Grobe Schuhe! Schnurstracks in Richtung Trotzphase

Kolumne Eltern Kinder Trotzphase

Die Leute sagen, das Kind ist aus dem Gröbsten raus, wenn man ihm sein erstes Paar Schuhe kauft. Genauso gut kann man behaupten, es wäre das Gröbste schon geschafft, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist. Mit neuen Schuhen geht es nämlich schnurstracks in Richtung Trotzphase und auf dem Weg dorthin läuft uns nicht mehr nur die Zeit davon, sondern auch noch das Kind. Seit dem Wechsel vom Arm an die Hand interessiert sich das Kleine in der Trotzphase nur noch sehr wenig für unseren Führungsanspruch. Planlos, aber energisch folgt es absolut jedem Impuls und ignoriert im Flippermodus stur sämtliche Terminverpflichtungen oder Zielvorgaben durch erwachsene Tagesplanung. Der beschuhte Leichtfuß bestimmt jetzt sowohl über Tempo als auch Richtung, sodass wir wieder viele neue Erfahrungen machen dürfen – ob wir wollen oder nicht.

Rache ist Wurstbrot

In der Kita oder Tagespflege haben wir andere Eltern kennengelernt und verbringen nun vielleicht die Nachmittage zusammen, wenn die Kinder sich besonders gerne mögen. Zusammen besucht man spannende Orte wie den Indoor-Spielplatz, Elterncafés mit Rutschen oder das Autohaus zum Kinderschminken – scheißegal, Hauptsache irgendwie Beschäftigung und weg vom aktuellen Lieblingsbuch des Nachwuchses. Spätestens nach vier Wochen wird die zuckersüß illustrierte Geschichte vom kleinen Schweinchen im Biofarbdruck zur Wiederholungshölle und man stellt erschrocken und beschämt fest, dass 10 Seiten Bauernhoftiere so viel Widerwillen in einem auslösen können, dass man fortan mit einem diffusen Rachegefühl ins Wurstbrot beißt.

Leider hält die Trotzphase aka das sogenannte „Überraschungsalter“ außerdem die Entdeckung der hiesigen Kindernotaufnahme und des Kinderärztlichen Bereitschaftsdienstes bereit. Fieber oder Ausschlag kommen nämlich ebenso plötzlich wie: “Überraschung! Da komm´ ich ab heute ran!“-Verletzungen. Mit einem fiebrigen Kind gehen wir besorgt zum Arzt, mit einem versehrten kommt man vor lauter Schuldgefühlen kaum noch durch die automatische Tür und müsste eigentlich gleich mitbehandelt werden. Ist man mit dem Schrecken davongekommen und hält auf der Rückfahrt die kleine Hand, ist die Aussicht auf einen Nachmittag mit den 10 Seiten Bauernhoftieren auf einmal unschlagbar.

Wie bitte?

Hand in Hand mit einem heranwachsenden Kind geht auch die Entwicklung zu einer neuen Sprachqualität. Sätze wie: „Den Kartoffelbrei nicht in die Hose stecken!“ oder „Hör auf, den Toilettendeckel abzulecken!“ waren noch bis vor kurzem semantische Undenkbarkeiten. Einmal drin in der sprachlichen Auffälligkeit, geht der Trend jedoch steil bergab. Während der Sprachlerner niedliche Wortschöpfungen produziert, scheinen die Eltern dem Wahnsinn verfallen. Statt „ich“ zu sagen, reden Erwachsene von sich selbst nun in der dritten Person, sprechen das Kind ausschließlich mit Artikel an und leiden zudem unter zwanghafter Verniedlichung. Das klingt dann ungefähr so: „Der Papi macht dem Noah jetzt noch die Kacki aus der Hose.“ Wow! 3 Fremdsprachen, 16 Semester Medienwissenschaften, 2 Jahre Work and Travel in Südamerika und dann das! Die Retourkutsche kommt in circa 14 Jahren in Form von Jugendsprache, aber bis dahin sollten wir versuchen, unsere rhetorische Würde wiederzuerlangen und uns die Wohnung zurückerobern. Ein Leben im Kinderspielzeug-Chaos, mit Gummiecken und Schrankschlössern ist die eine Sache, aber ein aus Verzweiflung zugetapter Plattenspieler oder unfreiwillige Wandmalerei sind eine Zumutung.

Wenn das Gröbste dann irgendwann geschafft ist, müssen alle Beteiligten nur noch die Pubertät überstehen. Vielleicht ist man gut beraten, die ersten Schuhe für diese Zeit aufzuheben, um sich mit ihnen daran festzuhalten, dass es schon irgendwie vorbeigehen wird.

Text: Andrea Glaß 

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