Kolumne: Paradoxe Pädagogik

Kolumne paradoxe Pädagogik

Manche Wahrheiten trafen mich als Kind besonders hart. Sätze wie: „Das Wochenende besteht aus genau zwei Tagen!“ oder „Mit dem Kaninchenbraten hast du neulich noch gespielt!“ haben sich in mein Langzeitgedächtnis gebrannt. In diesen Momenten brach jeweils ein Stück Unbekümmertheit aus meiner heilen Welt. Wie die meisten Eltern hatten auch meine versucht, die schweren Themen von mir fernzuhalten, sodass ich in einer angenehmen Sorglos-Wolke aufwachsen konnte. Weil sich die Ecken und Kanten des Lebens aber nicht mit selbsthaftenden Silikon-Knubbeln abkleben lassen, stoßen Kinder irgendwann ganz von selbst auf die kleinen und großen Widrigkeiten der Wirklichkeit. Und wer die Welt entdeckt, der will sie auch verstehen. 

So ging es mir damals und so geht es jetzt auch meinem Sohn, der mit zunehmendem Alter immer öfter Fragen stellt, die nicht mal eben so nebenbei beantwortet werden können. Themen wie: „Was ist Krieg?“, „Wer bestimmt, dass ihr zur Arbeit müsst?“ oder „Warum isst Du keinen Kaninchenbraten, Mama?“, brauchen einfühlsame und vor allem ehrliche Antworten. Mir fällt das oft schwer, weil ich weiß, dass die Erwachsenenwelt sich absolut widersprüchlich, rücksichtslos und sogar barbarisch verhält. Mich selbst eingeschlossen. Einerseits versuche ich meinem Sohn mit sanfter Stimme beizubringen, dass wir die Natur respektieren und deswegen nicht sinnlos auf Ameisen und Käfer treten und andererseits sieht er seine arachnophobische Mutter panisch vom Stuhl kreischen: „Mach sie toooooot!“ (Ich arbeite daran, das geordnete Raussetzen der Spinne auszuhalten.)

Unterwerfung für Anfänger

Selbst wenn man zu Hause ein Leben als tadelloser Gutmensch führt, gibt es dennoch genug Anreize für Kinder, an der Aufrichtigkeit von Erwachsenen zu zweifeln. Da reicht schon ein Blick in die Speisekarte eines Restaurants, das ihr Kinderschnitzel mit Peppa Wutz bewirbt. Sogar ich frage mich im Supermarkt regelmäßig, warum ein Bratwursthersteller sich entschieden hat, sein Produkt mit dem Hinweis „im eigenen Darm“ zu versehen? Fühlt sich das zerhäckselte Schwein so wohler, etwas sortierter, nicht so zerrissen? Meistens nehmen wir den Sarkasmus nicht mal mehr wahr, so sehr haben wir uns an die alltägliche Brutalität und Scheinheiligkeit gewöhnt. Die Wahrheit ist nämlich: Der Bauer aus dem hübsch illustrierten Kinderbuch hält seine Tiere nicht zum Spaß. Die ehrliche Schlachte-Szene auf der letzten Seite bleibt uns bloß erspart. 

Allerdings gibt es eine Situation, da können und wollen viele Eltern die beunruhigende Verknüpfung mit der Realität nicht einfach wegignorieren: das kindliche Spiel mit Waffen. Spielwarenhersteller geizen wahrlich nicht mit Kampfgeräten, die sich vornehmlich an Jungs richten. Manche Spielzeugabteilungen sehen aus wie Trainingszentren für Militaristen. Panzer, Kanonen, Handgranaten für kleine Kinderhände – niedlich ist das nicht! Vor allem nicht in Anbetracht eines sehr nahen tatsächlichen Krieges.

Glaubt man Günther Gugel, Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen, sei es aber auch nicht schlimm, wenn vor allem kleine Jungen sich für Spielzeugwaffen interessieren. Laut zahlreicher Studien gäbe es keine Verknüpfung zwischen Schießen spielen und gewaltorientierten Verhaltensmustern. Vielmehr erprobe die kindliche Psyche das Gefühl von Macht und Kontrolle, weiß der Pädagoge Gugel. Das Potenzieren der eigenen Fähigkeiten mit geradezu allmächtigen Waffen, Zauberstäben oder Superkräften funktioniert demnach wie ein Ventil für die tägliche Unterlegenheit. Das Gefügigmachen anderer mittels Pistole, Schwert oder magischem Feenstaub ist deswegen so lustvoll für Kinder, weil sonst immer Eltern, Pädagogen oder die großen Geschwister das Sagen haben.

Herrscher mit Herz

Trotzdem ist unkommentiertes Wettrüsten im Kinderzimmer keine gute Botschaft ans Kind. Ein wenig Sensibilität ist auch gefragt, wenn der Vierjährige mit irrem Blick und einem Stock bewaffnet über den Spielplatz brüllt: „Ich schieß Dich tot, Marvin!“ Ein paar warme Worte über den Wert eines gewaltfreien Lebens sind durchaus angebracht. Jede tatsächliche Gewalt sollten Eltern schon aus Gründen der eigenen Glaubwürdigkeit nicht tolerieren.

Mein Sohn fantasiert sein Machtgefühl am liebsten als Polizist. Die Gewalt über Bösewichte ist ebenfalls ein Machtgebärden und zudem eine Form der Angstbewältigung. Er verarbeitet im Spiel, was er als bedrohlich empfindet, indem er Kontrolle darüber ausübt. Am liebsten nimmt mein Sohn seinen Großvater gefangen, fesselt den vermeintlichen Bösewicht und sperrt ihn bei Wasser und Brot in eine dunkle Kammer ein. Was so abgründig wirkt, ist in Wirklichkeit eine Bewältigungsstrategie. Immerhin macht er seinen Gefangenen los, wenn der zur Toilette muss. Mein kleiner Knastaufseher hat also schon eine wichtige Wahrheit verinnerlicht: Menschlichkeit ist wichtiger als Macht.

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