Kolumne: Vorsicht, Leben!

Kolumne Vorsicht Leben

Neulich war ich mit meinem Sohn in der Kindernotaufnahme. Der Junge war seit einer Woche krank und hatte immer mal wieder Fieber. Am 6. Tag nach seinem Mittagsschlaf glühte er erneut und ich bemerkte außerdem eine geplatzte Ader in seinem Auge. Sofort machte ich mir Sorgen. Im Internet landete ich mit wenigen Stichworten beim Kawasaki-Syndrom und als nächstes beim Wort tödlich. Panisch setzte ich einen Notruf ab. Wenige Augenblicke später stürzte mein Freund aus seinem Büro, um uns schnellstmöglich ins rettende Krankenhaus zu bringen. Ich hatte getan, was man auf keinen Fall tun sollte: Symptome gegoogelt. So standen wir also mit meinem irritierten Sohn und dem Verdacht auf eine seltene, akute Entzündung der Blutgefäße in der Rettungsstelle. Die Diagnose kam schnell und war eindeutig: hysterische Mutter!

Puh, damit kann ich leben, dachte ich und war froh, mein lediglich erkältetes Kind wieder mit nach Hause nehmen zu können. Schwieriger auszuhalten ist es dagegen, ununterbrochen für das Wohl des Kindes verantwortlich zu sein, ohne je die absolute Kontrolle zu haben. Die Angst um die eigenen Kinder begleitet Erziehungsberechtigte permanent. Bevor ich selbst Mutter wurde, hielt ich z.B. Eltern, die ihre Kleinkinder angeleint spazieren führen, für peinliche Paranoiker. Heute nicke ich diesen Familien verständnisvoll zu, denn ich weiß, an der Leine hängt das Versprechen, dass all die Gefahren wenigstens für einen Moment gebannt sind.

Symptomfreie Allergie

Bei mir manifestiert sich dieses Sicherheitsbedürfnis z.B. in der komplett erfundenen Behauptung, mein Sohn hätte eine Nussallergie. Als in seiner Kita eine Liste aushing, in die Eltern ihre Buffet-Beigaben für ein Fest eintragen konnten, sah ich, dass jemand vorhatte, eine „Nussmischung“ mitzubringen. – Klar, warum nicht gleich Jägermeister oder Klosteine? In meinem Kopf war „Nussmischung“ direkt mit „Erstickungsanfall“ verknüpft. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt: Nüsse sind die häufigsten Fremdkörper, die bei Kindern unter fünf Jahren in die Atemwege gelangen. Sie kauen einfach noch nicht zuverlässig genug. Ich setzte also alles dran, um die Todesmischung vom Kitagelände fernzuhalten. Doch auch das reichte mir nicht. Mein Sohn musste verstehen, dass er keine Nüsse essen durfte. Nach meiner ernsten Gefahren-Ansprache fragte er: „Bin ich allergisch?“ Das war besser als jedes Verbot und so wurde mein Sohn zum symptomfreien Allergiker gegen ganze Nüsse.

Kontrolle trägt, Hoffnung lebt

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor im Leben sind außerdem die Kinder selbst. Man weiß nie, wann sie der Hafer sticht. Es fällt mir wahnsinnig schwer, mich in puncto Sicherheit auf jemanden zu verlassen, der glaubt, dass er in einem Superman-Kostüm fliegen kann. „Zur Not halte ich mich am Fensterbrett fest“ ist keine Antwort auf meine Klarstellungsversuche, die mich gut schlafen lässt. Das Ausmaß seines fehlenden Gefahrenbewusstseins zwingt mich, nach eigenen Lösungen zu suchen. Wenn Situationen Angst, Sorge oder Unsicherheit auslösen, reagiert unser Gehirn mit Strategien, die die Belastung erträglicher machen. Meine Fenstersturz-Ängste besänftige ich zuhause durch abschließbare Griffe und schon in der bloßen Nähe von Wasser wird das Kind rundum in neonorange Luftpolster gehüllt. Ich lebe gut damit! In der Verantwortung für meine Kinder bin ich gerne hysterisch, nervig und anstrengend.

Ich bin quasi die menschgewordene Warnhinweistafel: „Vorsicht, heiß! Vorsicht, rutschig! Vorsicht, Nüsse!“ Doch selbst die beste Dauerwarnanlage stößt irgendwann an ihre Grenzen. Ich weiß, dass ich auf meinen Sohn und seine Fähigkeiten vertrauen muss, wenn er selbständiger werden soll. Er braucht die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen. So kann er lernen, Situationen selbst einzuschätzen und sich sicher in seiner Umwelt zu bewegen. Wenn der Junge also entschlossen ist, mit Taucherbrille und Flossen den Baum hochzuklettern, dann lass ich ihn und sichere ihn ab, so gut ich kann. Im Vorschulalter beginnen Kinder zwar ein erstes Gefühl für Gefahr zu entwickeln, doch die Fähigkeit, Konsequenzen abzuschätzen, ist noch begrenzt. Erst im Grundschulalter lernen Kinder, Regeln mit Gefahren zu verbinden.

Bis die Kinder selbst für ihre Sicherheit sorgen können, besteht die Aufgabe der Eltern also darin, unbedingt einzugreifen, wenn dem Kind Schaden droht und ansonsten das Beste zu hoffen. Ein Vorrat an Pflastern und Kühlpads ist sicher hilfreich.

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