Interview: „Wir sind jeden Tag dankbar!“

Familieninterview Christin&Armin

Christin (37) und Armin (37) leben mit ihrem Sohn Willi (6 Monate) in Potsdam. Kurz nach der Geburt mussten sie aufgrund einer lebensbedrohlichen Krankheit mehrere Wochen auf der Kinder-Intensivstation verbringen. Wie sie diesen schwierigen Start als Familie erlebt haben und wie ihr Alltag heute aussieht, das haben sie uns bei einem Gespräch in ihrer Wohnung verraten.

In eurer Wohnung fallen zwei Sachen auf: Alte Dinge und viele Pflanzen – von wem kommt das?

Christin: Der Sinn für das Alte kommt von mir. Ich wollte früher immer Innenarchitektin werden und hatte als Leistungskurs Kunst und Mathe. Aber ich war zu faul, um eine Kunstmappe anzufertigen und habe mich dann beruflich für die Zahlen entschieden und BWL studiert. Die Wohnung schön zu gestalten ist jetzt mein Hobby und mein Ausgleich zu meinem Job in der Wirtschaftsprüfung. Das Holz und die Pflanzen kommen eher von Armin.

Armin: Ja, das ist mein Job. Ich habe Forstwissenschaften studiert und kümmere mich jetzt um die städtischen Bäume hier in Potsdam. Ich hatte schon immer viele Pflanzen in der Wohnung. Auf dem Bild über dem Esstisch ist ein Ahorn zu sehen, das ist das keltische Baumkreiszeichen für Christin, so eine Art Horoskop. Ich selber bin eine Buche. Und wie man sieht, passen die beiden sehr gut zusammen. Auch Christins Verlobungsring trägt ein Buchenblatt.

Ihr habt euch in der Corona-Zeit kennengelernt. Lasst mich raten – online?

Christin: Ja, das war über Tinder. Armin hat damals noch in Greifswald gewohnt und war über die Osterfeiertage auf dem Weg zu seinen Eltern nach Frankfurt (Oder). Nur so konnten wir überhaupt matchen, weil er in der Nähe war. Wir haben dann ständig geschrieben und als er wieder auf dem Rückweg war, haben wir uns am Berliner Hauptbahnhof auf einen Kaffee getroffen. Was ganz süß war: Im Nachgang hat er mich gefragt, ob er meine Handynummer haben kann. Wir haben dann täglich 2–3 Stunden telefoniert. Als ich ihn das erste Mal in Greifswald besucht habe, hat er mich sofort gepackt und wild abgeknutscht. Und so ging’s los.

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Ihr seid seit 2024 verheiratet – hat sich durch das Ja-Wort etwas in eurer Beziehung verändert?

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Armin (lacht): Dass ich jetzt einen Ring trage.

Christin: Ganz wichtig dabei: Ich sage nie „Mein Ehemann“. Ich finde dieses Wort ganz schlimm, das engt mich ein. Armin ist mein „Ex-Verlobter“ oder „verheirateter Freund“. Wir sind gerne verheiratet, aber wenn ich mich als Ehefrau bezeichnen würde, würde ich mich meiner Selbständigkeit beraubt fühlen. Das ist meine kleine Macke.

Armin: Das Konstrukt Ehe ist schon was Cooles, hat aber auch irgendwie was Altbackenes. „Freund“ und „Freundin“ klingt für uns irgendwie lockerer.

Vor sechs Monaten seid ihr Eltern geworden und euer Start war schwierig. Was hat euch in den ersten Wochen besonders bewegt?

Christin: Willi kam per Notkaiserschnitt und wir waren gerade ein paar Tage zu Hause, als er nachts hohes Fieber bekommen hat. Wir sind dann in die Notaufnahme gefahren, wo ihm ein Zugang gelegt wurde. Die Diagnose: Meningitis, also Hirnhautentzündung, verursacht durch eine bakterielle Infektion bei der Geburt. Er bekam Antibiotikum und wir mussten drei Wochen auf der Intensivstation bleiben.

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Was ging euch in dieser Zeit auf der Intensivstation durch den Kopf?

Christin (unter Tränen): Jetzt musst du weitererzählen!

Armin: Es war komplett surreal. Du stehst in der Notaufnahme und ständig kommen neue Ärzte rein und deinem kleinen Baby wird direkt ein Zugang am Kopf gelegt. Es ging alles so schnell. Wir sind mit Willi in der Trageschale zur Intensivstation gelaufen, wo er in so eine Einzelbox kam, mit einem beheizten Bettchen. Da hingen so viele Kabel und du fragst dich: Was passiert hier gerade? Christin war dann die ganze Zeit mit Willi im Krankenhaus, ich bin nur zum Schlafen nach Hause gefahren und kam dann morgens wieder in die Klinik.

Als die Ärzte uns nach ein paar Tagen sagten, dass die Krankheit schon ins Gehirn gewandert ist, war das ein Schockmoment. Denn unbehandelt kann das tödlich enden, zu spät behandelt mit schweren Behinderungen. Aber wenn man Glück hat, so wie wir, und es früh erkannt wird, dann lässt es sich gut behandeln und im besten Fall gibt es keine gesundheitlichen Einschränkungen.

Christin, was hat dir geholfen?

Christin: Ich habe einfach nur funktioniert. Als die Diagnose Meningitis kam, wusste ich sofort, wie schlimm die Situation ist und was alles passieren kann. Aber ich habe diese Gedanken nicht zugelassen. Wir sind Menschen, die immer positiv denken. Wir haben uns die ganze Zeit gesagt: Alles wird gut! Jeder Tag, an dem die Ärzte gesagt haben, dass alles in Ordnung ist, hat uns weiter bestärkt. So richtig realisiere ich erst jetzt, wie viel Glück wir gehabt haben.

Gibt es Momente, in denen euch bewusst wird, wie dankbar ihr seid?

Christin: Wir sind jeden Tag dankbar. Immer, wenn er mich anlächelt oder etwas Neues kann.

Armin: Wenn er neben uns liegt und schläft, ist das ein schöner Moment. Und nach unseren Erfahrungen wissen wir sehr zu schätzen, was für ein Privileg es ist, Eltern zu sein.

Wie teilt ihr euch die Verantwortung auf?

Armin: Es gibt keine starren Rollenbilder. Jeder kann alles übernehmen. Ich mache abends das Bettfertig-Ritual.

Christin: Und ich habe dann Zeit für mich. Nachts übernimmt Armin auch viel.

Was macht ihr anders als frühere Generationen?

Armin: Wir lassen ihn nicht schreien.

Christin: Das geht für mich gar nicht.

Wie sieht ein typisches Wochenende aus?

Christin: Brötchen holen, spätes Frühstück, Spaziergänge im Babelsberger Park.

Armin, du planst Elternzeit im Sommer – was steht an?

Armin: Reisen. Griechenland war schon dabei, Japan steht oben auf der Liste.

Christin: Vielleicht auch Portugal oder Bretagne.

Wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Christin: Noch offen.

Armin: Vielleicht in Babelsberg oder Potsdam-West.

Christin: Oder zurück in meine Heimat Rostock.

Vielen Dank für das Teilen und alles Gute für euch!

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