Spielzeugfrei… und Spaß dabei!? Oder: Die Sache mit der Stinkegrütze

Spielzeugfrei Kindheit Erziehung

Gleich einmal vorweg: Nein, unser Haushalt ist nicht komplett spielzeugfrei. Aber man kann wohl behaupten, dass wir wenig Spielzeug besitzen. Wirklich wenig. Dabei war das noch nicht einmal eine richtig bewusste Entscheidung – vielleicht ist es eher so, dass wir als Eltern versucht haben, unsere Vorliebe für einen minimalistischen Wohnstil auch nach der Geburt unserer beiden Kinder beizubehalten. Wenig Spielzeug, wenig Chaos, haben wir uns wohl irgendwo im Hinterkopf gesagt. Kleiner Spoiler: Das ist natürlich Quatsch, auch ohne (viel) Spielzeug finden sich in einem Haushalt genügend Gegenstände, sie sich auf Sofa und Fußboden verteilen lassen. Glaubt mir! 

Da wir aber ohnehin gerade versuchen, möglichst viele unserer Käufe zu hinterfragen (Klima, Nachhaltigkeit, ihr wisst schon…), bleiben wir nun dabei. Wir haben eine Schublade voller Bastel- und Malsachen, ein paar Puzzle, Lego für den Großen, Lego duplo für die Kleine, und eine Holzeisenbahn, die seit geraumer Zeit von beiden konsequent ignoriert wird. 

Die Sache mit der Stinkegrütze

Als wir vor zwei Jahren in ein Haus mit Garten gezogen sind, hatte ich die romantische Vorstellung (und vielleicht auch die Hoffnung), dass die Kids sich nun von früh bis spät am spielerischen Reichtum der Natur bedienen würden. Hölzchen schnitzen, auf Bäume klettern, Steinchen stapeln, … Aber, was soll ich sagen – weit gefehlt. Klar, der Garten ist toll und interessant, aber toller und interessanter sind zum Beispiel die Küchenschränke. Und ihr Inhalt. Und vor allem die Frage, welch teuflisches Zeug man erschaffen kann, wenn man die darin befindlichen Gewürze und Lebensmittel möglichst willkürlich zusammenmischt. Mein Sohn nennt es schlicht Stinkegrütze. Seine kleine Schwester ist bei ihm in die Lehre gegangen und nennt es ihren sprachlichen Fähigkeiten entsprechend „Tinketüsse“.

Ich bin hin- und hergerissen: Achtung, Lebensmittelverschwendung! denke ich und ermahne die beiden, von der Gemüsebrühe wirklich nur ein klitzekleines Löffelchen zu nehmen. Dann wieder denke ich: Die lernen fürs Leben, vielleicht wird der Große ja mal ein gefeierter Koch und legt hier den Grundstein dazu. Ich selbst bin leider eine ebenso talentfreie wie unmotivierte Köchin; vielleicht liegt es ja daran, dass meine Eltern mir das Hantieren mit Zutaten in der Kindheit verboten haben!? Also gut, noch ein Schlückchen von der Sojasoße und etwas Mehl, ist schon ok. Es stinkt in der Küche. Insgeheim bin ich trotzdem ein bisschen gerührt davon, wie beide Kids bei diesem Spiel harmonisch zusammen agieren – das ist nämlich bei weitem nicht immer der Fall. Zucker, Öl, Paprikapulver und ein bisschen Backpulver. Ist noch ein Rest Kaffee da? Rühren nicht vergessen! 

Einfach die Nase zukneifen!

Dann komme ich auf die Idee, diese Energie in pädagogisch sinnvolle Bahnen zu lenken. „Experimente für Kinder“ google ich, und kurz darauf erschaffen wir zusammen einen Vulkan aus Backpulver, Essig, Wasser und Lebensmittelfarbe. Es zischt und knistert und brodelt und macht uns allen eine Menge Spaß. Vor allem stinkt es erfreulich wenig. Toll! denke ich und bestelle gleich ein Buch mit den 100 besten Experimenten für Kinder. Ich wähne mich auf bestem Wege zum Abschied von der Tinketüsse.

Noch am selben Abend kommt mein Mann irritiert aus dem Keller. Er war an der Tiefkühltruhe und trägt einen Gefrierbeutel unbekannter Herkunft und mit undefinierbarem Inhalt bei sich (Dankenswerter Weise ist er bei uns für das Kochen zuständig, aus Gründen – siehe oben.) „Papa“, ruft es aus dem Wohnzimmer, „das ist meine Stinkegrütze! Hab ich eingefroren, damit ich nächste Woche noch damit spielen kann!“ Ich zucke mit den Schultern, als wüsste ich von nichts und zwinkere dem Sohn verschwörerisch zu. 

Würden die beiden diesen Quatsch auch mit solcher Begeisterung spielen, wenn im Kinderzimmer eine größere Auswahl an bunten Spielzeugen, ein Kaufmannsladen oder eine riesige Paw Patrol Landschaft auf sie warten würde? Vielleicht. Zumindest aber weiß ich: Wenn ich die Stinkegrütze verbiete, kommt schnell die Frage, womit sie denn sonst spielen sollten. Und dann packt mich das schlechte Gewissen, dass es bei uns eben weniger konkret greif- und spielbare Möglichkeiten gibt als bei den meisten ihrer Freunde. Also kneife ich die Nase zu und hole den großen Kochlöffel raus. When it comes to Stinkegrütze, ist Mitrühren nämlich irgendwie spaßiger als Zugucken. 

Text: Ulrike Dorozalla 

Foto: Pexels / Andrea Piacquadio

Ihr bekommt nicht genug? Hier könnt ihr unsere weiteren Kolumnen lesen!

Diesen Artikel teilen
Verwendete Stichworte
, ,
Kommentiere diesen Beitrag:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.