Hebammen-Tipps: Das Stillen

Das Stillen Hebamme-Tipss

Warum ist Muttermilch so gut? Wie stillt man richtig? Und was tun bei wunden Brustwarzen? Die Potsdamer Hebamme Sandrina Seide hat hier ihre Tipps für euch!

Warum ist Stillen sinnvoll?

Stillen stellt die optimale Nährstoffversorgung des Babys dar, die Muttermilch passt sich während der gesamten Stillzeit den individuellen Bedürfnissen eines jeden Babys an. Sie enthält Antikörper und Immunzellen, die das Neugeborene vor Infektionen oder schweren Verläufen schützen können. Stillen fördert das kognitive Entwicklungspotenzial und die Sprachentwicklung. Der enge Körperkontakt und die Nähe bieten dem Baby Sicherheit und Geborgenheit, welche sich positiv auf die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind auswirkt. Das Stillen fördert die körpereigenen Rückbildungsprozesse der Mutter und kann protektiv gegen bestimmte Krebserkrankungen, wie Brust- oder Eierstockkrebs, wirken.

Die Physiologie des Stillens

Die Physiologie des Stillens umfasst mehrere miteinander verbundene komplexe Prozesse, die sowohl hormonell als auch physisch gesteuert werden. Diese beinhalten die Milchproduktion, den Such- und Saugreflex beim Baby und den Milchspendereflex beider Mutter. Die Milchproduktion beginnt hormonell gesteuert direkt nach der Geburt. Wenn die Wange oder der Mundwinkel des Neugeborenen sanft berührt wird, dreht es seinen Kopf in diese Richtung, öffnet den Mund und sucht die Brustwarze. Dieser Suchreflex ist angeboren. Wenn dann das Baby an der Brust saugt, wird das durch verschiedene Rezeptoren in der Brustwarze und Umgebung erkannt. Diese Info wird an das Gehirn der Mutter weitergeleitet und die Produktion von Prolaktin und Oxytocin startet. Dadurch wird nicht nur die Milchproduktion angeregt, sondern auch der Milchspendereflex ausgelöst, welcher dazu führt, dass die Milch beim Saugen aus den Drüsen in die Milchkanäle transportiert wird und dann weitergeleitet wird in die Brustwarze.

Die Zusammensetzung der Muttermilch

Die Muttermilch verändert sich während der Stillzeit und passt sich den individuellen Bedürfnissen eines jeden Neugeborenen an. In den ersten zwei bis fünf Tagen produziert die Mutter Kolostrum, die Vormilch. Sie ist dickflüssiger von der Konsistenz her und dunkler von der Farbe. Sie scheint golden und enthält besonders viele Antikörper, Vitamine und Mineralstoffe, die das Immunsystem des Babys stärken. Es enthält weniger Fett und Zucker als später die „reife Frauenmilch“, dafür aber mehr Proteine.

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Circa ab dem vierten Lebenstag kommt es zum so genannten Milcheinschuss, der initialen Brustdrüsenschwellung. Danach verändert sich die Milch in ihrer Zusammensetzung und besteht aus einer Mischung aus Wasser, Kohlenhydraten, Fetten, Eiweißen, Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Diese Zusammensetzung variiert je nach Bedürfnissen des Babys und je nach Tages- und Nachtzeit. Nachts enthält die Milch zum Beispiel mehr Fett.

Die Häufigkeit des Stillens

Die Häufigkeit des Stillens hat einen direkten Einfluss auf das Milchangebot, bzw. die Milchproduktion. Je mehr das Baby saugt, desto mehr Milch wird produziert. Ein Säugling kann gut und gerne acht bis zwölf Stillmahlzeiten in 24 Stunden zu sich nehmen. Gerade in den ersten Tagen ist das Stillen alle ein bis zwei Stunden völlig normal. Manche Babys trinken aber auch Tag und Nacht alle zwei bis drei Stunden. Wenn das Baby länger häufiger stillt, oder länger an der Brust saugt, wird mehr Prolaktin ausgeschüttet, was zu einer erhöhten Milchproduktion führt. Wenn das Baby weniger stillt, zum Beispiel wenn es von Anfang an nicht oft an der Brust saugt, weil es zwischendrin die Flasche oder einen Beruhigungssauger bekommt, kann die Milchproduktion zurückgehen oder gar nicht erst genügend aufgebaut werden.

Warum ist das erste Anlegen im Kreißsaal so wichtig?

Das erste Anlegen noch im Kreißsaal, bzw. das ungestörte Bonding in der ersten Lebensstunde nach der Geburt, der Golden Hour, fördert die emotionale Bindung und legt den Grundstein für eine langfristige positive Stillbeziehung. Das frühzeitige Saugen aktiviert die Prolaktin- und Oxytocin-Ausschüttung. Das Saugen und der damit verbundene Körperkontakt stabilisieren die Körpertemperatur, die Blutglukosewerte, die Atmung und Herzfrequenz des Babys und helfen, die Anpassung außerhalb der Gebärmutter zu erleichtern. Das Kolostrum hat auch eine abführende Wirkung und hilft dabei das Mekonium, den ersten Stuhl, auch Kindspech genannt, auszuscheiden.

Wie viel Gewichtsabnahme nach der Geburt ist normal?

Neugeborene verlieren etwa fünf bis zehn Prozent ihres Geburtsgewichts in den ersten Tagen nach der Geburt. Das ist vollkommen normal und kein Grund zur Sorge. In der Regel beginnt das Baby nach circa vier bis sieben Tagen langsam wieder an Gewicht zuzunehmen, wenn es ausreichend gestillt oder mit Nahrung versorgt wird. 

Sollte das Baby mehr als zehn Prozent des Geburtsgewichts verlieren oder nur sehr langsam wieder zunehmen, kann das auf mögliche Probleme hinweisen, wie ein unzureichender Milchfluss durch falsche Anlegetechniken und dadurch eine unzureichende Milchproduktion und Nahrungsaufnahme. Es gibt aber auch kindliche Gründe, warum die Gewichtszunahme nur schwerlich vonstatten geht. Frühgeburten, Neugeborenengelbsucht, Schwierigkeiten, ein Vakuum aufzubauen, zu kurze Zungen- oder Lippenbändchen. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Sollte es nötig sein, dem Neugeborenen zusätzlich abgepumpte Muttermilch oder Formula-Nahrung zukommen zu lassen, gibt es verschiedene kurzfristige alternative Zufütterungsmethoden, welche ihr mit eurer Hebamme oder Stillberaterin durchgehen könnt.Es gibt zum Beispiel das Füttern per Becher, das Stillen mit einem Brusternährungssystem oder das Fingerfeeding und noch mehr. Die Wahl der Methode hängt von den jeweiligen Bedürfnissen der Mutter und des Babys ab.

Pumpen

Das Abpumpen von Muttermilch macht vor allem dann Sinn, wenn die Mutter entweder nicht immer in der Nähe des Babys sein kann, die Milchproduktion unterstützen möchte oder das Baby zusätzliche Nahrung braucht. Welche Pumpe am besten geeignet ist, hängt von der Häufigkeit des Abpumpens, dem Budget und der gewünschten Flexibilität ab.

Stillpositionen

Es gibt verschiedene Stillpositionen und ihr müsst für euch herausfinden, welche Positionen für euch und euer Baby am besten funktionieren. Wichtig ist, dass ihr die Positionen, die ihr nutzt, auch korrekt ausführt und damit flexibel seid. Nur im Liegen stillen zu können, gestaltet sich irgendwann im Alltag schwierig, wenn man zum Beispiel spazieren gehen möchte und sich dann auf die nächste Parkbank legen müsste, weil das Baby Hunger hat.

Die einzelnen Positionen könnt ihr mit eurer Hebamme üben und dann für euch entscheiden, welche Positionen sich gut für euch anfühlen und auch praktikabel sind. Achtet darauf, dass das Baby korrekt angelegt wird. Es sollte in der richtigen Position liegen, zur Mutter gewandt, der Kopf nicht seitlich gedreht. Die Nase und das Kinn des Babys sollten die Brust berühren, auch um sicherzugehen, dass sich genug Warzenhof im Mund des Babys befindet. Die Lippen sind nach außen gestülpt und der Mund des Babys ist auf einer Linie mit der Brustwarze. Das Baby sollte keine Grübchen bilden beim Saugen und es sollten keine Schnalzgeräusche zu hören sein. Sollte dies nicht der Fall sein, dann immer sofort das Anlegen korrigieren, um die Milchproduktion, bzw. Milchmenge stabil zu halten und um wunden Brustwarzen vorzubeugen.

Was tun bei wunden Brustwarzen?

Sind die Brustwarzen einmal wund, was gerade am Anfang der Stillzeit häufig vorkommt, gilt es, auf eine gute Hygiene zu achten. Vor jedem Stillen die Hände waschen, die Stilleinlagen regelmäßig wechseln sowie den Still-BH. Weiterhin auf korrektes Anlegen achten. Holt euch auf der Wochenbettstation Hilfe vom Krankenhauspersonal, zu Hause von eurer Wochenbetthebamme oder einer Stillberaterin.

Nutzt eine Brustwarzenpflege in Form von Salben mit Lanolin. Auch Silberhütchen können die Heilung gut unterstützen. Um die Brustwarze vor Reibung zu schützen, kann ein Brustdonut sehr gut helfen. Den könnt ihr euch zu Hause selbst herstellen. Nnehmt ausrangierte saubere Socken, schneidet die Zehen ab und rollt die Socken ganz einfach auf, fertig. Die Brustwarze findet dann ganz hervorragend Platz in der Aussparung des Donuts und ist somit geschützt vor weiterer Reibung durch den BH.

Was ist Stillen nach Bedarf?

Stillen nach Bedarf, oder bedürfnisorientiertes Stillen, bedeutet, dass das Baby jederzeit gestillt wird, wenn es Anzeichen von Hunger oder anderen Bedürfnissen zeigt (wie Suchen nach der Brust, leichtes Schmatzen, Saugen an den Händchen, Unruhe, weinen), ohne dass eine feste Zeitvorgabe oder Intervalldauer eingehalten wird. Das Baby stillt nach seinem eigenen Rhythmus und kann je nach Phase des Wachstums oder der Entwicklung mal mehr und mal weniger häufig oder lange trinken.

Das alles kann anstrengend für die Mutter sein, vor allem in Phasen, in denen das Baby besonders häufig trinkt – auf Grund von Entwicklungsschüben und zur Regulation. Hier braucht die Mutter viel Unterstützung und Zuspruch und ein wohlwollendes Umfeld, welches sich um die Bedürfnisse der Mutter kümmert und sie nicht verunsichert. Fragt eure Hebamme nach Unterstützung oder sucht euch auch immer gerne eine Stillberaterin oder geht zu Still-Treffs. Dort findet ihr andere Mütter, welche sich in genau derselben Situation befinden wie ihr. Ihr seid nicht allein! Bildet Banden! 

Bereitet euch auf diese wichtige und aufregende Zeit vor, indem ihr Stillvorbereitungskurse besucht (siehe Seite 19). Stillen ist nicht immer rosarot. In den seltensten Fällen.

Es ist aber ein Weg, der sich definitiv zu gehen lohnt!

 

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