Vorgestellt: Das AWO Büro KINDER(ar)MUT

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Wenn Familien von Armut betroffen sind, leiden auch die Kinder – denn hier geht es nicht nur um grundlegende Bedürfnisse wie Essen und Kleidung, sondern auch um Schulmaterialien oder die soziale Teilhabe, z.B. bei Hobbys oder kulturellen Veranstaltungen. Seit 2018 setzt sich das Büro KINDER(ar)MUT des AWO Bezirksverbandes Potsdam e.V. für die Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen ein. Wir haben die Leiterin Franziska Löffler und die Mitarbeiterinnen Jule Papritz (Beraterin und Projektkoordination, links im Bild) und Doreen Weiner (Öffentlichkeitsarbeit, rechts im Bild) zum Interview getroffen.

„Hinter jeder armutsbetroffenen Familie steckt eine Geschichte.”

Liebe Franziska, du kümmerst dich seit 2012 bei der AWO um das Thema Kinderarmut, was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Das Thema Armut ist präsenter in Politik und Gesellschaft geworden. In meinen Anfängen begegnete mir oft Augenrollen, 2014/15 wurde es zur Bundestagswahl erstmals politisch und dann von der Presse aufgegriffen. Für die Familien selbst ist es dadurch leider nicht besser geworden – im Gegenteil, die Situation hat sich weiter verschärft. Das liegt auch hier in Potsdam vor allem an den steigenden Mieten. Wenn ich Vollzeit arbeite, aber dreiviertel meines Gehaltes allein für die Miete draufgehen, ist das extrem frustrierend. Zwar gibt es neue Unterstützungsmöglichkeiten, gleichzeitig aber deutlich längere Bearbeitungszeiten. Es fehlt an einer Politik, die konsequent auf Chancengerechtigkeit abzielt. Stattdessen wird bei Kultur, Bildung und sozialen Themen oft zuerst gespart – das ist absurd.

Bei euch kümmern sich 13 Mitarbeitende in Voll- und Teilzeit in den verschiedenen Stadtteilen um die unterschiedlichen Projekte – könnt ihr kurz vorstellen, was ihr genau macht?

Franziska: Unser Herzstück ist die Beratungsstelle für armutsbetroffene Familien in unserem Büro im Westturm des Hauptbahnhofs und dezentral in verschiedenen Potsdamer Stadtteilen. Zunächst geht es darum, die Existenzgrundlage der Familie zu sichern. Wir beraten, füllen gemeinsam Formulare aus und führen Telefonate. Wenn beim Thema Existenznot etwas Ruhe eingekehrt ist, schauen wir über den finanziellen Tellerrand hinaus auf den Familienalltag und überlegen, wie wir weiter unterstützen können.

Jule: Viele sind überrascht, was wir alles ermöglichen und herausgeben können – vom Schwimmkurs, Schulmaterial bis hin zu Laptops für die Facharbeit.

Du arbeitest in der Beratung – wie erlebst du die Familien, die zu dir kommen?

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Jule: Finanzielle Not ist ein sehr sensibles und schambehaftetes Thema. Viele haben das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein, obwohl sie arbeiten gehen und ihr Bestes geben. Dadurch ist die Hürde, Hilfe zu suchen, sehr hoch. Oft beginnt es mit dem Satz: „Ich habe mich erst nicht getraut, jetzt bin ich doch hier.“ Beim gemeinsamen Ausfüllen der Formulare muss man viel offenlegen, Ängste und Scham überwinden. Wir bestärken die Familien und geben ihnen das Gefühl, mit der herausfordernden Bürokratie und auch mit den langen Wartezeiten nicht allein zu sein. Dafür haben wir ein Team großartiger und sensibler Beratender. Wir arbeiten niedrigschwellig, mit kurzen Wegen, auch telefonisch, und bieten flexible Termine an, zum Beispiel für Alleinerziehende, die Vollzeit arbeiten und manchmal auch ihr krankes Kind mitbringen müssen.

Franziska: Bei uns braucht es keine Schamgrenze – alle sind herzlich willkommen. Einfach anrufen oder uns bei unseren Veranstaltungen ansprechen. Zum Beispiel veranstalten wir täglich ein Stadtteilfrühstück in jeweils einem anderen Stadtteil. Armut ist nicht nur finanzielle Armut, sondern oft auch Einsamkeit. Manche haben Hunger, andere sind einsam – häufig geht beides Hand in Hand.

Ihr werdet teilweise von der Stadt oder Projektfonds finanziert, aber einige eurer Angebote laufen auch komplett über Spenden, richtig?

Franziska: Ja, und es ist großartig zu sehen, wie viele Privatpersonen und Potsdamer Unternehmen unsere Arbeit verfolgen und unterstützen möchten. Es gibt Menschen, die seit zehn Jahren monatlich zehn Euro spenden – das berührt mich sehr. Oder Unternehmen, Initiativen und Serviceclubs, die uns seit Jahren begleiten. Mit den Spenden finanzieren wir zum Beispiel die „Wellenreiter“-Schwimmkurse, bei denen jedes Jahr rund 40 Kinder ihr Seepferdchen machen. Oder unser Projekt „Frühblüher“, das Jugendlichen ab 12 Jahren Freizeitaktivitäten wie Musikschule oder Sportverein ermöglicht. Dort haben sie Zeit nur für sich, können sich ausprobieren und gemeinsam mit Freund:innen trainieren. Das ist enorm stärkend. Auch die Spenden für Schulmaterial und Schulranzen sind jedes Jahr sehr wichtig.

Was erfüllt euch besonders in eurer Arbeit?

Jule: Die Beratung und was ich dort so erlebt habe. Große Verzweiflung, Trauer, aber auch große Dankbarkeit und leuchtende Kinderaugen. Das geht so ins Herz, das ist unfassbar erfüllend und befeuert mich, weiterzumachen.

Doreen: Mich freut es, wenn sich Menschen mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Wenn zum Beispiel Schulklassen zu uns kommen, weil Kinderarmut gerade im Unterricht behandelt wird, und wir darüber sprechen: Was ist Armut, woran erkennt man sie? Oft ist sie nach außen gar nicht sichtbar. Aber in jeder Klasse gibt es Kinder, die in armutsbedrohten Familien leben – auch in vermeintlich besser gestellten Stadtteilen. Dieses Thema muss aus dem Schattendasein herausgeholt werden.

Franziska: Jedes neue Projekt ist für mich ein Herzensprojekt, weil es aus konkreten Bedürfnissen der Menschen entsteht. Man bekommt viel zurück – etwa wenn mir ein Kind stolz sein Seepferdchen zeigt. Drei- bis viermal im Jahr laden wir Familien über das Projekt „Lass es flimmern“ ins Kino ein. Ich bin fast immer dabei und sehe Kinder, die sich schick gemacht haben und vor Aufregung kaum schlafen konnten, weil sie zum ersten Mal ins Kino gehen. Wir helfen aber nicht nur direkt, sondern verstehen uns auch als politische Lobby für armutsbetroffene Familien, die sonst keine haben. Jedes gute Gespräch mit Politiker:innen erfüllt mich – wenn die Notlage verstanden und politisch eingebracht wird, sei es in der Stadtverordnetenversammlung, im Landtag oder sogar im Bundestag.

Wenn ihr einen Wunsch frei hättet – was wäre das?

Jule: Ich wünsche mir, dass sich das Bild von armutsbetroffenen Familien in der Öffentlichkeit verändert. Wir werden hier mit viel Ungerechtigkeit und Diskriminierung konfrontiert. Das Vorurteil, dass Armutsbetroffene alle beim Jobcenter sind, den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen, rauchen und nichts machen wollen, stimmt einfach nicht! Das sind keine Menschen zweiter Klasse! Die meisten arbeiten, geben ihr Bestes und leisten enorm viel. Hinter jeder armutsbetroffenen Familie steckt eine Geschichte.

Franziska: Ich wünsche mir, dass sich viele Eltern für die Kurse unserer neuen Elternschule anmelden. Außerdem brauchen wir mehr Ehrenamtliche, insbesondere für unser Projekt Bildungsbegleitung von Kindern und Jugendlichen. Vom Studierenden bis zum Rentner sind alle herzlich willkommen, die Lust haben, ein Kind mindestens einmal in der Woche zu betreuen. Der Bedarf hier ist enorm, unsere Warteliste sehr lang. Die Aufgaben sind individuell und vielseitig: Hausaufgabenhilfe, Lesen üben, Motivation, Unterstützung bei der Suche nach einem Praktikums- oder Ausbildungsplatz.

Doreen: Das klingt vielleicht komisch, aber ich wünsche mir, dass es das Büro Kinderarmut irgendwann nicht mehr gibt – weil es nicht mehr gebraucht wird. Dass wir als Gesellschaft Kinderarmut überwunden haben und Chancengerechtigkeit für alle Realität ist.

Das wäre großartig. Wir danken euch für das Interview und eure wertvolle Arbeit auf dem Weg dorthin.

Das AWO Büro KINDER(ar)MUT

Ihr braucht Hilfe?

Adresse Beratungsstelle:
Babelsberger Str. 12
Bahnhofspassagen, 5. OG, Westturm
14473 Potsdam

Öffnungszeiten: Mo–Do 8:30–16 Uhr
Telefon: 0331 200 76 310
Mail: buero-kindermut@awo-potsdam.de

Beratungsangebote, z.B. zu

  • finanziellen Unterstützungsleistungen für Familien wie Kindergeld und Kindergeldzuschlag, Bildung- und Teilhabe, Wohngeld, Bürgergeld, Unterhaltsvorschuss, Stiftung “Familien in Not” oder Schüler-BaFög (Klasse 11–13)
  • Hilfe bei den Schulanmeldungen Grundschule und erweiterte Schule (offene Sprechstunden ohne Termin in den Februarferien)
  • Sachleistungen
  • Vergabe von Schulranzen und -materialien
  • Verleih von digitalen Endgeräten wie Laptops oder Tablets
  • kostenfreies Basteln von Schultüten in verschiedenen Kindergärten in den Stadtteilen Schlaatz, Stern/Drewitz und Waldstadt
  • Unterstützung bei der Ausübung eines Hobbys
  • kostenfreie ärztliche Sprechstunde
  • Integrationsangebote und interkulturelle Erlebnisse

Termine:

  • Brunch für Alleinerziehende: 8.2., 8.3., 12.4. (EJF Familienzentrum Bisamkiez), 13.9. (AWO Haus Alte Druckerei), 11.10., 29.11. (EJF)
  • Elternworkshops in Präsenz und digital
  • wöchentliche Stadtteilfrühstücke
  • für Jugendliche: Junge Plattform (-> awo-jp.de, @awo_junge_plattform)

Ihr möchtet helfen?

Geldspenden unterstützen z.B. Projekte wie:

  • Wellenreiter-Schwimmlernkurse
  • “Lass es flimmern” Kinobesuche
  • Anschaffung von Schulmaterialien

Spendenkonto:
AWO Bezirksverband Potsdam e.V.
IBAN DE71 160 800 00 4200 752607
BIC DRESDEFF160
Verwendungszweck: Büro Kinderarmut (oder spezielles Projekt)

Sachspenden: Schulranzen und -materialien (neu oder neuwertig) können jederzeit im Büro abgegeben werden.

Ehrenamt: Bildungsbegleitung (siehe Interview)

Mehr erfahrt ihr unter → buero-kindermut.de und bei Instagram unter @awobuerokindermut

Weitere Einblicke in Potsdams Hilfsangebote:

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