Sagt euren Kindern …, dass Mama auch ein Leben hat – Wer sich selbst aufgibt, hat als Mutter versagt

Sagt euren Kindern Mama

Yeah, wir starten mit einer neuen Serie – “Sagt euren Kindern …”! Die Kolumnen laden euch dazu ein, zwar andere Eltern beim Scheitern zu beobachten, aber sich ebenso gut selbst darin wiederzuerkennen, denn wenn man es genau nimmt, sitzen wir alle im selben Elternboot. Die Geschichten zielen mit kritischem Auge auf all die Unzulänglichkeiten, mit denen wir täglich unseren Kindern begegnen, um gleichzeitig das andere Auge auch wieder ganz fest zuzudrücken. 😉 Los gehts!

In den vergangenen 20 Jahren sind meine Freunde und ich erwachsen geworden und das kann ich nicht nur an grauen Haaren und Falten ablesen, ich merke es vor allem daran, dass ich plötzlich Gespräche über die Notwendigkeit von Riesterrente führe. Auch der Wunsch nach Wohneigentum greift um sich und scheint größer zu sein als die Furcht vor eintöniger lebenslanger Erwerbsknechtschaft. Wir tun plötzlich Dinge, von denen ich weiß, dass sie Erwachsene tun. Sehr erwachsen ist z.B. auch Heiraten und Kinderkriegen und dabei frage ich mich oft, wie das passiert, dass wir alle auf einmal so einverstanden sind mit dem scheinbar alternativlosen Lebensmodell unserer Eltern? Und warum bedeutet Erwachsensein für viele, dass man jetzt fertig ist mit Spaß haben?

Erst jung und wild, dann erwachsen und willfährig

Ich habe eine Freundin. Wir kennen uns seit 20 Jahren. Sie ist jetzt auch erwachsen und Mutter. Seither habe ich keine Ahnung, wo meine Freundin geblieben ist. Sie wohnt noch in derselben Stadt und könnte doch nicht weiter weg sein. Ihre Prioritäten haben sich geändert. Sie übernimmt Verantwortung und ist für ihre Kinder da. Sie weiß jetzt, womit dreijährige gern spielen und wann die musikalische Frühförderung am besten beginnen sollte. Alles andere hat sie vergessen! Dabei hat sie mal gewusst, dass man sich auch wunderbar schon vormittags betrinken kann und sie für den neuesten Klatsch und Tratsch am besten selbst sorgt. Als Studentin hat sie morgens im Hörsaal über Kant gestritten und abends in der Fankurve gepöbelt. Diese Frau war ´ne ganz schöne Ansage, heute höre ich von ihr nur noch Absagen. Die schlimmste Absage ist jedoch die Absage an sie selbst, denn der Verrat, der damit einhergeht, wird auch ihre Kinder treffen. 

Amüsierstopp bis zur Scheidung

Hat sich der einstige Freigeist erstmal für die Idee der Familiengründung erwärmen können, ist nicht selten mit dem ersten Kind auch schluss mit lustig und zwar im wahrsten Sinne. Windelwechsel statt Wodkarutsche, Couch statt Club und seine Freunde sieht das junge Glück nur noch bei piefigen Geburtstagsbrunches mit Oberhemd und Orangesaft im Sektglas. „Alles ist so anstrengend.“ sagt meine Freundin, „der Job, die Familie, das Haus – da ist man froh, wenn man abends seine Ruhe hat.“ – Was für eine Scheiße! Wenn ich sie frage, wann sie sich das letzte Mal amüsiert hat, zuckt sie mit den Schultern und faselt was von Erholung im Wellnessurlaub mit ihren Eltern. Wellnessurlaub. WELLNESS! Ich habe nicht gefragt, wann die letzte Probe zur ewigen Ruhe war. Ich wollte wissen, wann sie sich zuletzt lebendig gefühlt hat. „Amüsieren können wir uns später wieder, wenn die Kinder größer sind. Jetzt sind wir eben nur für sie da.“, entgegnet sie mir in heldenhaftem Ton. Ein Leben im Standby? Ich möchte sie schütteln. Es ist nicht nur unfair, die Kinder dafür verantwortlich zu machen, dass man schon mit 35 Rentner spielt, es ist auch Verrat an einem selbst, denn wer glaubt, Jahr für Jahr hinter den Bedürfnissen der Familie zurückstehen zu können, ohne dass das negative Konsequenzen für alle hat, der sollte mal einen Blick auf die Scheidungsstatistik werfen.

Feminismus kommt mir nicht ins Haus

Sehr häufig glauben gerade Frauen, dass sie die Familie zusammenhalten müssen, dass sie die Erziehung und das Familienleben allein managen müssen, dass sie für die Kinder bis zur Selbstaufgabe da sein müssen. So ist eine gute Mutter und wer will keine gute Mutter sein?
Während unser Frauenbild öffentlich saniert wird und mit metoo endlich die ekeligen Griffel sexistischer Machenschaften in ihre Schranken gewiesen werden, erfreut sich das starre Rollenbild der Mutter aus den 50ern immer noch größter Beliebtheit. Mit dem schicken, modernen Feminismus lässt sich wunderbar auf patriarchische Verfehlungen zeigen, die uns unserer Freiheit und Unversehrtheit berauben, aber zuhause beim Partner dafür einzustehen, dass man mal allein in den Urlaub fahren will oder keinen Bock hat, immer den Kuchen für die Kita zu backen, das ist dann nicht drin. Nur zu gern zeigt der Feminismus dieser Tage auf alles vermeintlich Böse, nur an die eigene Nase wollen wir uns nicht fassen. Wie viele Mütter gehen Samstagabend auf eine Party und fordern dann von ihrem Mann, dass er den kompletten Sonntag auf die Kinder aufpassen muss, weil man einfach um 14:00 Uhr noch nicht wieder geradeaus gucken kann. Ich kenne keine Einzige!

Nur zu gern erhöhen sich Mütter selbst, indem sie alles an sich reißen, alles kontrollieren und sowieso alles besser können und dann wundern sie sich, wenn der Vater nicht weiß, wo er Windeln findet. „Meine Kinder lassen sich nur von mir ins Bett bringen.“ sagt die Freundin. Puhh, ja dann wird es höchste Zeit, dass hier mal ein anderer Wind weht. Diese falsch verstandene Verantwortung und Bemutterung sorgt für nichts anderes als einen teilnahmslosen Vater und der wird im Feminismus dann wieder angeklagt, die arme Sau. Dabei leben wir als Eltern ja nicht einfach im luftleeren Raum. Ein kurzer Blick auf das Rollenspiel „Mutter, Vater, Kind“ und man stellt bei seinen Kindern fest: Huch, Papa guckt Fußball und Mama kümmert sich – und da ist er, der Spiegel der ungeschönten Wahrheit. Wenn Mama also nicht bald die immer fetteren Arschbacken zusammenkneift und mal wieder ein bisschen Pepp ins eigene Leben bringt, dann wird der Feminismus sich weiter an der Front abstrampeln, während Zuhause schön die ewig reaktionäre Suppe gekocht wird und zwar von Mutti selbst. Von wem denn sonst?

Männer können´s besser

Das Leben hört mit Kindern doch nicht auf, es geht dann erst richtig los. Ja, die Tage sind lang, ja manchmal schläft man vor den Kindern ein und ja, die Couch und Zweisamkeit sind auch wichtig, aber, liebe Mütter, wenn ihr es euch nicht selbst wert seid, auch ein Leben ohne Kind und Kegel zu haben, wie sollen dann eure Kinder lernen, wie man sich um sich selbst kümmert? Freundschaften hält man nicht mit Herz-Emojis auf Social Media am Leben. Wellness ist kein Erlebnis, das ist eine Dienstleistung, die man kaufen kann. Und Bücher über Selbstliebe braucht man vielleicht weniger, wenn man sich mal ganz selbstverliebt und egoistisch für ein Wochenende davonmacht. Die Kinder überleben das!
Männer sind da oft viel besser. Der Pokerabend, das Public Viewing und der traditionelle Männerkurztrip sind gesetzt und werden vor jedem Angriff durch familiäre Termine so verteidigt, wie die katholische Kirche das Zölibat. Frauen müssen hingegen „erstmal sehen, ob sie´s schaffen“ und sagen dann ganz kurzfristig doch ihr Leben ab. Yoga und Pilates Kurse, die verkaufen sollen, man täte doch etwas für sich, lasse ich hier nicht gelten. Wenn Dir auf dem Sterbebett nur die komplizierte Yoga Pose von Bhavana, der ultrabeweglichen Yoga-Lehrerin einfällt, ist das echt am Thema vorbei. Bereichernde Erlebnisse kann man sich bewusst schaffen, dazu muss man Rausgehen, Leute treffen, offen bleiben für neue Dinge und mal wieder in die Nacht eintauchen. Haben wir nicht alle mal genau das geliebt, was diese Abende gemeinhin mit sich bringen: Rausch, Musik, Entfesselung? Gut, manchmal auch nur schlechte Gespräche, teure Cocktails und ein endloser Heimweg, aber wieso haben so viele Mittdreißiger schon aufgehört, die Möglichkeit eines wirklich berauschenden Abends dem Sofa vorzuziehen? Ausgehen und sich amüsieren darf man nicht verlernen. Spaß muss man sich verdienen. Um seiner selbst willen. Mit meiner Freundin war das immer ein besonderes Vergnügen, weil sie Witz hat und Mut und Unterhaltungen führen kann, die nicht nur unterhalten sondern auch noch von fundiertem Wissen getragen sind.

Club für müde Leute

Dass Menschen jenseits der 30 etwas Hilfe beim Spaßhaben brauchen, zeigt sich auch in Veranstaltungen wie dem Tanztee, der unter Normalbedingungen einmal im Monat stattfindet und für tanzwütige, aber sehr müde Gäste schon um 20:00 Uhr seine Türen öffnet. OK, aber überfordert uns die Nacht denn wirklich schon in der ersten Lebenshälfte? Gibt es deswegen nur noch Brunch und Kaffeetrinken?
Auf einen Kaffee war ich gestern mit der Freundin und als sich ein Mann in der Schlange vordrängeln wollte, hat sie eine Kostprobe ihrer alten Stadionpöbeleien zum Besten gegeben. Als der Typ sich dann konsterniert und murrend hinten anstellte, mussten wir lachen und ich wusste: Sie ist noch da, meine Freundin. Vielleicht kommt sie ja wenigstens mal mit zum Tanztee, denn immerhin ist es jetzt im Herbst um 20:00 Uhr schon dunkle Nacht.

Text: Dea Stein

Fotocredit: pexels // Adrienn

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