerung. Schaffe neue schöne Erinnerungen, von denen dein Kind dann im nächsten Jahr erzählen kann.“

Praxistipp: Wie geht ihr mit großen Gefühlen um?

  • Weihnachten ist ein Fest der Emotionen – erst recht, wenn ihr es zum ersten Mal getrennt oder als Patchworkfamilie feiert. Also ist es ganz normal, dass ihr dabei neben Freude auch Trauer oder Wut spürt und dass vielleicht sogar ein paar Tränen fließen. Gebt euch den Raum dazu. Vielleicht steht eine enge Freundin als „Notfallkontakt“ bereit und leiht euch ihr Ohr oder entlastet euch bei der Organisation.
  • Redet offen mit eurem Kind, auch schon vor dem Fest: Worauf freut es sich, wovor hat es womöglich Angst? Will es dem anderen Elternteil, den es dieses Jahr nicht sieht, vielleicht einen Brief schreiben oder ein Bild malen?
  • Klärt auch für euch selbst, was ihr von den Feiertagen erwartet. Was ist euch besonders wichtig, wo könnt ihr leichter Kompromisse eingehen? Gibt es Dinge, die euch Sorgen machen? Nichts muss perfekt sein!
  • Erlaubt eurem Kind, das Weihnachtsfest bei beiden Elternteilen zu genießen. Streitet euch mit euren Expartner oder eure Expartnerin möglichst nicht vor eurem Kind. Sind noch zu viele Emotionen im Spiel, kommuniziert das Wichtigste besser schriftlich.

Auch als Patchworkfamilie ist ein harmonisches Fest möglich

Einfach ist das erste Weihnachten nach einer Trennung vermutlich nicht. Aber auch getrennt und als Patchworkfamilie ist es möglich, ein schönes und harmonisches Fest zu feiern. Simone fasst ihre Erfahrungen nach ihrem ersten Fest in Patchwork-Konstellation zusammen: „Ich denke, eine gewisse Planung, aber auch die Offenheit, flexibel zu reagieren sowie keine falschen und zu starren Vorstellungen, wie das Fest zu laufen hat, können helfen, ein friedliches Weihnachten miteinander zu verbringen. Das würde ich jedoch nicht nur auf Patchworkfamilien beschränken, es ist eher ein zwischenmenschliches Thema der eigenen Einstellung zum Fest, denn jede und jeder der Beteiligten ist individuell mit seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen.“

Ob allein oder in neuer Patchwork-Konstellation: Wir wünschen euch frohe Weihnachten!

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Marita Strubelt: „Patchwork Power! So wird die Sache mit der Bonusfamilie zum echten Bonus“ (Migo-Verlag, Leben&Erziehen 2021, 18 €)

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