Ich bin nicht unfruchtbar, oder? Der steinige Weg zum Wunschkind

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Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht meine Kinder anschaue und denke, was für ein wahnsinniges Wunder sie sind. Wie unglaublich es ist, dass der Körper überhaupt dazu fähig ist, aus der Verschmelzung zweier Zellen eine eigene Persönlichkeit zu kreieren, die in der Hochphase ihrer Autonomie auf dem Boden liegt und schreit, dass ich weggehen soll. Es ist ein Wunder!

Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass dieses Wunder längst nicht immer einen positiven Verlauf hat. Im Gegenteil, ich denke an alle, die aus vielfältigen Gründen keine Kinder bekommen können, die ihre Kinder verloren haben oder die verzweifeln, weil der Kinderwunsch einfach nicht erfüllt wird.

Es gibt so unglaublich viele Geschichten, eine davon möchte ich erzählen. Denn sie ist ganz nah. Es geht um meine Freundin Clara*, um ihren Wunsch nach einem Kind und den schwierigen Weg dorthin.

Liebe Clara, wann hast du zum ersten Mal einen Kinderwunsch gespürt?

Ich war irgendwann selber überrascht davon und habe eine lange Weile gebraucht, es zu verstehen. Mit 33 Jahren hatte ich eine Beziehung mit einer Person, die selber Familie haben wollte und mir beigebracht hat, welchen Wert dieses Miteinander hat. Es gab Männer, mit denen ich es mir vorstellen konnte. Die sind aber nicht geblieben. Als Single war das Thema für mich nicht so präsent, bis mir eine Freundin erzählte, dass sie ihre Eizellen einfrieren lassen hat. Das war ein Realitätscheck und ich spürte, dass ich wissen wollte, wie bei mir der aktuelle Stand in Bezug auf meine Eizellen ist.

Also machte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin aus, um den AMH-Wert (Anti-Müller-Hormon) checken zu lassen. Dieser Wert gibt an, wie groß die Reserve der Eizellen ist, die schon bei der Geburt angelegt und ganz individuell verschieden ist. Dann kam der Schock in Form eines unsensiblen Anrufs der Ärztin. 0,19! Der ‘normale’ Wert liegt bei 1,5. „Mit diesem Wert werden Sie noch nicht mal im Kinderwunsch Zentrum genommen”, so die Aussage der Ärztin. Ich war völlig fertig.

Wie ging es dann weiter?

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Für mich gibt es immer zwei Möglichkeiten im Leben. Entweder man findet sich damit ab, was man hört oder sucht sich einen eigenen Weg. Ab diesem Moment habe ich mich in die Recherche gestürzt und einiges einstecken müssen. Es gab Aussagen aus meinem engsten Umfeld wie „Das musst du einfach akzeptieren!” oder „Du hast dich eben bis jetzt immer in den Job geworfen!”. Ich hatte das Gefühl, dass ich selbst daran schuld war und es hat mir echt den Boden unter den Füßen weggerissen.

Bist du aus diesem Gefühl schnell wieder herausgekommen?

Ich habe mich nicht mit der Aussage der Ärztin abgefunden, sondern meine eigene Suche gestartet. Dabei habe ich auch für mich eine Erklärung gefunden, warum mein Körper geschwächt war und einfach keine Lust hatte, Eier zu produzieren. Im Jahr 2020 hatte ich das erste Mal Covid und es hat mich mächtig erwischt – das volle Programm inklusive Long Covid für einige Monate. Ich war total geschwächt und mein Immunsystem sehr angeschlagen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Sperma nach einer Covid-Infektion beeinträchtigt ist, sich aber auch wieder regenerieren kann. Diese Studie gibt es noch nicht für Eizellen, aber sie hat mir Hoffnung gegeben. Ich hatte ein klares Gefühl: Ich fühlte mich nicht unfruchtbar.

Wie konntest du dieses Gefühl in konkrete Aktionen übersetzen?

Ich habe geschaut, was ich tun kann und alles Mögliche ausprobiert. Eine Freundin von mir lebt in Brasilien und kennt sich mit TCM (Traditionell Chinesische Medizin) in Bezug auf Frauengesundheit und Fruchtbarkeit aus. Ich habe viele Tipps und Ermutigungen von ihr bekommen. Dazu habe ich meine Ernährung komplett umgestellt, Nahrungsergänzungsmittel mit Fischöl und verschiedene Vitamine genommen. Dazu war ich bei einer Expertin für Akupunktur und TCM in Berlin in Behandlung, die mir auch verschiedene Kräutermischungen verschrieben hat. Ergänzend dazu war ihre psychologische Betreuung eine Wohltat und das, was mir gefühlt am meisten geholfen hat.

Es gab noch eine andere Baustelle, die Partnersuche. Denn ich hatte einen Kinderwunsch, war 38 und Single, mit wahrscheinlich nur noch einer minimalen Anzahl von Eizellen. Ungünstige Voraussetzungen, um jemanden zu finden.

Wie war dein erstes Mal in einer Kinderwunschklinik?

Steril, nicht besonders einladend und irgendwie zu künstlich und schick. Hier wurden wieder verschiedene Blutwerte ermittelt. Dieses Mal kam die Aussage: „Sie steuern stramm auf die Wechseljahre zu.” Damals war ich 39 und konnte es einfach nicht fassen. Die Ärztin legte mir kurz und knapp meine Optionen dar. In vier Wochen können wir die Eier entnehmen, danach sind wir im Urlaub. Unten ist eine Apotheke, da bekommen sie die Medikamente und damit können sie morgen starten.

Ich war völlig überfordert, habe aber trotzdem das Medikament gekauft. Anschließend bin ich nach Hause gegangen und habe meine Psychologin kontaktiert, die leider im Urlaub war. Ich konnte die Entscheidung nicht sofort treffen. Als meine Psychologin dann wieder zurück war, riet sie mir dazu, die Behandlung durchzuführen. Bei meinen Vorstellungen von einem Partner würde sie es lieber machen. Ich verstand nicht, was sie meinte. Meine Kriterien bis dato waren, dass man miteinander gut kommunizieren, aber auch Spaß haben kann und es eine gleichberechtigte Beziehung sein soll. Klang für mich nicht so wahnsinnig anspruchsvoll.

Hast du dann noch Eizellen einfrieren lassen?

Ich habe mich an eine andere Kinderwunschklinik gewandt. Bei einer ersten Untersuchung wurden vier Eizellen gesehen. Bei der ersten Entnahme konnte davon nur eine eingefroren werden. Vorher wusste ich nicht, dass, auch wenn vier Eizellen entnommen werden, sich vielleicht nur eine oder sogar keine dazu eignet, eingefroren zu werden. Das war im November 2021, im März 2022 kam die zweite Entnahme. Zu dieser Zeit hatte ich aber schon einen neuen Partner.

Was für ein Start in eine neue Beziehung! Wie stand er dazu?

Er hat schon eine sechsjährige Tochter und das Kinderwunsch-Thema haben wir schon beim ersten Date besprochen. Ich habe ihm ehrlich gesagt, dass ich mir unbedingt ein Kind wünsche, allerdings ohne auf Details einzugehen. Zum Glück konnten wir ganz offen über dieses Thema reden und waren uns beide schnell einig, dass wir Lust haben, zusammen ein gemeinsames Kind zu haben. Allerdings hatte ich den Termin für die Entnahme der Eier schon und war in einem großen Zwiespalt. Noch mal Einfrieren oder nicht? Wir sind also mit einem krassen Thema in die Beziehung gestartet. Mein Partner hat mich bestärkt und gesagt, ich soll es machen, da es von Anfang an mein Plan war. Die zweite Runde: 7 Eier wurden herausgenommen, 3 Eizellen eingefroren, 2 mehr als beim ersten Mal. Meiner Meinung nach haben hier der Zeitabstand und meine Liebeshormone viel geholfen.

Wie genau läuft die Entnahme der Eier ab?

Zur Vorbereitung musste ich mir jeden Tag zwei Spritzen mit Hormonen setzen, die die Eier besser reifen lassen. Die Medikamente sind superteuer, man kann sie aber in Holland oder Frankreich günstiger bestellen. Beim zweiten Mal musste ich zum Glück nur kürzer spritzen, weil die Eizellen schon da waren. Mein Partner war dabei eine riesige Unterstützung.

Die eigentliche Entnahme erfolgt ambulant, aber unter Vollnarkose. Davor hatte ich riesige Angst, weil ich noch nie in meinem Leben operiert worden bin. Ich hatte solche Angst davor, dass mir etwas passiert, dass ich eine Art Testament verfasst und meiner Mutter vorgelegt habe.

Nach der Operation gibt es eine erste Einschätzung des Arztes, aber das offizielle Feedback, wie viele Eier sich wirklich zum Einfrieren eignen, kommt erst später. Eine sehr schwierige Situation war das für mich.

Hattest du Nebenwirkungen vorher oder nachher?

Nach dem ersten Eingriff musste ich Schmerzmittel nehmen, nach dem zweiten Mal habe ich nichts gespürt. Die Hormonspritzen habe ich zum Glück auch gut vertragen. Es hat etwas im Kopf gekribbelt, sonst war nichts.

Nun bist du auf natürlichem Weg schwanger geworden, kurz nachdem du das zweite Mal deine Eizellen einfrieren lassen hast. Wie fühlst du dich?

Ich bin super glücklich und erleichtert. Ich habe keinen Zweifel, dass es genau richtig ist. Jetzt habe ich einen passenden Partner an meiner Seite und ja, ich habe Geld verloren (pro Behandlung insgesamt 4000 Euro) und jetzt den wirtschaftlichen Druck, es alles wieder durch Arbeit reinzuholen. Aber mein Gefühl ist, es ist alles genau richtig. Mit meinem Partner habe ich riesiges Glück und plötzlich ging alles total schnell. Es schien, als wüsste mein Körper auch, dass jetzt die Zeit gekommen ist. Bevor ich schwanger war, hat mein Partner mich gefragt, was sei, wenn ich nicht schwanger werden würde. Würden er und seine Tochter mir reichen? Darauf konnte ich nicht antworten, denn ich wusste es einfach nicht. Aber nun sind wir alle unglaublich glücklich und ich bin sehr dankbar. Für mich wirft mein Partner sein Leben auch noch mal komplett über den Haufen, wechselt seinen Job, seine Wohnung und lässt sich auf ein neues großes Abenteuer mit mir ein.

Was passiert jetzt mit deinen ungenutzten Eizellen?

Sie sind noch eingefroren und ich zahle jährlich 300 Euro dafür, dass sie weiter aufbewahrt werden. Ich habe mit mir selbst den Deal, dass ich noch zwei weitere Jahre dafür zahle. Nur für den Fall, dass wir doch mehr als ein Kind haben wollen und es schwierig wird. 42 ist aber meine Grenze und jetzt konzentrieren wir uns erst mal auf unser erstes gemeinsames Kind.

Wie ordnest du dieses Erlebnis für dich ein?

Es war für mich ein einschneidendes Erlebnis und ich war teilweise ganz schön verloren, habe aber auch viel gelernt. Ich bin Realistin, aber ich habe auch immer daran geglaubt, dass mein Körper sich erholt und es möglich ist. Das war einfach mein Gefühl. Es war aber auch total verwirrend. Zum Beispiel ist dieser AMH-Wert eine Erklärung dafür, wie viele Eizellen noch vorhanden sein können, aber er trifft keine Aussagen über die Qualität der Eizellen. Angeblich kann er sich auch nicht verändern. Bei mir hat er das aber.

In dieser Zeit war es das wichtigste für mich Expertinnen, Freunde und meine Familie an meiner Seite zu wissen, die mir Mut gemacht haben. Und ich habe ganz viel über mich selbst gelernt. Insofern war es eine wichtige Erfahrung.

Vielen Dank für das Gespräch und nur das Allerbeste für euch!

Fehlgeburt Baby Schwangerschaft*Namen von der Redaktion geändert.

2019 erlebte Melina eine Fehlgeburt. Im Interview erzählt sie, wie sie die Zeit danach erlebt hat und was die Gesellschaft besser machen muss!

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