Kinderwunschbehandlungen sind längst keine Randerscheinung mehr. Sie gehören zur Lebensrealität vieler Paare und Einzelpersonen. Und doch werden sie häufig im Verborgenen durchlebt, als eigenes Problem. Das verstärkt das Gefühl, allein zu sein.
Hormonpläne, Spritzen im Badezimmerschrank, der dauernde Blick auf den Kalender, immer den Zyklus im Blick, Sex nach Uhr. Während im Freundes- und Bekanntenkreis die Babybäuche wachsen, wächst im eigenen Inneren derweil Zweifel, Ängste, Sorgen und manchmal auch Scham, neben der großen Hoffnung, die nicht aufhören will, irgendwann sein eigenes Kind im Arm halten zu können.
Für viele beginnt der Weg in die Kinderwunschklinik nicht spontan mit einem einfachen Entschluss. Es ist ein Weg. Es klappt nicht. Monat für Monat. Immer wieder aufs Neue der ernüchternde Gang auf die Toilette, wenn der erste Tag der nächsten Menstruation naht. Wieder nicht geklappt. Immer mehr Zeit verstreicht. Gut gemeinte Ratschläge von außen sind nicht mehr tröstlich. Sie tun weh.
„Entspannt euch einfach, dann klappt das auch.“
„Du darfst nicht so viel darüber nachdenken.“
„Vielleicht soll es einfach nicht sein.“
„Adoptiert doch ein Baby.“
„Fahrt mal in den Urlaub zum Abschalten.”
Irgendwann steht neben dem großen, immer präsenten Elefanten im Raum auch die Frage: Brauchen wir Hilfe?
Unerfüllter Kinderwunsch
Von unerfülltem Kinderwunsch spricht man, wenn ein Paar trotz regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr, etwa zwei- bis dreimal die Woche und nicht nur um den Eisprung herum, nicht schwanger wird. Bis zum 30. Lebensjahr wird empfohlen, mindestens ein Jahr auf natürlichem Wege zu versuchen, ab dem 35. Lebensjahr sinkt die Fruchtbarkeit und es wird geraten, bereits nach 6 Monaten die Fruchtbarkeit beider Partner untersuchen zu lassen.
Kinderwunschbehandlungen bedeuten auch, dass der eigene Körper beobachtet und bewertet wird. Es gibt kaum noch Spontanität. Es wird alles terminiert. Intimität hat da kaum Platz. Es wird dauernd etwas gemessen. Blutwerte, Hormonspiegel, Follikelgrößen. Immer auf Abruf, kann ein Anruf aus der Praxis den Tag retten oder wieder alle Hoffnung für den Moment platzen lassen.
Kinderwunschbehandlung bedeutet aber auch, viel Kraft aufzubringen und mutig zu sein. Den Schritt zu gehen und sich Hilfe zu holen, ist ein starker Schritt! Es ist die Entscheidung nicht passiv zu bleiben. Es braucht Disziplin, Geduld, finanzielle Ressourcen und emotionale Stabilität. Menschen im Rücken, die einen stärken und unterstützen. Es braucht Räume, in denen ihre Gefühle Platz haben und gehalten werden können.
Diagnostik
Fruchtbarkeitsprobleme treffen Frauen und Männer gleichermaßen. Etwa zu einem Drittel die Frau, zu einem Drittel den Mann, zu einem Drittel beide oder es wird gar kein Grund gefunden. Deshalb gehört zu einer sorgfältigen Diagnostik immer die Untersuchung beider Partner.
Hormonuntersuchungen: Ein Bluttest gibt Aufschluss über den aktuellen Hormonhaushalt, oder bestimmte Erkrankungen, welche den Hormonhaushalt negativ beeinflussen können. Die Werte helfen einzuschätzen, ob ein regelmäßiger Eisprung bei der Frau stattfindet und wie es um die ovarielle Reserve steht.
Ultraschalluntersuchung: Gebärmutter und Eierstöcke werden beurteilt, Auffälligkeiten wie Zysten oder Myome erkannt, genau wie Hinweise auf ein Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS).
Zyklusmonitoring: Über mehrere Termine hinweg wird der Zyklus beobachtet, um den Eisprung und den Zyklus an sich genauer zu verstehen.
Prüfung der Eileiterdurchgängigkeit: Verschlossene Eileiter, durch z.B. durch vergangene Infektionskrankheiten, können eine Schwangerschaft verhindern. Die Durchlässigkeit wird mittels Kontrastmittelultraschall (HyCoSy) überprüft, per Röntgen oder auch per Bauchspiegelung.
Gebärmutterspiegelung: Bei einem Verdacht auf Veränderungen in oder an der Gebärmutter kann eine Hysteroskopie durchgeführt werden. Hier lassen sich Polypen oder kleine Myome sofort erkennen und eventuell auch direkt entfernen.
Beim Mann wird neben einem Spermiogramm ebenso der Hormonhaushalt kontrolliert.
Genetische Tests: In besonderen Fällen können genetische Untersuchungen beider Partner sinnvoll sein.
Lebensstil: Rauchen, Alkohol, der Konsum sonstiger Drogen, starkes Übergewicht, chronischer Stress, oder bestimmte Medikamente können die Fruchtbarkeit bei beiden Partnern ebenso negativ beeinflussen. Eine ärztliche Beratung sollte daher immer auch Empfehlungen dahingehend beinhalten.
Welche Methoden der Kinderwunschbehandlung gibt es?
Hormonelle Stimulation: Ist eine hormonelle Störung bei einem der Partner vorhanden, kann eine medikamentöse Hormontherapie zum Erfolg führen. Hier wird beispielsweise die Spermienproduktion und/oder die Bildung der Eizellen angeregt. Die Erfolgschancen liegen hier bei etwa zehn bis 20 Prozent pro Zyklus.
Insemination: Ist die Qualität der Spermien nicht ausreichend, werden diese aufbereitet und dann in die Gebärmutter eingesetzt. Die Schwangerschaftsrate liegt hier bei acht bis 15 Prozent pro Zyklus.
In-Vitro-Fertilisation (IVF): Hier werden die Eierstöcke hormonell stimuliert, damit viele Eizellen entnommen werden können. In einem Reagenzglas werden dann die Eizellen und die Spermien miteinander vereint. Ziel hierbei ist es, zwei bis drei befruchtete Eizellen zu erhalten, welche anschließend in die Gebärmutter eingesetzt werden können.
Intrazytoplasmatische Insemination (ICSI): Ist die Qualität der Spermien zu schlecht und eine IVF im Vorfeld frustran durchgeführt worden, also gescheitert, kommt die ICSI zum Einsatz. Hier wird ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle eingesetzt. Entsteht daraus ein Embryo, wird dieser in die Gebärmutter eingesetzt.
In Deutschland dürfen pro Behandlungszyklus maximal drei Embryonen (befruchtete Eizellen, welche sich weiterentwickelt haben) in die Gebärmutter eingesetzt werden. Dies ist im Embryonenschutzgesetz geregelt, um Mehrlingsschwangerschaften und damit verbundene Risiken zu minimieren. In der Praxis wird ein Single-Embryo-Transfer angestrebt, um das Risiko von Mehrlingen noch geringer zu halten.
IVF und ICSI erreichen bei Frauen unter 35 Jahren etwa 25 bis 40 Prozent Erfolgschancen pro Transfer, mit deutlich sinkenden Raten ab 40 Jahren.
Kryokonservierung: Hier werden Spermien, Eizellen, oder überzählige, befruchtete Eizellen (noch kein Embryo) bei extrem niedrigen Temperaturen (-196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff) eingefroren, um sie über lange Zeit haltbar zu machen und sie zu einem späteren Zeitpunkt zu nutzen.
Die Eizellspende hat mit 40 bis 60 Prozent pro Transfer die höchsten Erfolgsraten (in Deutschland mit dem Embryonenschutzgesetz geregelt und verboten). Alle Zahlen der Schwangerschaftsraten, bzw Erfolgschancen beziehen sich auf Schwangerschaften pro Zyklus. Die tatsächliche Geburtenrate am Ende liegt etwas darunter.
Gibt es heute mehr Paare mit unerfülltem Kinderwunsch?
Dass es heute gefühlt mehr Paare mit unerfülltem Kinderwunsch gibt, liegt vor allem an gesellschaftlichen Veränderungen, weniger an einer gestiegenen Unfruchtbarkeit. Ein großer Faktor ist das gestiegene Alter beim ersten Kind. Viele Frauen bekommen ihr erstes Kind heute erst mit Anfang oder Mitte 30, oft noch später. Die weibliche Fruchtbarkeit nimmt jedoch biologisch bereits ab etwa 35 Jahren ab und sinkt ab 40 Jahren deutlich stärker. Wenn Paare später mit der Familienplanung beginnen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es nicht sofort funktioniert und medizinische Unterstützung nötig wird.
Hinzu kommt, dass das Thema heute zum Glück weniger tabuisiert ist als früher. Paare suchen früher Hilfen auf und es gibt mehr spezialisierte Kinderwunschzentren. Probleme, die früher vielleicht gar nicht klar waren oder nicht abgeklärt wurden, werden heute erkannt, behandelt und dokumentiert. Dadurch entsteht der Eindruck, dass unerfüllter Kinderwunsch häufiger geworden ist, obwohl die grundsätzliche Häufigkeit ungewollter Kinderlosigkeit seit Jahrzehnten relativ stabil bei etwa 10 bis 15 Prozent der Paare liegt.
Auch die medizinischen Möglichkeiten haben sich weiterentwickelt. Verfahren wie IVF und ICSI sind heute breit verfügbar. Paare, die früher kinderlos geblieben wären, weil es kaum Behandlungsmöglichkeiten gab, bekommen heute Hilfe. Dadurch erscheinen mehr Fälle in der Wahrnehmung und in den Statistiken.
Gesellschaftliche Veränderungen spielen ebenfalls eine Rolle. Partnerschaften entstehen und festigen sich oft später, Trennungen und neue Partnerschaften führen dazu, dass ein Kinderwunsch in höherem Alter erneut aufkommt. Zudem nehmen heute auch alleinstehende Frauen und gleichgeschlechtliche Paare reproduktionsmedizinische Angebote in Anspruch, was die Gesamtzahl der Behandlungen erhöht.
Einflüsse von Lebensstil- und Umweltfaktoren wie Übergewicht, Rauchen, chronischer Stress oder Umweltchemikalien werden ebenfalls diskutiert. Auch ein Schlechterwerden der durchschnittlichen Spermienqualität wird wissenschaftlich untersucht. Diese Faktoren könnten die Fruchtbarkeit zusätzlich beeinflussen.
Es entsteht der Eindruck einer starken Zunahme vor allem deshalb, weil Paare später Kinder bekommen, medizinische Hilfe häufiger und früher in Anspruch nehmen und das Thema zum Glück in der Gesellschaft sichtbarer geworden ist.
Eine Kinderwunschbehandlung ist ein Weg voller Hoffnung, Zweifel, Warten und auch Zuversicht. Jeder Zyklus trägt die Sehnsucht in sich, dass sich der große Wunsch nach einem eigenen Kind endlich erfüllt. Gleichzeitig fordert diese Zeit viel Kraft, Geduld und gegenseitigen Halt. Sie geht oft einher mit großen Gefühlen und Ängsten. Umso wichtiger sind ehrliche Aufklärung, einfühlsame Begleitung und das Vertrauen, diesen Weg, egal wie er ausgeht, nicht allein gehen zu müssen.
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