“Die Trauer bleibt, man kann sie nur in das Leben integrieren.”

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“Diese Krise verändert uns alle, das geht auch an den Kindern und Jugendlichen nicht spurlos vorüber” erzählt uns die Familienbegleiterin, Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche und Dreifach-Mama Sabine Elvert. Wie Kinder ihre Trauer am besten verarbeiten, wenn ihnen aktuell die Ablenkung durch Freunde oder Hobbys fehlen und inwieweit das Thema Sterben und Tod durch Corona präsenter geworden ist, erzählt sie uns im Interview. 

POLA: Welchen Altersgruppen helfen Sie bei der Trauerarbeit?

Sabine Elvert: Die jüngsten Kinder in unserer Kindertrauergruppe sind 6 Jahre alt. Kleinere Kinder werden von uns im häuslichen Umfeld betreut. Jugendliche bis 16 Jahre finden Unterstützung in unserer Jugendtrauergruppe. Auch junge Erwachsene, die Eltern oder Geschwister verloren haben, finden bei uns Ansprechpartner. 

Trauern Kinder oder Jugendliche anders als Erwachsene? Und wenn ja, wie?

Jüngere Kinder trauern ursprünglicher als wir Erwachsenen. Bei einem Todesfall denken wir sofort an die Folgen: Er wird nie seine Enkel umarmen können. Sie wird nie ihr Kind aufwachsen sehen. Er wird seinen Zwillingsbruder immer vermissen. Wir denken immer weiter. Das tun jüngere Kinder nicht. Sie denken und fühlen im Hier und Jetzt. Bei uns geht es um die kommenden Jahre, bei Kindern um Tage oder Wochen.

Als Erwachsene haben wir bestimmte Vorstellungen, wie „richtige“ Trauer aussehen muss. Diese sind geprägt durch unsere eigene Kindheit, Erfahrungen, unseren Glauben und Erlebnisse. Kinder haben das noch nicht. Sie trauern gerade so viel, wie sie ertragen und bewältigen können und dann gibt’s eine Pause. Die Seele erholt sich beim Lachen und Spielen und sammelt Kraft für die kommende Situation. Sie springen rein und wieder raus.

Jugendliche haben es schwer, denn in dieser Zeit kommen viele Faktoren wie Abgrenzung und erste Liebe, Schulstress und Freunde dazu. Das macht alles kompliziert. Daher sind wir froh, Jugendlichen einen Raum zum Reden und gemeinsamen Austausch mit Gleichaltrigen geben zu können.

Ab wann sollte man mit Kindern über den Tod reden? Und wie macht man das am besten?

“Sterben gehört zum Leben. Von Anfang an.”

Es gibt keinen festen Zeitpunkt, ab wann es richtig wäre. Es ist auch schwer zu sagen, ab wann man Kindern den Straßenverkehr erklärt. Das macht man ja von Anfang an, immer ein bisschen mehr. Damit sie selbstverständlich damit aufwachsen.

Genauso sehe ich das mit dem Thema Sterben. Wenn ich mein Kind schon als Kleinkind zum Friedhof mitnehme, ihm erkläre, wer da liegt, Fragen beantworte, das alles als natürlichen Teil sehe und auch so weitergebe, dann gibt es keinen Stichtag. Sterben gehört zum Leben. Von Anfang an.

Was sollte man dabei auch unbedingt beachten?

Man sollte authentisch bleiben. Ich brauche den Kindern nichts von Gott zu erzählen, wenn ich selbst nicht daran glaube. Ich brauche keine Tränen zu unterdrücken, wenn ich Kindern beibringen möchte, ihre Gefühle zeigen zu dürfen. Sich selbst zu hinterfragen, ist ein großes Thema. Nur dann kann man auch Fragen ehrlich beantworten. Auch als Elternteil kann man sagen: „Das weiß ich gerade nicht, ich erkundige mich aber.“ Kein Mensch weiß alles. Umso wichtiger ist es daher, den Kindern zu zeigen, dass Fragen völlig okay ist.

Eigentlich ist der persönliche Kontakt essentiell bei Ihrer Arbeit. Bieten Sie Ihre Arbeit gerade virtuell an? Und wie kann man Ihre Hilfe in Anspruch nehmen?

Ich versuche über Online-Meetings, Kurznachrichten, Mail und Telefon in Kontakt zu bleiben. Das gelingt nicht immer so, wie man es sich wünscht. Der persönliche Kontakt wäre wirklich wichtig, leider kommt dieser in der jetzigen Zeit zu kurz. Wir haben auch nicht genügend ehrenamtliche Trauerbegleiter:innen, um alle Familien im häuslichen Umfeld vor Ort zu unterstützen. Es gibt nicht viele, die sich freiwillig mit dem Thema auseinandersetzen. Im Herbst startet ein neuer Ausbildungskurs zum ehrenamtlichen Kindertrauerbegleiter. Ich hoffe, dass wir dann noch mehr Unterstützung bekommen. 

Haben sich die Themen bei Ihrer Arbeit seit Corona verändert?

Das Thema Trauer bleibt. Das Thema Abschied hat sich durch die Umstände verändert.

Was bedeutet das? Haben die Kinder aktuell größere Angst, ein Familienmitglied zu verlieren?

Die Angst steht nicht im Vordergrund. Belastend für alle ist die Gesamtsituation. Keine Freunde, kein Sport, kaum Hobbys und keine Trauergruppe, aber dafür eine völlig veränderte Gesamtsituation. Das sind die Themen, die zur Zeit wichtig sind.

Hat die Krise auch Folgen bei Kindern und Jugendlichen?

Das kann man jetzt noch nicht pauschal beantworten. Diese Krise verändert uns alle, das geht auch an den Kindern und Jugendlichen nicht spurlos vorüber. Wir stecken noch mittendrin. Ich persönlich denke schon, dass es bei einigen intensive Spuren hinterlassen wird. Manche werden besser damit zurechtkommen, andere weniger. Wichtig ist es, auf die zu achten, die nicht ganz so gut damit klarkommen.

“Trauer bleibt, man kann sie nur in das Leben integrieren.”

Wie verarbeiten Kinder die Trauer am besten, wenn ihnen aktuell die Ablenkung durch Freunde oder Hobbys fehlt? Und wie kann man ihnen als Eltern helfen?

Trauer bleibt, man kann sie nur in das Leben integrieren. Sie verändert sich, ist mal mehr, mal weniger präsent. Genauso ist das bei Kindern. Trauer ist ja nicht etwas schlechtes, es zeigt doch nur die Liebe und Bindung zu dem Menschen, der verstorben ist.

Wenn mich Eltern fragen: „Wann hört mein Kind auf zu trauern?“, dann frage ich dagegen: “Wann hört das Kind auf, denjenigen zu lieben?“ Schule, Hobbys und Freunde bieten nicht nur Ablenkung, sie bieten auch Struktur und Halt. Das fehlt gerade sehr.

Erwachsene können viel tun, um Kinder auch in dieser Krise zu unterstützen. Ein Auge zum Sehen, ein Ohr zum Zuhören, ein Mund, der Mut macht. Nichts abwinken, nichts kleinreden. Ein „Ach das ist doch nicht schlimm.“ immer mehrfach überlegen. Vielleicht irrt man sich und afür die Kinder ist genau das gerade schlimm. Zuhören kann zwar nicht jeder gut, aber man kann es üben. Abends beim ins Bett bringen kann man auch wunderbar gemeinsam den Tag reflektieren. Was klappte heute besonders gut? Gab es etwas, womit es dir schlecht ging? Hätte ich dir dabei helfen können und wenn ja, wie? 

Inwiefern kann Corona die Erwachsenen dazu animieren, sich öfter mit dem Thema Tod und Trauer mit der ganzen Familie zu beschäftigen?

Das Thema Sterben und Tod ist präsenter und greifbarer geworden. Viele Menschen sind aber auch genervt davon und wollen darüber nichts mehr hören oder lesen. Ich denke, diese Krisenzeit ist eine Chance. Eine Chance, sich mit der Vergänglichkeit des Lebens auseinanderzusetzen. Mit dem eigenen Abschied und dem, was vorher noch so kommen soll. Es ist eine Chance, bewusster zu leben und sich der kurzen Zeit, die wir als Mensch haben, bewusst zu werden. Seit drei Jahren gibt es am 8. August den Memento Tag. Er ist gefüllt mit Veranstaltungen, Vorträgen und kreativen Ideen. Er setzt sich genau mit diesem Thema auseinander, denn man sollte nicht vergessen: Hinter jeder Entwicklung steht auch eine Chance.  

Liebe Frau Elvert, vielen Dank für das spannende Gespräch!

Sabine Elvert arbeitet für den Verein KINDERHILFE e.V. – Hilfe für krebs- und schwerkranke Kinder und ist dort Koordinatorin für Trauerarbeit, Kontakt und Beratung.

Neben den Potsdamer Trauergruppen für Kinder, Jugendliche und Männer, die ein Kind verloren haben, gibt es auch eine Kindertrauergruppe in Teltow. Die Gruppen sind offen für alle, die in ihrer Trauer Hilfe und Austausch brauchen. Weitere Informationen zu Terminen, Anmeldung und zu ehrenamtlichen Unterstützungsmöglichkeiten findet ihr HIER.

Der Verein und seine Arbeit wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Wenn ihr die KINDERHILFE finanziell unterstützen möchtet, könnt ihr das gern unter dem folgenden Spendenkonto tun:

Berliner Sparkasse
IBAN: DE49 1005 0000 0780 0048 84

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