Übelkeit in der Schwangerschaft? Ja, das kennen die meisten. Fast drei Viertel aller Schwangeren haben in den ersten Wochen Phasen der Übelkeit oder eine eher angespannte Beziehung zu Kühlschrank, Zahnpasta, der Tasse Kaffee am Morgen, dem Duft von frisch gebratenen Zwiebeln oder anderen Gerüchen. Für die meisten handelt es sich um eine vorübergehende, wenn auch unangenehme Begleiterscheinung, die spätestens im zweiten Trimenon wieder abklingt.
Doch manchmal kippt das Ganze ins Extreme. Wenn aus einem „ein bisschen empfindlich“ ein „gar nichts bleibt drin“ wird. Wenn Wassertrinken zur Herausforderung wird. Bei einem kleinen Teil der Frauen entwickelt sich daraus eine ernsthafte Erkrankung, die Hyperemesis gravidarum. Sie betrifft etwa 0,5 bis zwei Prozent aller Schwangeren und stellt eine der häufigsten Ursachen für stationäre Aufnahmen im ersten Schwangerschaftsdrittel dar.
Schwangerschaftsübelkeit vs. Hyperemesis gravidarum
Normale Schwangerschaftsübelkeit bedeutet: Man fühlt sich unwohl, man isst vielleicht weniger, aber man schafft es durch den Tag. Die Grenzen zwischen „normaler“ Schwangerschaftsübelkeit und krankhafter Ausprägung sind fließend.
Als Hyperemesis gravidarum bezeichnet man ein über das übliche Maß hinausgehendes, schweres und anhaltendes Erbrechen, das zu erheblichem Flüssigkeits- und Gewichtsverlust führt. Während bei der üblichen „morning sickness“ die Betroffenen in der Lage bleiben, Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen, verlieren Patientinnen mit Hyperemesis mehr als fünf Prozent ihres Körpergewichts und zeigen oft klinische Zeichen der Dehydratation. Ein Zustand, der nicht einfach „durchzuhalten“ ist. Die Umwelt reagiert darauf leider mit fatalem Understatement: „Ach, das gehört doch dazu!“, „Meine Oma hat auch neun Kinder gekriegt und nie gejammert.“ Solche Sätze helfen ungefähr so viel wie ein Schirm im Sturm.
Medizinisch relevant wird die Situation, wenn Symptome wie Elektrolytverschiebungen, Ketonurie, Kreislaufinstabilität oder Zeichen einer Mangelernährung auftreten. Ab diesem Punkt ist ärztliche Behandlung zwingend erforderlich.
Ursachen und Pathophysiologie der Hyperemesis gravidarum
Die genauen Ursachen der Hyperemesis gravidarum sind noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem hormonelle, genetische und psychosoziale Faktoren ineinandergreifen.
Hormonelle Faktoren:
- Eine zentrale Rolle spielt vermutlich das Schwangerschaftshormon humanes Choriongonadotropin (hCG). Ein besonders hoher Spiegel oder eine steile Anstiegskurve korrelieren mit einem erhöhten Risiko für schwere Übelkeit und Erbrechen.
- Auch Östrogene und Veränderungen der Progesteronwirkung können Einfluss haben, da sie den Magen-Darm-Trakt verlangsamen und die Übelkeit verstärken.
- Neuere Untersuchungen weisen zudem auf eine mögliche Beteiligung von GDF15 (growth differentiation factor 15) hin, einem Wachstumsfaktor, der in der Plazenta gebildet wird und vermutlich Brechreiz über das Gehirn vermittelt.
Genetische Faktoren:
Studien mit Zwillingen und Familienstudien deuten darauf hin, dass Hyperemesis gravidarum eine genetische Komponente hat. Frauen, deren Mütter oder Schwestern betroffen waren, haben ein deutlich erhöhtes Risiko.
Weitere Risikofaktoren:
- Mehrlingsschwangerschaften
- Trophoblastenerkrankungen (z. B. Blasenmole)
- Erstgebärende
- Übergewicht vor der Schwangerschaft
- Psychosoziale Belastungen oder Angststörungen (nicht ursächlich, aber verstärkend)
Symptome und Komplikationen bei Hyperemesis gravidarum
Kernsymptome sind anhaltende Übelkeit und unstillbares Erbrechen, oft mehrmals täglich. Viele Frauen berichten, dass sie kaum noch Nahrung oder Flüssigkeit bei sich behalten können.
Typische Folgen sind:
- Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent des Körpergewichts
- Dehydratation, erkennbar an trockener Haut, verminderter Urinmenge und Kreislaufproblemen
- Elektrolytstörungen wie Hypokaliämie und Hyponatriämie
- Ketonurie (als Zeichen des Hungerstoffwechsels)
- Mangelernährung, die in schweren Fällen auch die fetale Entwicklung beeinträchtigen kann
Selten, aber gravierend, können Komplikationen wie Thrombosen, Wernicke-Enzephalopathie (durch Vitamin-B1-Mangel) oder schwere Kreislaufentgleisungen auftreten. Für das Kind ist vor allem das Risiko von Wachstumsverzögerungen, niedrigem Geburtsgewicht oder Frühgeburt von Bedeutung, wenn die Hyperemesis unbehandelt bleibt oder sehr lange andauert.
Diagnostik: Hyperemesis gravidarum erkennen
Die Diagnose stützt sich in erster Linie auf die Anamnese und klinische Befunde. Ein typischer Verlauf mit massivem Erbrechen, Gewichtsverlust und Austrocknung macht die Hyperemesis gravidarum wahrscheinlich.
Zusätzlich werden meist folgende Untersuchungen durchgeführt:
- Urinuntersuchung auf Ketone
- Blutwerte zur Kontrolle von Elektrolyten, Leberwerten, Nierenfunktion und Schilddrüsenparametern
- Sonografie, um Mehrlingsschwangerschaften oder Trophoblastenerkrankungen zu erkennen.
Eine sorgfältige Differenzialdiagnose ist wichtig, da andere Ursachen wie Magen-Darm-Infekte, Appendizitis, Migräne oder Stoffwechselstörungen ähnliche Beschwerden verursachen können.
Therapie: von Ingwer bis Infusion
Die Therapie orientiert sich am Schweregrad der Erkrankung. Ziel ist es, Flüssigkeitshaushalt, Elektrolyte und Ernährung zu stabilisieren und die Lebensqualität der Schwangeren zu verbessern.
Allgemeine Maßnahmen:
- Kleine, häufige Mahlzeiten mit leicht verdaulicher Kost zu sich nehmen
- Vermeidung von stark riechenden oder fettreichen Speisen
- Ingwerpräparate und Akupressur können unterstützend wirken
- Ausreichend Ruhe, Stressvermeidung und psychosoziale Unterstützung
Medikamentöse Therapie:
Hier kommen Antiemetika (Medikamente zur Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen) zum Einsatz und Vitamin B6 und B1, um Mangelzuständen vorzubeugen.
Stationäre Behandlung:
Wenn nichts mehr geht, helfen Infusionen mit Flüssigkeit, Elektrolyten und Vitaminen. In seltenen Extremfällen müssen Ernährungssonden oder parenterale Ernährung eingesetzt werden. Glücklicherweise betrifft das nur einen Bruchteil der Betroffenen.
Psychosoziale Aspekte
Neben der körperlichen Erschöpfung ist die seelische Belastung enorm. Oft wird unterschätzt, wie belastend Hyperemesis gravidarum für die betroffenen Frauen und ihre Familien ist. Wer wochen- oder monatelang in der Schwangerschaft mit Dauerübelkeit lebt, verliert irgendwann die Freude an der Schwangerschaft, an sozialen Kontakten und manchmal sogar an der eigenen Rolle als werdende Mutter. Kommentare wie „Das gehört doch dazu“ oder „Stell dich nicht so an“ verschärfen das Problem. Langfristig zeigen Studien, dass Hyperemesis gravidarum das Risiko für depressive Symptome während und nach der Schwangerschaft erhöht. Deshalb ist es wichtig, nicht nur die körperlichen Symptome zu behandeln, sondern auch psychologische Unterstützung anzubieten.
Prognose
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen bessern sich die Beschwerden bis zur Mitte der Schwangerschaft deutlich. Nur ein kleiner Teil der Frauen ist bis zur Geburt betroffen. Und auch wenn die Hyperemesis den Start in die Schwangerschaft überschattet, die große Mehrheit der Kinder kommt gesund zur Welt.
Hyperemesis gravidarum ist mehr als nur starke Schwangerschaftsübelkeit und bei weitem kein Luxusproblem. Sie ist eine ernsthafte, medizinisch relevante Erkrankung, die nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche der Betroffenen stark belastet. Durch eine frühzeitige Diagnose, leitliniengerechte Therapie und empathische Begleitung können Risiken minimiert und die Lebensqualität der Schwangeren verbessert werden. Für die Fachwelt bleibt die Herausforderung, pathophysiologische Mechanismen besser zu verstehen und individuelle Therapiekonzepte weiterzuentwickeln. Für die Familien und das Umfeld heißt das: Betroffene Frauen brauchen vor allem eines – Verständnis und Unterstützung.
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