“Man muss nicht gleich alles von Anfang an können!”

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Kurz vor dem ersten Lockdown haben Anne (34) und Frank (33) erfahren, dass sie im November 2020 Eltern werden. Durch Corona mussten sich die beiden, die ihr erstes Kind erwarteten, noch mit zusätzlichen Fragen und Ängsten auseinandersetzen. Was es bedeutet, in einer Pandemie ein Baby zu erwarten, haben sie uns im Interview verraten. 

Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurem süßen Niel. Wie geht es euch viereinhalb Wochen nach der Geburt?

Anne: Uns geht es richtig gut. Wir haben uns jetzt langsam eingespielt und wissen, was wir tun müssen, wenn mal ein Pups quer sitzt! 😉 Das Stillen klappt auch richtig gut. Ich habe sogar zu viel Milch und hatte letzte Woche leider auch einen Milchstau. Von Schlafmangel kann ich aufgrund der Glückshormone gerade noch nicht sprechen. 

Und wie verlief deine Schwangerschaft?

Anne: In den ersten Monaten hatte ich mit der typischen Übelkeit zu kämpfen. Aber da wir uns zu dieser Zeit mitten im ersten Lockdown befanden, konnte ich mich gut ausruhen und musste keine Termine absagen. Wir wollten es zu dem Zeitpunkt natürlich auch noch niemandem verraten und so bekam auch keiner mit, dass es mir gerade nicht so gut ging. 

Im Großen und Ganzen habe ich mir die Schwangerschaft viel anstrengender vorgestellt. Da hatte ich wirklich Glück! Ich habe fast bis zum Mutterschutz gearbeitet und weiterhin Yoga und Sport gemacht. Ich war richtig fit und hatte auch keine Probleme (hier kommt ihr zum Style the bump-Interview mit Anne #ssw40).

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Wie groß war in dieser Zeit eure Angst vor Corona?

Anne: Ich habe mir die ganze Zeit Gedanken gemacht, aber man kannte die Gefahren ja nicht. Es war einfach zu abstrakt. Als die Infektionszahlen im Herbst dann wieder stiegen, wurde meine Angst dann doch größer. Ich wollte auf keinen Fall bei der Geburt Corona haben. Andere Mütter haben das durch ihr Sorge noch verstärkt, auch wenn sie es nur gut meinten, aber sie haben mir Warnungen und Artikel geschickt, die ich weitestgehend ignoriert habe. Es bringt ja auch nichts, wenn man sich verrückt macht. Das tut einem selbst und auch dem Ungeborenen nicht gut. Ich war einfach während meiner ganzen Schwangerschaft vorsichtig und habe das so gut es ging auch von Frank und meinem Umfeld eingefordert.

Frank: Corona war am Anfang ein Thema und dabei sehr positiv. Dadurch das man sowieso niemanden treffen konnte, war es nicht schwer die Schwangerschaft bis zum dritten Monat für sich zu behalten. Durch diese und auch die folgende Zeit, war das Gefühl, ein Baby zu erwarten, immer erstmal eine Sache zwischen Anne und mir, ohne viele Einflüsse von außen. Das würde ich mir mit oder ohne Corona immer wieder so wünschen. 

Wusstet ihr denn überhaupt, ob Frank mit in den Kreißsaal darf? 

Anne: Das die Männer beim ersten Lockdown irgendwann nicht mehr in den Kreißsaal durften, war uns bekannt. Wir haben uns dann immer positiv eingeredet, dass die Anwesenheit der Männer im Kreißsaal wohl das letzte sein wird, was sie verbieten werden. Und das hat dann ja auch seine Berechtigung. Ich durfte ihn erst rufen, als der Muttermund fünf Zentimeter geöffnet war. Das wusste ich aber erst, als es soweit war. Das war zu dieser Zeit eine feste Regel, aber vorher konnte mir auch keiner sagen, wann und wie Frank dabei sein konnte. Die Situation konnte sich ja jeden Moment ändern, also wollte sich auch niemand festlegen.

Frank: Mich hat ehrlich gesagt der Gedanke mehr gestresst, wie wir zum Kreißsaal hinkommen. Das ich mit rein darf, da war ich mir sicher. Da wir kein Auto hatten und ich mir nicht sicher war, ob die Potsdamer Taxis auch “Storchenfahrten” machen, haben wir uns ein Auto geleast, das aber erst nach der Geburt geliefert wurde. Als Annes Fruchtblase geplatzt ist, hatte sie keine Wehen und wir sind zu zweit zum Krankenhaus gelaufen. Von der Weinbergstraße am Park Sanssouci entlang und an vielen gemeinsamen Erinnerungen vorbei. Besser hätte es nicht sein können.

War das für dich okay oder hättest du lieber jemand an deiner Seite gehabt?

Anne: Wenn ich ehrlich bin, war es zwischendurch auch angenehm, alleine zu sein. Besonders als ich auf die stärker werdenden Wehen gewartet habe. Zu zweit hätten wir uns nur noch mehr verrückt gemacht und ich hätte mich verpflichtet gefühlt, ihn teilhaben zu lassen. So konnte ich mich mit Filmen und Musik ablenken. Die ganze Geburt hätte ich mir ohne Frank aber auch nicht vorstellen können. Als er dann auf dem Weg in den Kreißsaal war, kamen mir die Tränen, weil ich sehr erleichtert war, von da an nicht mehr allein zu sein. 

Frank, was hast du in der Zeit gemacht, als Anne im Krankenhaus war? Und was ging in deinem Kopf vor?

Frank: Das war sehr unwirklich, ich hatte in der Nacht noch alle Termine abgesagt, bevor klar war, dass da jetzt nicht gleich weitergeht. Also bin ich um drei Uhr wieder nach Hause und erst am Abend wieder in das Krankenhaus zurück. Dazwischen hatte ich auf einmal freie Zeit und wusste gar nicht, wo die auf einmal herkam. Ich bin dann durch die Stadt gelaufen und habe für Anne leckere Sachen gekauft. Dabei habe ich noch einen Bekannten getroffen und ihm erzählt, dass ich heute Vater werde – der hat sich wahrscheinlich auch gefragt, warum ich dann auf der Brandenburger Straße und nicht im Kreißsaal bin.

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Und musstest du nach der Geburt wieder nach Hause gehen? Wie war das für dich? 

Frank: Das war irgendwie ganz okay, denn wir hatten ja keinen Vergleich, wie es sonst abläuft. Ich wusste ja auch, dass es Anne und dem Baby dort gut geht. Ich bin nach Hause gelaufen und war noch so voller Emotionen, da wäre ich gerne noch mit irgendwem irgendwo eingekehrt, aber da hatten die Bars ja schon wieder alle geschlossen. Also habe ich zu Hause eine Flasche alkoholfreien Wein getrunken, mehr hatten wir nicht da.

Durftest du die zwei in den nächsten Tagen im Krankenhaus überhaupt besuchen?

Frank: Ja, jeden Tag so zwei Stunden. Die Schwestern haben da auch nicht so genau auf die Uhr geschaut. In der anderen Zeit habe ich eher alles drum herum organisiert, damit alles fertig ist, wenn Anne mit dem Baby nach Hause kommt. Wir wollten am Anfang auch ein Familienzimmer haben, weil man als Eltern am Anfang denkt, man müsste alles zusammen machen. Am Ende war es gut so wie es war.

Anne: Ich habe die Ruhe dort sehr genossen. Ich konnte mich voll und ganz auf mein Baby konzentrieren und mich an meine neue Rolle gewöhnen. Auf der Station war ganz wenig los und eine Hebamme meinte auch erfreut, dass die Stillquote steigt, da die Frauen im Krankenhaus mehr Ruhe haben.

Hättest du gern mehr Zeit im Krankenhaus verbracht, um dich an deine neue Rolle als Papa zu gewöhnen?

Frank: Nein, das ich Papa werde, wusste ich ja schon länger. Bei der Geburt kam ich mir zwischendurch auch schon sehr nutzlos vor, da Anne nicht so der Typ “Händchenhalten” ist. Das wäre im Familienzimmer ja auch nicht groß anders gewesen. Von daher habe ich meine Aufgabe eher darin gesehen, Ruhe auszustrahlen und zum Beispiel die ganze Kommunikation mit den Familien und Freunden zu übernehmen. Meine große Zeit als Papa wird schon noch früh genug kommen.

Anne, hast du eigentlich an einem Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen?

Anne: Nein, man konnte ihn nur online absolvieren und das war mir zu aufwendig und kompliziert. Der Geburtsvorbereitungskurs ist sehr zeitintensiv und da ich noch so lange arbeiten war, habe ich mir dafür nie die Zeit genommen. Ich habe mir dann kurz vor der Geburt noch ein paar Videos angeschaut, was mir schon noch was gebracht hat. Ich habe mich dann unter der Geburt besser an die Atemtechniken aus den Videos erinnert. 

Würdest du es jetzt anders machen? Bereust du es, keinen Kurs absolviert zu haben?

Anne: Nein! Ich wüsste nicht so recht, was mir so ein Kurs gebracht hätte. Ich hatte aber auch Freundinnen, die gleichzeitig mit mir schwanger waren und mit denen habe ich mich dann ausgetauscht. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich über die einzelnen Phasen der Geburt sehr sorgfältig belesen habe und mit Youtube-Videos dann die Atemtechniken üben konnte. Ich fand es sehr hilfreich, zu wissen, wann welche Phase eintritt und was auf mich zukommt, um das dann auch der Hebamme im Kreißsaal mitteilen zu können. 

Hattest du Bedenken oder Angst vor der Geburt?

Anne: Ja, natürlich besonders vor den Schmerzen oder das etwas schief geht. Aber der Trend, der aktuell in den sozialen Medien vertreten ist, die Geburt positiv anzugehen, hat mir sehr geholfen. #empowering 

Was bedeutet das genau? Welcher Ansatz wird dort vertreten? Und wer hat dich besonders inspiriert?

Anne: Ich folge der Geburtsfotografin Eva Rose Birth evarosebirth auf Instagram. Sie zeigt realistische Fotos von Geburten, die ich so vorher nicht kannte. Ich fand es sehr hilfreich, mich über Social Media über die Geburt zu informieren und Erfahrungsberichte zu lesen. Der Trend an der Geburt, je nachdem welcher Typ man ist, mitzubestimmen und am Geburtsprozess mitwirken zu können hat mir geholfen, die Angst vor und nach der Geburt besser verarbeiten zu können. 

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Hattet ihr Bedenken vor dem Elternsein oder seid ihr da auch ganz entspannt rangegangen?

Anne: Ich hatte Bedenken davor, dass ich das alles vielleicht nicht schaffe und hoffte, dass es mir auch Spaß macht. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch. Ich arbeite gern und ich gehe auch gern den Dingen nach, die mir Spaß bereiten. Ich hatte schon etwas Angst davor, inwieweit mich das Mamasein einengt und auch überfordert. Momentan genieße ich es aber sehr, denn ich habe ja auch im Hinterkopf, das alles endlich ist. 

Frank: Ja, weil ich auch einige enge Freunde habe, die keine Kinder haben oder wollen und damit sehr glücklich sind. Auf der anderen Seite glaube ich, dass wir uns ein Leben lang gefragt hätten, wie das Leben mit Kindern gewesen wäre. Es war also eine sehr bewusste Entscheidung mit allem was am Ende eben dazu gehört.

Und wie war die erste Zeit mit Niel?

Anne: Sehr schön, aber natürlich auch sehr aufregend. Ich habe es mir aber wesentlich anstrengender vorgestellt. Die Aufgaben sind einfach so klar. Vorher habe ich fast nur mit dem Kopf gearbeitet und jetzt arbeite ich einfach Dinge ab, die klar sind, wie zum Beispiel Windeln wechseln, stillen oder spazieren gehen. 

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Hast du dich auf deine neuen Aufgaben mit Baby vorbereitet? Wusstet du vorher schon ganz genau, wie alles funktioniert?

Anne: Nicht so wirklich, ich habe keine Bücher gelesen und mich auch nicht im Internet verrückt gemacht. Ich mache mir bis heute keinen Stress. Ich verlasse mich da voll und ganz auf meine Hebamme. Durch mein Unwissen hat sie sicherlich ein bisschen mehr zu tun, aber ich nutze auch jetzt die Pausen, wenn das Baby schläft, viel lieber für mich. Sie ist toll, denn sie zeigt mir, wie ich Niel baden soll, wie ich ihn in der Babytrage richtig trage und vieles mehr. Sicherlich gibt es da andere Mütter und Väter, die vor der Geburt schon perfekt vorbereitet sind, aber ich verlasse mich da komplett auf sie. Ich finde, Eltern sollten viel mehr auf die Fähigkeiten und Tipps der Hebammen vertrauen und sich nicht vorher schon mit allen Themen verrückt machen, denn dann kann man auch viel besser auf sich selber aufpassen. 

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Ihr seid ja schon seit sechs Jahren verheiratet. Hat sich eure Partnerschaft durch Niel verändert?

Anne: Ja, wir müssen uns nun immer gut absprechen und alles aufeinander abstimmen. Das mussten wir vorher nie, da wir zusammengearbeitet haben und uns ja dort regelmäßig gesehen haben. Das Gute ist, dass Frank durch Corona gerade viel von zu Hause aus arbeitet und wir uns dadurch besser reinfuchsen können. Aber ich glaube, bei Männern dauert es meistens ein bisschen länger, bis sie mehr Verantwortung für das Baby übernehmen. Wir Frauen müssen uns nach der Geburt ja sofort 24 Stunden um das Baby kümmern. Ich habe ein riesiges Verpflichtungsgefühl und wünsche mir manchmal, dass Männer das auch schneller hätten. Die Zeiteinteilung ist noch unsere größte Schwachstelle, so dass jeder mal beim Baby ist und Verantwortung übernimmt, während der andere Zeit für sich hat. 

Frank: Ein guter Freund, der schon Papa ist, hat mal zu mir gesagt, dass spätestens, wenn man nachts mit Schlafmangel gemeinsam am Kinderbett stehst, alle Dinge hoch kommen, die in der Beziehung nicht geklärt sind. Ich habe versucht, das zu beherzigen und vorher alle Themen gemeinsam oder für mich auszuräumen, die potenziell zwischen Anne und mir stehen können. Das und sechs Jahre Ehe trägt sehr dazu bei, dass wir auch jetzt noch genau wissen, was wir aneinander haben, auch wenn wir dafür erstmal ein paar Jahre weniger Zeit haben werden.

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Habt ihr noch ein paar Tipps für Eltern, die bald ein Baby erwarten?

Anne: Ja, klar! Sprecht offen mit eurem Partner, was ihr euch für die Geburt wünscht. Und dann natürlich: Macht euch nicht so einen Stress! Das ist leichter gesagt als getan, aber lasst euch nicht von eurem Umfeld, den Meinungen und Erwartungen anderer unter Druck setzen – bleibt entspannt. Es gibt für alles die richtige Zeit. Man muss nicht gleich alles am Anfang können müssen. Und man muss auch nicht vor der Geburt schon alles fertig haben. Es ist viel sinnvoller, die Zeit für sich zu nutzen. Ich habe auch bis zum Ende gezeichnet und gebastelt. Ich glaube, das ist mein wertvollster Tipp!

Und wie organisiert ihr eure Babybesuche? Das ist ja in den Zeiten von Corona wirklich schwierig. 

Anne: Eigentlich habe ich bei jedem Besuch ein schlechtes Gewissen. Ich will der Familie und den Freunden nicht absagen, aber wenn sie kommen, geht es mir auch nicht gut. Es ist wirklich total verzwickt, denn die Großeltern wollen natürlich ihr neues Enkelkind kennenlernen. Ich kann leider auch einfach schlecht nein sagen. 

Und was ist aktuell mit Baby die größte Herausforderung? 

Anne: Mir ein Essen zu organisieren (lacht). Ich würde gerne regelmäßig, gut und ausgewogen essen und nicht zwischendurch schnell mal was Ungesundes. Natürlich bleibt auch der Haushalt liegen, aber das ist gerade nicht so wichtig. Und alle ersten Male sind herausfordernd. Unser erster Besuch beim Kinderarzt oder der erste Ausflug mit dem Auto und Planungen sind aktuell sowieso fast nicht möglich!

Liebe Anne, lieber Frank, vielen Dank für das interessante Interview und alles Gute für euch!

Foto (Kreißsaal): privat

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