Die Schwangerschaft: Warten, warten, warten

Erinnert man sich an die eigene Kindheit, fällt einem schnell auf, dass damals noch mindestens fünf Jahre zwischen zwei Weihnachtsfesten gelegen haben müssen. Die zwei Wochen vor dem eigenen Geburtstag vergingen so langsam, dass man sich sicher war, in einer Zeitschleife gefangen zu sein und niemals das nächste Lebensjahr zu erreichen. Klassenarbeiten und Zahnarztbesuche kamen dagegen immer viel zu plötzlich. 

Auf ersehnte Dinge warten wir auch als Erwachsene noch eine gefühlte Ewigkeit, haben derweil aber Strategien entwickelt, die uns lange Wartezeiten zumindest etwas angenehmer machen. 

Die Schwangerschaft: Warten, warten, warten

Für einen ungeduldigen Menschen ist eine Schwangerschaft dennoch eine echte Herausforderung. Es fängt schon beim Schwangerschaftstest an. Wie lang können bitte zwei Minuten sein? Dann wartet man auf das Ende der ersten kritischen Wochen, danach auf Untersuchungsergebnisse, dauernd wartet man auf Untersuchungsergebnisse, dann wartet man auf das Baby und kaum ist es da, wartet man auch schon wieder, dass es einen zu Weihnachten besuchen kommt. Zwischen den Weihnachtsfesten liegen dann bloß noch fünf Monate. 

Normalität wird zum höchsten Gut!

Unterteilen kann man die 40 Schwangerschaftswochen grob in drei Phasen: Warten mit Übelkeit, warten mit Hunger und warten mit Rückenschmerzen und Sodbrennen. Und während man so vor sich hin wartet, hat man viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Die wichtigste Frage ist meistens, ob das Kind gesund ist. Normalität wird zum höchsten Gut, denn auch der größte Schreihals und das komplette Chaos in Wohnung und Leben gelten als normal und pendeln sich mehr oder minder über die Jahre wieder ein. Die Herausforderungen mit einem ernsthaft kranken Kind hingegen kann man sich kaum vorstellen. 

Die Emotionalität in Bezug auf das Baby und die Bereitschaft sich dem absoluten Wahnsinn hinzugeben, sind so einschneidend, dass man selbstverständlich auch ein wenig Angst bekommt. Zudem begegnet man nicht selten haarsträubenden Geschichten über Geburt und Kind und kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man mitten in einem verdammten Glücksspiel steckt. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung sagt Gott sei Dank etwas anderes. 

Gleichzeitig klopft man während des Wartens auch sein Leben ab und stößt auf diverse Fragen. Wieviel von mir wird nicht zur Mutter werden? Was kann ich mit einem oder mehr Kindern noch machen? Wie bleibt man ein Paar als Eltern? Kein Mensch hat darauf eine allgemeingültige Antwort, aber man hat neun Monate Zeit, um sich allerlei Vorsätze zu überlegen, die das Baby dann wieder auf den Kopf stellt.

Warten hat es in sich, denn worauf warten wir eigentlich noch? Sämtliche Kaufimpulse werden dank Apps und Onlineshops sofort bedient, auf etwas zu sparen ist dank omnipräsentem Ratenkauf hinfällig und jemand, der in Berlin zur U-Bahn rennt, die alle drei Minuten fährt, hat mit Warten schon lange nichts mehr am Hut. 

Ist das Kind erstmal da, geht alles Schlag auf Schlag und viel zu schnell.

Eine Schwangerschaft verlangsamt das Leben. Ganz genau schaut man auf die einzelnen Tage, den Bauch und die Ultraschallbilder. Das Baby braucht Zeit und wir auch, schließlich warten wir nicht auf Godot, sondern auf einen kleinen Menschen und der fordert unsere ganze Aufmerksamkeit, wenn er da ist. 

Der Witz ist, dass man die Zeit vor der Geburt für eine Ewigkeit hält, aber ist das Kind erstmal da, geht alles Schlag auf Schlag und viel zu schnell. Erst haben sie Zahnlücken, dann eine eigene Meinung und in nur sehr wenigen Weihnachtsfesten packen sie ihre Sachen und beginnen ihr eigenes Leben. Wir stehen dabei, sehen zu und denken: „Warte doch noch!“

Text: Andrea Glaß

Die erste Kolumne von Andrea „Haltet die Welt an, ich bin schwanger!“ könnt ihr hier nachlesen!

Foto: unsplash/ Alicia Petresc

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