2 Mamas: “Wir müssen unser eigenes Kind adoptieren!”

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Michi (32) und Jenny (34) haben sich beim gemeinsamen Fußballspielen in Potsdam kennengelernt. Als sie sich beide von ihren vorherigen Partner:innen trennten, gründeten sie kurzerhand eine WG. Während des Zusammenlebens entwickelte sich aus der Freundschaft nach einiger Zeit Liebe. Knapp fünf Jahre später sind die beiden Frauen verheiratet und haben zwei Kinder, Kjell (2) und Hedi (8 Monate). Im Interview erzählen uns die beiden Mamas, welche Hürden sie nehmen mussten, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen und welche Dinge sich gesellschaftlich endlich ändern müssten!

Wann habt ihr beschlossen, Kinder zu bekommen?

Michi: Wir haben von Anfang an über Kinder gesprochen. Ich wusste, dass Jenny einen großen Kinderwunsch hatte und nicht erst mit Mitte 30 Mama werden wollte. Jenny ist meine erste Partnerin, davor war ich nur mit Männern in einer Beziehung. Von daher war die ganze Situation für mich noch etwas ungewohnt. Ich wusste, dass ich auch irgendwann einmal Kinder haben möchte, aber ich bin eher der rationale Typ und habe mir viele Gedanken darum gemacht, ob es bei uns nicht etwas zu schnell geht, schon nach so kurzer Zeit ein Kind zu bekommen. Doch meine Sorgen waren umsonst, denn es hat sich immer alles richtig angefühlt. 

Jenny: Vor der Schwangerschaft waren wir dann nochmal drei Wochen auf den Philippinen und wollten uns testen, wie gut wir beide mit Stresssituationen umgehen können. Wir sind von Insel zu Insel gereist und das war manchmal schon sehr abenteuerlich. 

Welche Hürden musstet ihr nehmen, damit euer Kinderwunsch in Erfüllung ging?

Jenny: Wir haben uns als erstes eine Kinderwunschklinik gesucht, die gleichgeschlechtliche Paare unterstützt, denn das macht nicht jede Klinik. Nachdem man sich dann auch noch für eine Samenbank entschieden hat, hat man beispielsweise die Möglichkeit, Wünsche zur Körpergröße, Haarfarbe, Augenfarbe, Nationalität und Hobbys des Spenders zu äußern. Heterosexuelle Paare versuchen dabei oft, dass der Spender dem Mann möglichst ähnlich ist. Wir haben uns für eine gute Mischung aus uns beiden entschieden. Beide Kinder haben auch denselben Spender. Danach sucht die Samenbank in der Kartei nach geeigneten Spendern, die den Angaben/Wünschen möglichst entsprechen. Im Anschluss bekommt man dann eine Liste mit möglichen Spendern zugeschickt. Bei manchen Samenbanken hat man gegen eine extra Gebühr sogar die Möglichkeit, ein Kinderbild und eine weitere persönliche Beschreibung des Spenders zu erhalten – zum Beispiel beschreibt der Spender da die Gründe für die Spende. 

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Michi: Und wenn man sich dann für einen Spender entschieden hat, unterzeichnet man bei der Samenbank einen Vertrag. Von da an hat man mit der Organisation nichts mehr zu tun, die Samenbank und die Kinderwunschklinik kümmern sich dann um den Versand und die Lagerung der Samenproben. 

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Und wer übernimmt die Finanzierung? 

Michi: Bei heterosexuellen Paaren, die verheiratet sind, übernehmen die meisten Krankenkassen zumindest einen Teil der Kosten für eine Kinderwunschbehandlung. Bei homosexuellen Paaren ist es egal, ob man verheiratet ist, es wird nichts übernommen und man muss alles aus eigener Tasche bezahlen. Man sollte so mit etwa 3.000 Euro bis 5.000 Euro rechnen.

Und wie ging es dann bei euch weiter?

Jenny: Die Samenbank schickt das Sperma an die Kinderwunschklinik und sie lagert die Proben ein. Und dann geht man ab dem ersten Zyklustag regelmäßig zur Kinderwunschklinik. Dort wird man jedes Mal untersucht und einem wird Blut abgenommen. Es wird genau geschaut, wie hoch die Qualität der Eizellen ist und wann der Eisprung bevorsteht. Einen Tag vor der geplanten Insemination, also der Befruchtung, bekommt man dann noch eine Spritze, da dadurch der Eisprung zeitlich genau festgelegt wird. Und am darauffolgenden Tag findet dann die Samenübertragung statt. Das geht relativ schnell, ist unspektakulär und im Anschluss geht man wieder nach Hause. 

Jenny, du hast Kjell ausgetragen, war die Behandlung gleich beim ersten Mal erfolgreich?

Leider nein. Das ist auch wirklich nervenaufreibend, denn man fragt sich ständig, ob es geklappt hat. Allerdings war die zweite Behandlung dann erfolgreich und wir haben in unserem Italienurlaub erfahren, dass wir ein Baby bekommen. 

Und wie ist es als Frau, seine schwangere Frau zu begleiten?

Michi: Sehr schön, ich bin darin richtig aufgegangen. Ich habe sehr darauf geachtet, dass es Jenny gut geht.

Und nach knapp einem Jahr habt ihr euch dann für euer zweites Kind bereit gefühlt?

Jenny: Ja. Wir wollten auch wieder denselben Spender. Es war uns wichtig, dass unsere Kinder genetisch Halbgeschwister sind. Wir haben die Samen des Spenders reservieren lassen und wir hatten eine bestimmte Zeitvorgabe, da ansonsten die Samenspenden für andere Frauen genutzt werden.

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Wie sind die Rechte und Pflichten des Spenders?

Michi: Dadurch, dass es eine offizielle Samenspende ist, ist rechtlich alles geregelt. Der Spender tritt alle Rechte und Pflichten ab. Unsere Kinder haben aber die Möglichkeit, den Spender mit Hilfe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zu kontaktieren, denn in Deutschland hat man das Recht, etwas über die eigene Abstammung zu erfahren. Wenn die Kinder sechzehn sind, können sie sich allein an die Stelle wenden, wenn sie schon früher Kontakt aufnehmen wollen, brauchen sie noch unser Einverständnis. Die Samenbank gibt auch nur den Namen und die zuletzt bekannte Anschrift des Spenders heraus. Der Spender hat dann aber auch noch die Wahl, ob er Kontakt haben möchte.

Und wie steht ihr dazu? 

Michi: Wir haben im Bekanntenkreis noch niemanden, bei dem die Kontaktaufnahme zum Spender schon ein Thema war. Mir fällt es aktuell noch schwer, mich hineinzuversetzen, wenn unsere Kinder irgendwann mal Fragen haben. Wir wollen damit aber auch offen umgehen. Ich hoffe, dass unsere Kinder später nicht das Gefühl haben, ihn kennenlernen zu müssen, weil ihnen etwas fehlt. Das Thema “Papa” spielt ja auch in der Kita schon eine Rolle. Andere haben einen Papa, er weiß, dass er eine Mama und eine Mami hat. Und Kjell legt auch großen Wert darauf, dass man seine Mamas auch richtig anspricht.

Und werdet ihr Kjell und Hedi irgendwann alles erzählen? 

Jenny: Ja, aber erst, wenn sie es verstehen. Mir ist es wichtig, dass unsere Kinder die Möglichkeit haben, den Spender kennenzulernen. Ich bin selbst ein Scheidungskind und mir war es auch wichtig zu wissen, wo ich herkomme.

Wie sind denn eure Rechte als gleichgeschlechtliches Paar?

Jenny: Wir haben leider noch keine Rechte für das nicht selbst ausgetragene Kind. Als die Kinder geboren wurden, mussten wir immer die Daten zur Mutter und zum Vater eintragen. Beim Vater haben wir dann “unbekannt” hingeschrieben. Dann benötigen wir für das jeweils “andere” Kind eine Vollmacht, damit wir zum Beispiel mit dem Kind zum Arzt gehen können. Es ist wirklich kompliziert. Michi hat zwar kein Sorgerecht für Kjell, beim Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung bekommen wir aber nur sechs Stunden genehmigt, da Michi mit Hedi ja noch zu Hause ist. Sie hat keine Rechte, aber den Pflichten muss sie nachgehen.

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Und ihr geht jetzt den Weg über die Stiefkindadoption? 

Michi: Ja, genau, wir fangen gerade an! In den Medien wird aktuell auch viel darüber diskutiert, wie diskriminierend es einfach immer noch ist. Das Verfahren der Stiefkindadoption ist überhaupt nicht passend für die unterschiedlichen Familienkonstellationen. Das Kind ist zwar rein rechtlich mein Stiefkind, aber emotional ist es doch genauso mein Kind. Ich muss also mein eigenes Kind adoptieren.

Und wie läuft das Verfahren ab?

Jenny: Man wendet sich an das Jugendamt und bekommt einen Beratungstermin. Zusätzlich muss man viele Dokumente ausfüllen. Man muss beispielsweise darüber schreiben, wie man selbst aufgewachsen ist, wie man sich kennengelernt hat und warum man denkt, dass man eine gute Mutter ist. Außerdem braucht man auch noch einen Gesundheitscheck beim Hausarzt und es gibt einen Hausbesuch. Und natürlich werden auch die Kinder befragt.

Michi: Wir haben bewusst etwas länger gewartet, da sich durch die neue Regierung ein paar Dinge ändern sollten. Im Koalitionsvertrag steht, dass sie das Abstammungsgesetz ändern wollen. Aber aktuell herrschen andere Krisen, die Aufmerksamkeit fordern, und es wird vor sich hin geschoben.

Was müsste sich denn gesellschaftlich ändern?

Jenny: Einiges. Ich werde immer wieder gefragt, wie wir zu unseren Kindern gekommen sind und wer denn der Vater sei. Bei jedem Formular, welches wir ausfüllen müssen, stehen oben immer noch “Mutter” und “Vater”. In der Kita haben sie es jetzt zu “Elternteil 1” und “Elternteil 2” angepasst.

Michi: Da ich vorher immer nur mit Männern zusammen war, ist mir schon aufgefallen, dass die Menschen viel mehr gucken. Man erntet immer wieder komische Blicke. Es ist auch jedes Mal ein Outing. Irgendwann kommt man mit jedem auf das Thema Partnerschaft. Wenn man einen Mann hat, ist es sehr schnell beendet. Wenn man eine Frau hat, soll man immer die ganze Geschichte erzählen. Einerseits ist es ja schön, dass sich die Menschen dafür interessieren, aber es ist auch sehr privat.

Und was sollte sich rechtlich ändern?

Michi: Das Gesetz muss sich endlich an die Lebensrealitäten in Deutschland anpassen. Es gibt so viele verschiedene Familienformen und es wäre wichtig, dass nicht immer nur die biologische Abstammung entscheidend ist. Es wäre doch viel schöner, wenn ich sagen könnte, dass ich für dieses Kind mein Leben lang ein Elternteil sein möchte.

Habt ihr einen Tipp für andere Frauenpaare mit Kinderwunsch?

Jenny: Einfach machen und keine Angst davor haben. Wir haben einige Freundinnen, die vor uns schon einige Kinderwunschbehandlungen hatten und das hat uns sehr geholfen, denn wir konnten ihnen einfach alle offenen Fragen stellen. Und sie konnten uns auch Tipps bezüglich der Kinderwunschkliniken geben.

Michi: Und obwohl es für homosexuelle Eltern noch so viele Hürden gibt, sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Und ich hoffe, dass es in der Generation unserer Kinder schon ganz egal ist, ob man zwei Mamas oder zwei Papas hat.

Und was ist für euch das Schönste am Mamasein?

Jenny: Ich finde alles schön. Natürlich ist es oft auch anstrengend, aber es ist einfach so toll, wenn beispielsweise beide Kinder am Sonntag beim Fußballspiel dabei sind.

Michi: Für mich ist es das Schönste, mitzubekommen, wie die beiden größer werden und sich entwickeln. Ich freue mich immer, wenn Kjell aus der Kita kommt und schon wieder etwas Neues gelernt hat.

Vielen Dank für das Interview und alles Liebe für euch 4!


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