“Schreien stärkt die Lungen!” – Generationenkonflikt in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett

Generationenkonflikt Schwangerschaft Geburt Wochenbett

sandrina seide hebamme potsdam team pola magazin

Rund um die Schwangerschaft und Geburt gibt es viele Fragen. Unsere Expertin, die Potsdamer Hebamme Sandrina Seide,
hat hier zu verschiedenen Themen die wichtigsten Antworten und Tipps für euch.

 

 

Welche frischgebackenen Eltern haben diese Sätze, oder wenigstens ein paar davon, nicht auch schon zu hören bekommen? 

„Das hat euch doch auch nicht geschadet.“
„Was, du stillst immer noch?“
„Jetzt muss er/sie aber auch mal lernen, alleine zu schlafen.“
„Zieh ihm/ihr Söckchen an, es ist kalt.“
„Er/Sie ist sicher müde.“
„Dieses ständige Tragen im Tuch. Bekommt es da überhaupt genug Luft?“
„Reagiere nicht immer sofort, lass es ruhig mal weinen. Das stärkt die Lungen!“
„Du verwöhnst das Kind noch, wenn du es immer sofort hochnimmst.“

Für die Großeltern (Nachbarn, Bekannte…) sind es im besten Falle einfach neutral gestellte Fragen, aus einem ehrlichen Interesse heraus und Wohlwollen dem eigenen Kind gegenüber. Schließlich will man stolz sein Wissen und seine Erfahrungen weitergeben. Man hat ja nun auch schon ein Kind großgezogen. 

Auf die frischgebackenen Eltern – im Wochenbett, blutend, wahrscheinlich mit wunden Brustwarzen, zwischen Clusterfeeding, Windeln wechseln, Schlafentzug und dem verzweifelten Versuch, dieses neugeborene Menschenkind lesen und verstehen zu lernen – wirkt es eher wie ein Infragestellen der eigenen Kompetenzen. Und schon ist man wieder 7 Jahre alt und verteidigt sich gegenüber seinen Eltern in alten Rollenbildern.

Solche Glaubenssätze aus dem engsten Umfeld sind die Herausforderungen, auf die moderne Eltern am häufigsten stoßen, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen. Ein Thema, was uns Hebammen immer wieder bei Wochenbettbesuchen begegnet und uns fordert, die frischgebackenen Familien in ihrer Intuition und in ihren Kompetenzen zu fördern, sie zu unterstützen und in ihre Kraft zu bringen.

Damals…

Kindererziehung ist ein hoch emotionales Thema. Niemand möchte sich nachsagen lassen, dabei etwas falsch gemacht zu haben. In keiner Generation. Das birgt Konfliktpotenzial. Jedoch sollte niemand den Großeltern vorwerfen, etwas falsch gemacht zu haben. Sie haben nach ihrem damaligen besten Wissen und Gewissen gehandelt. Es herrschten andere Strukturen vor. Es gab Hierarchien innerhalb der Familie.

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… und heute

Heutzutage hinterfragen wir Abläufe und Sachverhalte und übernehmen sie nicht einfach. Heute werden Kinder bindungs- und bedürfnisorientiert erzogen. Wir passen uns dem Neugeborenen an, weil wir wissen, dass das Kind nicht in der Lage ist, sich uns anzupassen. Wir stillen Kinder nicht nach Plan alle vier Stunden, sondern ad libidum. Das heißt, wenn das Kind das Bedürfnis hat zu trinken, stillen wir dieses Bedürfnis. Wir Erwachsenen essen und trinken ja auch, wenn wir hungrig oder durstig sind und nicht, weil es die Uhrzeit gerade vorgibt.

Wir kuscheln mit unseren Lieben, wann immer uns danach der Sinn steht und wir das Bedürfnis nach Nähe haben. Man stelle sich nur mal vor, der/die Partner:in lehnt das ab, weil sich ja schließlich erst vor zwei Stunden umarmt wurde.

Warum sollte das Kind allein in seinem eigenen Zimmer schlafen, wenn die Eltern zusammen schlafen? Aus evolutionsbiologischer Sicht hätte unsere Menschheit niemals überlebt, wenn das Neugeborene in einer anderen Höhle geschlafen hätte als die Eltern.

Niemand kann durch Zuneigung verwöhnt werden. Niemand kann durch Liebe und Berührungen verwöhnt werden. Das ist der Motor, der uns am Laufen hält. Berührungen lassen Oxytocin fließen. Unser Bindungshormon. Berührungen nähren uns über die Haut und sind so wichtig wie essen und trinken.

Offen aufeinander zugehen

Betrachten wir die Fragen vom Anfang neutral und mit Abstand, zeugen sie eventuell auch nur von Unsicherheiten, welche bei den Großeltern vorhanden sind und jetzt wieder hochkommen. Erinnerungen daran, dass man entgegen der eigenen Intuition gehandelt hat. Und anstatt sich zu rechtfertigen, für das, was man früher gemacht hat, sollten wir jetzt offen aufeinander zugehen. Uns gegenseitig zuhören. Sich offenkundig für seine Kinder freuen, dass wir heutzutage die Möglichkeit und das Wissen haben, intuitiv und bedürfnisorientiert handeln zu können, wo man selbst damals vielleicht keinen Mut zu hatte.

Begegnet euch wertschätzend und auf Augenhöhe:

„Verstehst du meine Sichtweise?“
„Wie war das bei euch damals?“
„Toll, dass es jetzt anders läuft!“
„Oh, zeig mal, das kannte ich noch gar nicht!“
„Ach, so habe ich das noch nie gesehen, stimmt.“
„Interessant! „Danke, dass du deine Sicht mit mir teilst!“

Davon profitieren alle Seiten und die Bindung sowohl zur jüngeren als auch zur älteren Generation bleibt fest und verlässlich. Schließlich können wir auch ganz wunderbar von den Erfahrungen und der Ruhe der Großeltern profitieren. Deren Lebensweisheiten sind oft ein ganz wertvoller Schatz.

Komplett vermeiden lassen sich Generationenkonflikte wahrscheinlich nie. Das eigentliche Problem ist jedoch die mangelnde Kommunikation und die fehlende Offenheit. Versucht, Probleme auf sachlicher Ebene zu lösen. Es ist ein Prozess. Das eigene Kind gründet nun seine eigene Kernfamilie. Ein Loslassen.

Ein Abnabelungsprozess zwischen großer Vorfreude dem Enkelkind gegenüber und der Trauer des weiteren Abnabelns des eigenen Kindes. Ein Prozess mit Reibungspotenzial. Aber Reibung erzeugt auch Wärme und Wärme erzeugt Liebe.

 

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