In der Politik wird aktuell darüber diskutiert, das Recht auf Teilzeit abzuschaffen – mit dem Argument, die Wirtschaft stärken zu müssen. Doch hinter dieser Debatte stehen Millionen Lebensrealitäten, für die Teilzeit kein bequemes Modell für mehr Freizeit ist, sondern die einzige Möglichkeit, Familie und Beruf überhaupt zu vereinbaren. Vor allem Alleinerziehende wären hart davon getroffen.
Was in politischen Debatten oft nach „Flexibilisierung“ oder „mehr Leistungsbereitschaft“ klingt, hätte für viele Familien ganz konkrete Folgen. Denn das Recht auf Teilzeit ist kein Privileg, sondern ein Schutzmechanismus für Menschen, die Sorgearbeit leisten – allen voran Eltern, pflegende Angehörige und insbesondere Alleinerziehende. Wer Teilzeit infrage stellt, diskutiert nicht über Bequemlichkeit, sondern über die Frage, wie Vereinbarkeit von Arbeit und familiären Verpflichtungen in einem Land funktionieren soll, in dem Betreuungslücken, Personalmangel in Kitas und fehlende Unterstützung im Alltag längst Realität sind. Eine Abschaffung würde nicht mehr Arbeitskraft freisetzen, sondern diejenigen bestrafen, die ohnehin schon am Limit organisieren, was gesellschaftlich selbstverständlich erwartet wird.
Trennung, Verantwortung, Alltag: Allein mit allem
In Teilzeit zu arbeiten, ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Es ist das Maximum, was viele Alleinerziehende neben der alleinigen Verantwortung für die Kinderbetreuung im Alltag, der finanziellen Absicherung des Lebensunterhaltes und der beruflichen Ziele leisten können. Es ist keine Frage des Wollens, sondern des Es-geht-nicht-anders. Mir ist bewusst, dass ich mit einem Teilzeitjob weniger verdiene, weniger in meine Rente einzahle, weniger Rücklagen anlegen kann – das alles sind bedeutende Nachteile für mich und auch für meine Tochter. Es gibt kein Gesetz, dass den anderen Elternteil dazu verpflichtet, den gleichen Anteil der Kinderbetreuung zu übernehmen oder zumindest für einen finanziellen Ausgleich zu sorgen, solange in Teilzeit gearbeitet wird.
Nach meinem Masterabschluss bin ich mit einer 50%-Stelle ins Berufsleben gestartet. Das ist jetzt fast vier Jahre her und ich arbeite immer noch in Teilzeit. Dabei arbeite ich nicht weniger, weil ich mich vor der Arbeit scheue oder keine Lust habe, zu arbeiten, sondern weil es nicht anders geht. Noch während meines Studiums bin ich Mama geworden. Meine 90-seitige empirische Abschlussarbeit habe ich in meiner Elternzeit geschrieben – ohne Unterstützung und noch während der Corona-Pandemie. Kurz vor dem ersten Geburtstag meiner Tochter kam dann die Trennung und ich stand da mit Kind und Masterabschluss, aber ohne Wohnung, Job und finanzielle Rücklagen da. Nicht einmal einen Monat nach der Eingewöhnung meiner Tochter in die Kita habe ich angefangen zu arbeiten.
Teilzeit als Notlösung statt Traumjob
Meinen ersten Job nach dem Studium habe ich mir immer anders vorgestellt. Ich hatte klare Vorstellungen, wie ich an meinen Master anknüpfen möchte, wollte promovieren und die Universitätslehre revolutionieren. Stattdessen habe ich mich für einen Job entschieden, der mich mäßig interessierte, mäßig bezahlt wurde, nichts mit meinen wissenschaftlichen Qualifikationen zu tun hatte, aber dafür Teilzeit und zu 100 Prozent remote zu bieten hatte. Das war keine Entscheidung, die ich freiwillig und gern getroffen habe, sondern aus der Notwendigkeit heraus. Schon vor der Trennung war ich allein für die Betreuung unserer Tochter verantwortlich. Daran änderte auch mein Einstieg ins Berufsleben nichts, denn die andere Seite hatte sich für eine Arbeitswoche von 70 Stunden und mehr entschieden.
Seitdem manage ich den Spagat zwischen Job und Kinderbetreuung im Alleingang. Mein Alltag ist von 6 bis 22 Uhr durchgetaktet, auch wenn ich „nur“ sechs Stunden am Tag arbeite. Die meiste Zeit arbeite ich im Home Office, obwohl ich gerne mehr mit meinen Kolleg:innen im Büro zusammen arbeiten würde. Aber die Fahrtwege dorthin würden noch einmal zwei Stunden mehr Zeit beanspruchen, die mir dann mit meiner Tochter fehlen. Einmal in der Woche nehme ich die lange Fahrtzeit in Kauf, wenn Opa die Kleine abholt. Andernfalls wäre meine Tochter acht Stunden und mehr am Tag in der Kita, damit ich Teilzeit vom Büro aus arbeiten kann – das wäre mehr als ein Vollzeitjob für ein Kleinkind!
Sechs Stunden Arbeit – und trotzdem ein Tag ohne Pause
Erst kürzlich habe ich meine Arbeitszeit von 60 Prozent auf 75 Prozent aufgestockt, da sich eine günstige Gelegenheit der beruflichen Weiterentwicklung ergeben hat. Eine Kollegin hat sich in den Mutterschutz und in die Elternzeit verabschiedet und ich habe ihre Aufgaben übernommen – darunter auch die Leitung eines gesamten Arbeitsbereiches. Mir war klar, dass die neuen Leitungsaufgaben eine Chance sind, aber unweigerlich mit einer Aufstockung der Arbeitszeit einhergehen. Seitdem arbeite ich mit einem ständigen schlechten Gewissen meiner Tochter gegenüber. Unser Alltagssystem wurde noch einmal angezogen und es noch wichtiger geworden, dass alle Variablen funktionieren, damit ich den erhöhten Workload zeitlich schaffe. Das bedeutet, dass auch mein Kind innerhalb dieses Systems stärker funktionieren muss. Als ich mit dem Vater meiner Tochter darüber gesprochen habe, dass ich nun mehr arbeite und Unterstützung benötige, kam eine sehr trockene Antwort: „Selbst schuld. Dann kannst du dir eben nicht mehr Arbeit aufhalsen, wenn du sie nicht schaffst!“. Das von jemandem zu hören, der sein Arbeitspensum nie mit mir abgestimmt hat und seit jeher das Pensum von zwei Vollzeitjobs in einer Woche abreißt, ist hart. Selbstverständlich erhalte ich keinen Ausgleich dafür, dass ich weniger arbeite und mehr für unser gemeinsames Kind da bin. Wir waren ja schließlich nicht verheiratet und beim Geld endet dann auch der gute Wille einer guten Elternbeziehung nach der Trennung. Und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass ich ja „nur“ Teilzeit arbeite, um mir meinen Lifestyle zu ermöglichen.
Wer verliert, wenn Teilzeit verschwindet?
Wer profitiert also von der Abschaffung des Rechts auf Teilzeitarbeit? Die Wirtschaft sicherlich nicht, wenn sämtliche sowieso schon überlastete Alleinerziehende noch weiter ausbrennen und schließlich gänzlich auf dem Arbeitsmarkt wegfallen. Die Alleinerziehenden ebenfalls nicht – ganz im Gegenteil: Sie würden dadurch noch mehr benachteiligt als sie es aktuell bereits sind. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Schüler:innen 75 Ferientage pro Jahr haben, Arbeitnehmer aber im Durchschnitt nur 30 Tage Urlaub. Ein Ferienkind mit einer Teilzeitstelle im Home Office zu betreuen, geht für eine begrenzte Zeit gerade noch so. Mit einem Vollzeitjob sähe die Sache schon ganz anders auch. Auch Kitas haben Schließtage, somit betrifft diese Problematik nicht nur Eltern von Schulkindern. Es handelt sich um ein Problem, das alle Eltern betrifft und für das es keinen gesellschaftlichen Rahmen gibt.
Fazit zum Teilzeitmodell: Weniger Geld, weniger Rente – aber keine Alternative
Darüber hinaus stellt sich mir die Frage, wie diejenigen, die nie aus einer Notwendigkeit heraus in Teilzeit gearbeitet haben, über die Abschaffung dieses Arbeitsmodells überhaupt diskutieren können? Teilzeit ist kein Lifestyle, es ist ein Nachteil in der finanziellen Absicherung und in der beruflichen Entwicklung. Wenn ich mit meinem sehr guten Abschluss eine gut bezahlte Vollzeitstelle antreten würde, dann könnte ich mir vermutlich den Lifestyle leisten, von dem in der Politik beim Thema Teilzeit gesprochen wird. So bin ich froh, dass abzüglich der Miete noch genügend übrig bleibt zum Leben. Das ist aber vermutlich auch nur deshalb der Fall, weil ich aufgrund meines hohen Bildungsabschlusses das Glück habe, nicht am Existenzminimum zu leben.
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