Kolumne: Oh Augenblick verweile doch…

Kolumne Andrea Glaß

Meine Mutter öffnet eine Dose Katzenfutter und löffelt den Inhalt in einen Napf. Zärtlich ruft sie den Namen ihres Katers und schickt noch ein paar lockende Worte hinterher. Ihre Stimme fährt dabei sanft hoch und runter. So, wie man mit einem Baby spricht, denke ich. „Das letzte Kind hat immer Fell“, sagt meine Mutter verlegen, als sie meinen amüsierten Blick trifft.

Ich lache, verstehe aber, was sie meint. Es ist diese leise Sehnsucht nach Nähe, wie man sie einmal mit seinem Kind hatte. Die Phase, in der Kuscheln die Antwort auf alle Erziehungsfragen war. Natürlich ist diese Erinnerung komplett bereinigt von schlaflosen Nächten und blutigen Brustwarzen. Was davon bleibt, ist eher ein Gefühl als eine konkrete Erinnerung. In dem Wunsch, diese vertraute Wärme festzuhalten, steckt schon die Erkenntnis, dass sich die Beziehung zum Kind stets verändert. Nähe muss daher immer wieder neue Wege finden. Zu dieser Veränderlichkeit gehört auch das Loslassen der Eltern, was sich mitunter wie Verlust anfühlt. Und auch wenn ein Tier diese Leerstelle nicht wirklich füllen kann, wirkt so ein niedliches Fellknäuel stabil und passt für viele Menschen gut in diese Lücke. Das behauptet jedenfalls der Sinnspruch meiner Mutter.

Ich ahne schon, dass das nicht nur ihre Geschichte ist. In ein paar Monaten kommt mein Sohn in die Schule. Und von da an geht es Schlag auf Schlag mit dem Großwerden. Er wird immer mehr in die Welt hinaus wollen und immer weniger in meine Arme. Als mein Sohn klein war, brauchte er vor allem Begleitung, die viel mit Körperlichkeit zu tun hatte: tragen, anziehen, waschen, schlafen. Diese Dinge haben automatisch Nähe erzeugt. Man war ständig in Berührung. Jetzt kann er vieles allein und braucht mich nicht mehr so oft im Alltag. Dadurch gibt es weniger Momente, in denen innige Verbundenheit ganz nebenbei entsteht. Das fehlt mir. Der Junge kommt besser damit zurecht als ich und schlägt manche Näheangebote sogar aus. Noch vor wenigen Monaten hat er mir jeden Morgen in der Kita einen herzzerreißend liebevollen Abschied bereitet. Heute lässt er mich mit einem billigen „Tschüß“ zurück, sobald irgendein x-beliebiger Spielfreund auftaucht.

Die allwissende Mutter fliegt auf

Auch mein Status als Autorität leidet zunehmend, seit die Einschulung näher rückt. Nie waren meine Bildung und die gesamte Lebenserfahrung weniger wert als in dem Moment, in dem ich nicht wusste, warum die böse LEGO-Figur Lord Garmadon zum Widersacher seines eigenen Sohnes wurde. Meine piksige Antwort: „Vielleicht war er sauer, weil er morgens nicht mehr richtig verabschiedet wurde.“, quittierte mein Sohn nicht mal mit einem müden Lächeln. Jetzt haftet der Verdacht völliger Inkompetenz an mir und plötzlich wird alles hinterfragt, was ich sage. Neulich sprach mein Sohn mit seinem Freund über eine Serie, die er gesehen hatte. Begeistert erzählte er von den drei singenden Streifenhörnchen in „Erwin und die Chipmunks“ und wie sie Karriere mit ihrer Popband machen. Meinem Hinweis, dass es „Alvin“ heißt, misstraute er stirnrunzelnd. Erst als ich grantig wissen wollte, warum dann bitte schön ein übergroßes „A“ auf „Erwins“ Pullover prangt, sah ich seine Überzeugung wanken. Vielleicht ist es doch ganz gut, wenn er bald in die Schule kommt, damit ich wenigstens beim Grundschulstoff durch Expertise überzeugen kann.

Neue Betriebsbedingungen

Ehrlicherweise sind die Veränderungen für mich weniger gravierend als für den Jungen. Denn während ich im Zuge der Einschulung lediglich Einfluss und Zuwendung einbüße, verliert er seine Zähne. Er sieht die Wackelzähne allerdings als Zeichen eines persönlichen Fortschritts und feiert jeden einzelnen, als wäre er der große Türöffner für eine glorreiche Zukunft. Noch weiß mein kleiner Langschläfer nicht, dass die Institution Schule schon sehr früh am Morgen anfangen will, ihn auf diese Zukunft vorzubereiten. Im Eltern-Alltag ändert sich damit ebenfalls eine Menge. Mit seinem Schuleintritt fällt der morgendliche Müßiggang weg. Meine vertraglich zugesicherte Gleitzeitregelung gilt nicht als Argument gegen den staatlich verordneten Unterrichtsbeginn.

Sechs Jahre dauert es laut Studien, bis der Schlaf nach der Geburt eines Kindes wieder normal ist. Genau dann grätscht einem die Schulpflicht in die ausgedehnte Nachtruhe. Außerdem muss man schon wieder neue Eltern kennenlernen. Ich kann noch nicht mal die Kinder aus der Kita-Gruppe meines Sohnes fehlerfrei ihren Eltern zuordnen und bin immer noch unsicher, ob ich im richtigen Eltern-Chat bin. Kann sein, dass ich mich in den letzten Jahren in Geschenkediskussionen eingemischt habe, die mich gar nichts angehen. Hier müssen also noch Dinge geklärt werden. Ich fühle mich nicht bereit für die Einschulung. Kann man eigentlich auch Mütter zurückstufen lassen? – Wahrscheinlich nicht. Und eigentlich war Elternsein nie anders. Überfordernd, unübersichtlich und die Ereignisse nie synchron mit den eigenen emotionalen Fähigkeiten.

Noch habe ich kein Bedürfnis nach einem Haustier, aber ein Krafttier zur Einschulung könnte ich sehr gut gebrauchen.

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