Merle (32) und Marcus (35) leben mit ihren beiden Töchtern Wilma (5) und Greta (2) in Potsdam Bornstedt. Gemeinsam erzählen sie, wie sie als Familie ihren Alltag meistern, welche Rituale sie verbinden und warum Achtsamkeit für sie zu den wichtigsten Werten gehört.
Ihr habt eine Besonderheit, die euch alle verbindet – welche ist das?
Merle: Wir sind alle vier an einem Mittwoch geboren. Das haben wir herausgefunden, als Greta geboren wurde. Bei mir wusste ich es, dass Marcus auch an einem Mittwoch geboren wurde, hat mir seine Mama erzählt. Nachdem Wilma auch an einem Mittwoch zur Welt kam, haben wir bei Greta gescherzt, das wäre lustig, wenn sie ebenfalls an einem Mittwoch kommen würde, und so war es dann auch.

Eure beiden Töchter sind nicht in der Klinik, sondern im Geburtshaus zur Welt gekommen. Warum war euch das so wichtig?
Merle: Die Möglichkeit, in ein Geburtshaus zu gehen, kannte ich vorher gar nicht. Eigentlich habe ich, als ich mit Wilma schwanger war, nur eine Hebamme gesucht. Das war sehr schwierig, weil die meisten schon ausgebucht waren. Dann habe ich eine Hebamme gefunden, die einen Platz für mich frei hatte. Sie hätte sowohl eine Hausgeburt als auch eine klinische Geburt oder eine Geburt im Geburtshaus betreuen können. Sie lud mich zum Kennenlernen ins Geburtshaus ein und ich habe mich sofort wohlgefühlt.
Verliefen die Geburten so, wie ihr es euch vorgestellt habt?
Marcus: Beide Geburten verliefen gut und waren ein wundervolles Erlebnis. Gerade bei der ersten Geburt war ich äußerst dankbar, trotz Pandemie die ganze Zeit im Geburtshaus dabei zu sein. Unsere Hebamme war super. Sie hat uns zum einen Sicherheit, zum anderen aber auch Zeit zu zweit während der ersten Phase der Geburt gegeben. Unsere beiden Töchter kamen im Geburtspool zur Welt.
Merle: Und in beiden Fällen hatte ich eine sehr schöne und selbstbestimmte Geburt. Die Erfahrung, dass der eigene Körper und auch Geist in der Lage ist, so natürlich zu entbinden, hat mich wachsen lassen. Ich war froh, dass wir uns für diese Art der Geburt entschieden haben. Außerdem fanden wir es total schön, ein paar Stunden nach der Geburt wieder zu Hause in unserer kleinen Höhle sein zu können. Das würde ich immer wieder so machen.

Worin unterscheiden sich eure Kinder von ihrer Persönlichkeit her am meisten?
Marcus: Bei Greta sagen wir immer: So ein kleiner Mensch mit so viel Charakter. Sie ist sehr durchsetzungsfähig. Wenn sie nachts wach wird und uns braucht, ruft sie uns. Wenn wir es nicht hören, dann kommt sie zu uns und fordert die Nähe ein. Wilma ist deutlich zurückhaltender. Wir sagen ihr oft, dass es in Ordnung ist, Hilfe zu holen oder Bescheid zu sagen, wenn sie etwas möchte oder nicht möchte. Sie ist viel harmoniebedürftiger und versucht, niemandem vor den Kopf zu stoßen.
Jede Familie hat ihr eigenes Lebensgefühl, ihre eigene Art, miteinander zu sein. Welches Wort beschreibt euch am besten?
Merle: Ich glaube, das Wort „Verbundenheit“ trifft es am besten. Dadurch, dass wir keine Familie in der Nähe haben, sind wir komplett auf uns alleine gestellt. Wir haben zwar viele Freunde und Bekannte in der Nähe, aber trotzdem bestreiten wir den Alltag ohne jegliche familiäre Unterstützung. Meine Eltern wohnen bei Magdeburg, meine Geschwister in Bayern und Niedersachsen, die Familie von Marcus lebt in Sachsen. Wir sind also ein echtes Vierergespann.

Das ist sicher nicht immer leicht?
Marcus: Ja, immer wenn ein Kind krank ist, sind wir ziemlich am Rödeln. Das war gerade letzte Woche der Fall. Ich arbeite in Berlin, konnte aber glücklicherweise vormittags im Homeoffice sein. Nachmittags kam Merle von der Arbeit zurück und dann bin ich ins Büro nach Berlin gefahren.
Merle: Wir haben in Schichten gearbeitet. Vormittags hat Marcus sich um Wilma gekümmert, nachmittags habe ich dann übernommen. Der Satz, der bei uns am häufigsten fällt, ist: Jetzt wären eine Omi und ein Opi gut. Diesen Satz haben wir in den letzten fünf Jahren sehr häufig gesagt. Auf der anderen Seite denke ich, dass wir sehr gut miteinander eingespielt sind. Wenn man das mal realisiert, ist das schon cool.
Und ein ganz normaler Tagesablauf, wie sieht der bei euch aus?
Merle: Auf jeden Fall sehr strukturiert. Das brauchen wir! Marcus steht sehr früh auf und fährt meistens gegen 5:30 Uhr los zur Arbeit. Ich mache dann die Kinder fertig und bringe sie zur Kita. Spätestens um 17 Uhr ist Marcus wieder da und wir verbringen den Abend gemeinsam.
Habt ihr Rituale, die euch wichtig sind?
Marcus: Ja, wir lesen jeden Abend zum Einschlafen ein Buch. Dabei wechseln Merle und ich uns immer ab: Einer liest vor und der Andere übernimmt dann die Einschlafbegleitung.
Merle: Also wir sind immer zu viert im Kinderzimmer. Das Buch lesen wir gemeinsam auf unserem gemütlichen Teppich im Kinderzimmer, bevor es für die Mädels in ihre Betten geht. Zum Einschlafen suchen sich die Kinder im Wechsel eine Toniefigur zum Hören aus. Der, der das Buch vorliest, legt danach noch die Figur auf und schleicht sich aus dem Zimmer. Der andere bleibt noch liegen, bis die beiden Mädels eingeschlafen sind. Wir alle brauchen dieses Ritual, um runterzufahren und den Abend abzuschließen.
Marcus: Ein sommerliches Ritual ist auf jeden Fall unser Kleingarten, der praktischerweise genau zwischen unserer Kita und unserer Wohnung liegt. Da waren wir in den Sommermonaten sehr oft – an den Wochenenden und nachmittags nach der Kita.
Merle: Im Garten können die Mädchen buddeln und einfach ihr Ding machen. Obwohl wir in der Stadt wohnen, ist die Natur für uns wichtig. Marcus und ich sind beide sehr ländlich aufgewachsen. Gartenarbeit gehörte zum Alltag dazu und darum haben wir das für unsere Familie so übernommen. Die Kinder lieben es.

Wie sehr hat das Elternsein euch und eure Beziehung verändert?
Merle: Wenn du dich nur um dich und deine Beziehung kümmern musst, ist das was ganz anderes, als wenn da plötzlich ein kleiner Mensch ist, der dich rund um die Uhr braucht. Und wir haben auf jeden Fall gemerkt, wie sehr das Elternsein unsere Beziehung fordert. Zeit für uns zu finden und die Beziehung zu pflegen, das ist hart gewesen.
Marcus: Unabhängig davon ist es ein anderes Rollenbild. Als erstes sind wir nun Mama und Papa. Die eigenen Bedürfnisse stehen an hinterer Stelle. Das ist anfangs hart, aber wir lernen auch, dass es okay ist, auch wieder etwas Zeit nur für sich zu nehmen.
Merle: Das stimmt. Wenn man das zum ersten Mal realisiert, ist es schon schockierend. In der Schwangerschaft ist alles rosarot und man freut sich auf alles, was kommt. Alle sagen, das wird toll – und das ist es ja auch. Elternsein ist so erfüllend, gerade die ersten Wochen, aber irgendwann kommst du im Alltag an und merkst, das bleibt jetzt so. Du kannst nicht einfach mal auf Pause drücken, denn da ist jemand komplett abhängig von dir. Und bei uns gab es viele Momente, wo es total geknallt hat, weil jeder am Limit gefahren ist.
Marcus: Wir haben uns im ersten Jahr mit Kind mehr gefetzt als in den 10 Jahren davor. Plötzlich fehlt einfach die Zeit für sich selbst und ein Rückzugsort, um wieder zu sich zu kommen. Es ist wie im Hamsterrad, das klingt zwar blöd, aber damit meine ich, dass alles weiterlaufen muss, ohne dass du die Geschwindigkeit beeinflussen kannst.
Merle: Wir waren beim ersten Kind beide auch beruflich in sehr anspruchsvollen Situationen. Ich war als Lehrerin mitten im Referendariat und Marcus hatte als Projektleiter viel Verantwortung.
Marcus: Ja, ich hatte zu der Zeit mehrere Projekte, die mich gefordert haben. Besonders mit dem zweiten Kind hatte ich privat wie beruflich jeweils meine bisher stressigste Phase. Das hat sich ungünstigerweise überschnitten. Aber als Familie sind wir auch daran gewachsen.
Was war für euch krasser – das erste Mal Eltern zu werden oder das zweite Mal? Wo seht ihr den stärksten Unterschied?
Marcus: Die Veränderung beim ersten Kind war schon deutlich heftiger. Vorher ist man ein freier Mensch und kann seinen Hobbys nachgehen, wann immer man will. Und wenn ein Kind kommt, geht das plötzlich nicht mehr. Es ist wunderschön, Eltern zu werden, aber auch sehr einschränkend. Trotzdem hat man mit einem Einzelkind immer noch die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen, wenn es zu viel wird. Wenn ein Geschwisterkind dazu kommt, wird das deutlich schwieriger, gerade am Anfang. So langsam entspannt sich das aber, weil die beiden Mädels anfangen, sich miteinander zu beschäftigen und zu spielen. Das ist für uns als Eltern entlastender.
Merle: Ja, die derzeitige Phase ist toll, weil die Kinder beginnen, eine Bindung miteinander aufzubauen. Bis vor einem halben Jahr waren es zwei Individuen, die parallel nebeneinander gelebt haben. Wilma konnte nicht viel mit Greta anfangen, weil sie noch so klein war und nicht viel konnte. Greta hatte kein Interesse an anderen Bezugspersonen außer Mama und Papa. Das ändert sich jetzt gerade. Sie suchen sich bewusst ein Spiel aus, das sie miteinander spielen wollen und wenn eine von beiden mal nicht da ist, vermissen sie sich. Natürlich zoffen sie sich auch mal, aber Marcus und ich versuchen meistens, dass sie das unter sich ausmachen und eine eigene Lösung finden.

Wenn es stressig wird, was hilft euch, wieder in Balance zu kommen?
Marcus: Mittlerweile haben wir gelernt, in stressigen Momenten nonverbal zu kommunizieren und die Zeichen des Partners oder der Partnerin zu lesen. Wir haben Antennen dafür entwickelt, wann der Andere überlastet ist und eine Auszeit braucht. In diesem Fall übernimmt der stabilere Partner die Kinder und geht eine Runde mit ihnen raus. Dann kann derjenige, der Ruhe braucht, sich wieder erden. Das kriegen wir ganz gut hin.
Und wie vermittelt ihr euren Kindern, dass es auch mal Streit gibt?
Merle: Kinder sind oft ein guter Spiegel. Sie fragen dann: Streitet ihr? Und wenn man dann erklärt, warum die Situation gerade so ist, hilft einem das selbst auch, wieder runterzukommen.
Ich finde es sowieso wichtig, den Kindern beizubringen, dass nicht immer alles easy ist und dass Streit auch mal dazu gehört. Sie sollen verstehen, dass Mamas und Papas auch mal eine Pause brauchen und eigene Bedürfnisse haben. Wir bringen ihnen bei, dass es auch mal Sachen gibt, die nicht sie entscheiden, sondern wir als Eltern. Zum Beispiel wenn es nach den Mädels geht, könnten wir jeden Tag dreimal Nudeln essen. Aber wir wollen ihnen vermitteln, dass jeder mal seinen Wunsch äußern darf, jeder gehört wird und es in Ordnung ist, wenn jeder mal bestimmen darf. Mir ist aufgefallen, dass Kinder im Allgemeinen heutzutage viel weiter sind, ihre eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse Anderer zu erspüren. In der Kita bekommen sie das ganz selbstverständlich an die Hand, das finde ich wirklich erstaunlich. Ganz anders als bei uns damals. Ich lerne das erst jetzt.

Welche Werte möchtet ihr euren Kindern mitgeben?
Merle: Achtsamkeit. Für sich und für Andere, weil ich das Gefühl habe, dass das heutzutage oft vergessen wird. Das Spannende am Elternsein ist ja, dass man viel über sich selbst lernt und seine eigenen Wertvorstellungen überprüft und entwickelt. Man setzt sich mit seiner eigenen Kindheit auseinander und fragt sich: Welche Werte wurden mir vermittelt? Finde ich das überhaupt gut? Was will ich anders machen? Dieser Prozess ist sehr aufwühlend, aber auch wichtig. Ich möchte, dass die beiden früh verinnerlichen, sich selbst zu stärken, zum Beispiel mit positiven Affirmationen wie „Ich kann das schaffen“ oder „Ich kann das vielleicht noch nicht, aber ich kann das lernen“. Es ist ein Glück, wenn Kinder das von Grund auf mitbekommen für ein hoffentlich gesundes und glückliches Leben.
Vielen Dank für eure Offenheit und alles Gute!
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