Familieninterview: “Wieviele Kinder hast du? Das ist die allerschwerste Frage für mich“

Familieninterview Schicksalsschläge Potsdam

Wir haben Svea (35) und Thomas (36) mit ihrer Tochter Elva (11 Monate) und ihren zwei Hunden Buddy (7) und Ross (3) in Babelsberg zum Familieninterview getroffen. Das Paar hat bereits mehrere Schicksalsschläge erlitten: Ihre erste Tochter Mila wurde still geboren, in der zweiten Schwangerschaft wurde bei Svea ein Tumor in der Brust gefunden. Wie sie diese schwere Zeit gemeinsam überstanden haben und wie sie ihr Familienleben mit Baby und zwei Hunden wuppen, das haben sie uns in einem berührenden Gespräch in ihrer Küche erzählt.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Svea: Wir haben uns 2018 in einem LGBTQ-Club in Berlin-Friedrichshain kennengelernt. Ich war an dem Abend mit zwei Freundinnen das erste Mal dort. Thomas ging öfter zum Feiern hin, weil der Eintritt so billig war. Er fiel mir aufgrund seiner Größe sofort auf. Da bin ich einfach zu ihm hin und habe ihn gefragt: „Was machst´n du hier?“ Darauf antwortete er: „Frauen aufreißen!“

Thomas: Das war ein Witz.

Svea: Ja, ich fand das ganz witzig und dann haben wir uns draußen im Garten der Bar lange unterhalten. Wir hatten dann auch gleich Nummern ausgetauscht und Thomas ist mit zu mir nach Hause gekommen. Am nächsten Morgen bin ich mit Freunden zur Ostsee gefahren und musste früh aufstehen. Also habe ich ihn alleine in meiner Wohnung gelassen. Ich hatte ihm aber einen Zettel geschrieben, dass er sich gerne am Kaffee bedienen kann und ihm das WLAN-Passwort dagelassen. Eine Woche später haben wir das komplette Wochenende miteinander verbracht und von da an waren wir zusammen.

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Wie ging es dann weiter?

Thomas: Ich habe im Friedrichshain gewohnt, Svea in Neukölln. Ein halbes Jahr später musste ich aus meiner Wohnung raus und bin erstmal zu Svea gezogen. Nach ein paar Monaten haben wir uns eine gemeinsame Wohnung gesucht. Das ging schon alles ganz schön schnell, aber uns war sofort klar, dass das passt.

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Gab es einen romantischen Heiratsantrag?

Thomas: Nee, da war null Romantik. Wir saßen beisammen und haben überlegt, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Wir wollten heiraten und ein Kind bekommen. Da haben wir uns einfach einen Termin für die Hochzeit rausgesucht, das war rein pragmatisch.

Verlief die Hochzeit dann etwas romantischer?

Svea: Die verlief eher turbulent. Wir hatten einen Termin im Mai 2021, also mitten in der Corona-Zeit. Da wir mittlerweile eine neue Wohnung in Babelsberg gefunden hatten, sollte die standesamtliche Hochzeit in der Neuendorfer Kirche stattfinden, danach war eine Party in Berlin geplant. Dann zog sich aber der Lockdown immer weiter nach hinten und wir mussten die ganze Party absagen. Zur Trauung in der Kirche durfte nur unsere engste Familie mit rein. Wir waren dann lediglich im kleinen Kreis in Sveas Heimatstadt Jüterbog in einem Restaurant essen. Die große Party mit über 60 Leuten haben wir dann ein Jahr später nachgeholt.

Bis dahin ist viel passiert. Svea, du wurdest schwanger?

Svea: Ich war zur Hochzeit schon in der 9. Woche schwanger. Und es war die ganze Zeit alles in Ordnung und unauffällig. Im 8. Monat war ich dann wieder bei der monatlichen Vorsorge. Die Gynäkologin machte einen Ultraschall und konnte plötzlich den Herzschlag nicht finden. Sie suchte bestimmt fünf Minuten, fand aber nichts. Daraufhin schickte sie mich sofort mit dem Taxi ins Klinikum. Ich stand so unter Schock, dass ich bis heute nicht weiß, wer dieses Taxi eigentlich bezahlt hat. Ich hatte in der Zwischenzeit meiner Mama geschrieben und Thomas angerufen. Er war gerade in Berlin mit der U-Bahn unterwegs und ist sofort ausgestiegen und umgekehrt.

In der Zeit wurde ich im Kreißsaal von zwei weiteren Ärzten untersucht, die auch keinen Herzschlag finden konnten, und als Thomas dann zur Tür reinkam, bin ich zusammengebrochen. Die Ärzte erklärten uns die nächsten Schritte, also dass die Geburt eingeleitet werden musste und ich kam an den Wehentropf.

Thomas: Ich bin nur kurz nach Hause, habe ein paar Sachen geholt und bin wieder zurück ins Klinikum gefahren. Ich konnte zum Glück dableiben, das war nicht selbstverständlich wegen Corona.

Svea: Ich war unendlich froh, dass Thomas da war, und auch meine Mutter durfte kommen. Es hat ungefähr 15 Stunden gedauert, bis Mila zur Welt kam. Sie war so klein. Das heißt, kurz nach der 23. Woche muss sie aufgehört haben, zu wachsen. Wir durften noch ein paar Stunden mit ihr verbringen. Erst kam eine Fotografin, die Sternenkinder fotografiert, und dann haben wir die ganze Zeit mit ihr gekuschelt. Durch die Hormone war ich total durch den Wind. Ich war glücklich, dass sie da war und ich sie im Arm halten konnte. In diesen Stunden empfand ich keine Trauer. Die kam erst, als wir sie abgeben mussten.

Thomas: Mila kam dann in die Pathologie und wir haben uns zu Hause gleich um die Bestattung gekümmert. Man muss sich bei Sternenkindern entscheiden, ob man eine Sammelbestattung oder eine Einzelbestattung möchte. Das ist so makaber. Bei einer Sammelbestattung hätten wir aber noch ein paar Monate warten müssen, also haben wir uns für eine Einzelbestattung entschieden.

Svea: Da Mila am 15. Oktober geboren wurde, tatsächlich genau am Tag der Sternenkinder, besuchen wir das Grab an jedem 15. des Monats.

Wie seid ihr mit dem schweren Verlust umgegangen? Hattet ihr Hilfe?

Svea: Wir lagen zwei Wochen zusammen auf der Couch und haben Serien geschaut. Das klingt irgendwie absurd, aber es hat gut getan. Ich war einfach so traurig und habe mich immer wieder gefragt: Warum ich? Warum wir? Für mich hat das alles keinen Sinn ergeben. Ich war sauer auf die ganze Welt und habe nur noch patzige Antworten gegeben. Vielleicht war ich einfach sauer auf Thomas, dass er zwei Wochen nach Milas Tod wieder arbeiten gegangen ist. Ich habe ausgeblendet, dass jeder anders mit Trauer umgeht und ihm die Arbeit geholfen hat, mit unserer Situation umzugehen. Irgendwann sagte er zu mir: „Ich kann kein vernünftiges Wort mehr mit dir reden. Wir müssen jetzt irgendeine Lösung finden.“

Meine Hebamme hatte mir eine Therapeutin empfohlen, die auf verwaiste Eltern spezialisiert ist. Bei ihr habe ich mich dann gemeldet und ich war dann für ein paar Monate bei ihr in Therapie. Sie hat mir sehr geholfen, indem sie verschiedene Bilder in meinem Kopf gelöst hat. Ich hatte dieses Bild im Kopf, wie Mila in meinem Bauch um ihr Leben kämpft. Das war für mich so furchtbar. Die Therapeutin meinte dann: „Vielleicht ist sie auch ganz friedlich eingeschlafen.“ Und dann hat es bei mir Klick gemacht, weil mir die Therapeutin damit einen anderen Weg aufgezeigt hat, mit dem ich besser klarkam. Ich war ja sehr abgeklärt und sie hat mir vermittelt, wie wichtig es ist, tief nach innen zu schauen und meine Gefühle, vor allem die Muttergefühle, wahrzunehmen. Ich habe dort auch gelernt, dass es nicht ums Vergessen geht, sondern darum, mit diesem Schicksal zu leben. 

Dadurch wurde es auch zwischen Thomas und mir wieder entspannter, denn ich hatte gelesen, dass sich viele Paare nach dem Tod ihres Kindes scheiden lassen. Und ich wusste sofort: Wir dürfen uns nicht trennen. Wir müssen alles probieren, damit wir uns nicht verlieren. Dank der Therapie ist uns das gelungen. Uns war auch schnell klar, dass wir wieder schwanger werden wollten. Durch die Geburt waren meine Mutterinstinkte so stark, dass ich sofort bereit war.

Doch dann kam ein weiterer Schicksalsschlag dazwischen… Diagnose Brustkrebs?

Svea: Thomas hatte eines Abends an meiner Brust einen Knoten gespürt und wir haben es sofort untersuchen lassen. Die Biopsie und das MRT ergaben dann, dass ich einen Tumor hatte, der die schlimmste Vorstufe von Brustkrebs ist, die man haben kann. Es waren mehrere kleine Tumorherde, die sehr schnell gewachsen sind. Daraus hätte sich in kurzer Zeit Brustkrebs entwickeln können. Die Ärzte rieten uns daraufhin, mit unserem Kinderwunsch zu pausieren, bis die Behandlung abgeschlossen ist. Kurz darauf erfuhren wir allerdings, dass ich bereits wieder schwanger war.

In der Schwangerschaft sind die Therapiemöglichkeiten ja stark eingeschränkt, weil Bestrahlung oder Chemotherapie gefährlich für das ungeborene Kind sein können – wie wurdest du behandelt?

Svea: Dadurch, dass es eine Vorstufe von Krebs war, brauchte ich zum Glück weder Bestrahlung noch Chemotherapie. Aber das Brustdrüsengewebe musste in einer OP komplett entfernt werden. Dafür habe ich ein Implantat eingesetzt bekommen. Zusätzlich wurde ein Gentest gemacht, denn ich hatte keinerlei Risikofaktoren und keine Krebsfälle in meiner Familie. Dabei kam heraus, dass ich zwei Genmutationen habe, die mich zur Hochrisikopatientin machen.

Das ist viel, was ihr in kurzer Zeit verkraften musstet…

Svea: Ja, ich habe gedacht: Scheiße! Nicht schon wieder! Was soll das jetzt? Aber sein eigenes Kind zu verlieren ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Alles andere, was danach kommt, ist im Vergleich dazu nichts. Und ich bin froh, dass der Tumor frühzeitig erkannt wurde und ich mich voll auf die Schwangerschaft konzentrieren konnte. Da ich bereits mit Elva schwanger war, habe ich mit ihr einen Pakt geschlossen: „Ich passe auf dich auf und du passt auf mich auf.“ Das hat mir Kraft gegeben.

Wie verlief die zweite Schwangerschaft dann?

Thomas: Das war ganz klar mit angezogener Handbremse. Während wir bei der ersten Schwangerschaft dachten, uns liegt die Welt zu Füßen, dachten wir jetzt: Hoffentlich geht das gut.

Svea: Bei mir hat es lange gedauert. Meine größte Angst war, dass Mila vergessen wird, wenn alle nur noch über das neue Baby sprechen. Und natürlich die Angst, dass wieder etwas passiert. Ich war dann alle zwei Wochen bei meiner Gynäkologin und wurde sehr häufig untersucht. Ab dem Zeitpunkt, als ich dann länger schwanger war als zuvor mit Mila, konnte ich mich richtig freuen.

Wie habt ihr euch gefühlt, als ihr eure Tochter Elva nach der Geburt das erste Mal in den Armen halten konntet?

Svea: Das erste, was ich gesagt habe, war: „Oh Gott, sie lebt.“

Thomas (lacht): Und danach „Gesundheit“, weil sie geniest hat.

Svea: Es war ein unbeschreibliches Gefühl, wir waren erleichtert. Sie war zwar sehr zart, aber von Anfang an ein sehr gemütliches Baby.

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Werdet ihr Elva irgendwann sagen, dass sie eigentlich eine große Schwester hat?

Svea: Ja, auf jeden Fall. Wir finden es wichtig, das zu thematisieren. Obwohl es mir immer schwer fällt, auf die Frage zu antworten „Wieviele Kinder hast du?“ Das ist für mich die allerschwerste Frage überhaupt. Das ist ja so eine typische Smalltalk-Frage, aber wenn ich sage, ich habe zwei Kinder, dann kommen gleich Fragen nach dem Alter. Und ich will meinen Gesprächspartner ja auch nicht gleich mit so einer tragischen Geschichte belasten.

Thomas: Stimmt, man muss immer abwägen, wie nah einem die andere Person steht. Oft entsteht dann so eine unangenehme Stille, wenn ich von der stillen Geburt spreche. Daher sage ich bei Fremden eher, dass ich nur ein Kind habe.

Svea: Ja, aber in dem Moment, wo ich sage, ich habe nur ein Kind, dann habe ich sofort ein schlechtes Gewissen. Manchmal sage ich auch, ich habe zwei Kinder – eines ist im Himmel und eines ist hier auf der Erde. Und so werden wir es vielleicht auch Elva später mal sagen, dass sie eine große Schwester hat, die im Himmel auf sie aufpasst.

Ein Baby und zwei Hunde, das klingt nach einem turbulenten Alltag – wie teilt ihr euch auf?

Thomas: Das ist relativ entspannt. Wir hatten die Hunde ja schon vorher und mussten uns von Anfang an gut organisieren. Als dann ein Baby dazukam, waren wir sowieso schon sehr gut durchgetaktet. Die beiden haben ihre festen Zeiten zum Gassigehen und Elva hat ihre festen Schlafzeiten. Ich übernehme die Touren mit den Hunden morgens und abends. Mittags und nachmittags geht Svea meist mit den Hunden und Elva raus. 

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Mit Kinderwagen und zwei Hunden an der Leine – wie geht das?

Svea: Gar nicht! Das funktioniert nur, wenn Elva in der Trage ist, dann habe ich die Hände frei. Der eine will hier schnüffeln, der andere dort, da werden die Arme manchmal sehr lang. Einmal pro Woche kommt meine Mama aus Jüterbog und auch Thomas´ Eltern unterstützen uns, indem sie sich zum Beispiel um die Hunde kümmern, wenn wir für ein paar Tage in den Urlaub fahren wollen.

Ihr habt Buddy und Ross aus dem Auslandstierschutz – wie kam das?

Svea: Eine Freundin von mir arbeitet ehrenamtlich bei der Streunerhilfe Bulgarien. Das ist ein Verein, der sich um alte, herrenlose oder in Not geratene Straßentiere in Bulgarien kümmert und neue Besitzer:innen sucht. Als wir ein Foto von Buddy gesehen haben, waren wir sofort verliebt.

Thomas: Eine Woche später kam er schon mit dem Transport zu uns. Wir vermuten, dass er zuvor bei einer Familie gelebt hatte, denn er war sehr friedlich, stubenrein und kannte schon Kommandos. Ross kam als Welpe zu uns. Er hat seine ersten Lebensmonate im Tierheim verbracht und ist Menschen gegenüber eher schüchtern. Beide gehen sehr liebevoll mit Elva um. 

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In welchen Situationen seid ihr euch als Paar uneinig?

Svea: Das sind meistens Kleinigkeiten. Als Thomas krank war, hat es mich so geärgert, dass er keinen Erkältungstee trinken wollte. Einen Abend haben wir uns da sogar richtig gestritten. Aber sonst sind wir uns meistens sehr einig. Die letzten Jahre haben uns einfach sehr zusammengeschweißt.

Vielen Dank für eure Offenheit und Alles Gute!

Kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht, dass bei Svea leider erneut Krebs diagnostiziert wurde. Wir wünschen ihr und der gesamten Familie von Herzen ganz viel Kraft. ❤️

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