Inge Naundorf über Brustkrebs und die Busenfreundinnen

„Es macht einfach verdammt viel Spaß, noch am Leben zu sein.“

Vor ein paar Tagen traf ich Inge Naundorf in einem Babelsberger Café. Sie schrieb mir kurz nach unserem Online-Gang eine Mail und informierte mich über die Busenfreundinnen in Potsdam. Die Busenfreundinnen sind eine Selbsthilfegruppe für junge Mütter, die an Brustkrebs erkrankt sind. Darüber musste ich natürlich mehr erfahren. 

Pola: Liebe Inge, bitte stell dich doch einmal vor. 

Inge: Hallo, ich heiße Inge Naundorf und ich bin 51 Jahre alt. Ich bin gebürtige Österreicherin und vor 16 Jahren eher zufällig in Potsdam gelandet. Vor 15 Jahren hatte ich meine erste Brustkrebs-Diagnose. Zu dieser Zeit hatte ich drei kleine Kinder. Das war damals ein richtiger Schock, denn mit Mitte 30 fühlt man sich eher unsterblich. Ich hatte das große Glück, in einer Mutter-Kind-Kur gelandet zu sein, die speziell für junge Mütter mit Brustkrebs gestaltet worden ist. Auf dieser Kur habe ich festgestellt, dass es mir sehr hilft, mich mit anderen Frauen in meinem Alter auszutauschen. In Potsdam war ich dann in der Krebs-Selbsthilfegruppe, doch leider musste ich hier feststellen, dass die Frauen alle 70+ waren. Und da fühlte ich mich als junge Mutter überhaupt nicht aufgehoben. Man hat dann ja einfach ganz andere Fragen: Wie geht es jetzt weiter mit meiner Ehe? Wie läuft es jetzt mit dem Sex, wenn meine Brust amputiert ist? Es sind einfach Themen, die man eher mit Gleichgesinnten besprechen will. Kurzerhand habe ich 2010 dann einfach selber eine Selbsthilfegruppe für junge Mütter gegründet. Bedauerlicherweise bin ich fünf Jahre später noch einmal an Brustkrebs erkrankt.

Pola: Eure Selbsthilfegruppe nennt sich Busenfreundinnen. Wie kam es zu dem Namen und wie muss man sich euer Treffen vorstellen?

Inge: Wir hießen erst „Brustkrebs Selbsthilfegruppe für junge Frauen mit Familie“. Doch der Name war uns einfach zu sperrig und der Begriff Selbsthilfegruppe ist auch einfach etwas eingestaubt. Wir treffen uns einmal im Monat im Weberhaus in der Karl-Liebknecht-Straße in Babelsberg. Und es wechselt monatlich zwischen einem Gesprächsabend und einem Informationsabend, zu dem wir eine(n) Experten/Expertin einladen. Bei den Gesprächsabenden haben wir immer ein festes Ritual. Meistens sitzen wir im Stuhlkreis und in der Mitte liegt ein Fotoalbum mit den Fotos von allen Frauen, die schon einmal mit dabei waren. Als erstes gibt es eine Befindlichkeitsrunde und dann besprechen wir, welche Themen an dem Tag eine Rolle spielen sollen.

Aber es gibt auch noch weitere Treffen. Wir haben jahrelang ein Familienpicknick im Sommer veranstaltet, damit die Männer auch einmal zusammen kommen. Dann gehen wir auch einmal im Jahr gemeinsam in die Sauna. Dafür mieten wir uns in einem Frauenfitnessstudio den Saunabereich an und sind dann ganz für uns. Denn es ist auch ein Thema, dass man mit operierter oder amputierter Brust jetzt nicht unbedingt gern in die Sauna geht.

Pola: Und wie viele Frauen seid ihr? 

Inge: Es gibt einen festen Kern von 4-6 Frauen und der Rest wechselt ständig. Zur Zeit sind wir 14 Frauen und die Jüngste war zum Zeitpunkt ihrer Diagnose erst 23 Jahre alt. Es gibt viele Frauen, die möchten sich gern in der Zeit der Diagnose und der Behandlung von erfahrenen Frauen begleiten lassen, aber sobald die Behandlung abgeschlossen ist, möchten sie gern diese Schublade schließen und wieder zum Alttag übergehen. Dafür habe ich vollstes Verständnis, aber ist meiner Meinung nach etwas illusorisch, da die Schublade einfach nie zu bleibt. Bei jeder Nachsorgeuntersuchung springt sie wieder auf.

Pola: Und wird eure Gruppe von betroffenen Frauen gern angenommen? 

Inge: Es ist ganz unterschiedlich. Es gibt Frauen, die kommen nur einmal zu uns. Die finden die Geschichten der anderen Frauen so heftig, dass sie nicht noch einmal kommen können. Zum Beispiel gibt es bei uns gerade zwei Frauen, die haben in den Knochen und der Leber Metastasen. Und diese Frauen haben nur noch eine absehbare Lebenszeit. Und das ist eben auch ein Thema, mit dem wir in der Gruppe ganz offen umgehen. Genau das macht unsere Gruppe ja so wertvoll. Bei uns gibt es keine Tabuthemen. Wir reden sowohl über die Nebenwirkungen von Medikamenten, als auch darüber, wie wir unseren Kindern erklären können, dass wir Krebs haben. Und dann gibt es Frauen, die finden diesen Austausch gerade gut. Ich denke, es ist nicht jede Frau für eine Selbsthilfegruppe geeignet. Ich persönlich fand es für mich immer sehr wertvoll, mich mit anderen darüber austauschen zu können.

Wir haben festgestellt, dass man eigentlich mit niemanden, außer uns, so richtig über das Sterben reden kann. Deine Freundinnen sagen zu dir, du musst nach vorne schauen und kämpfen, deine Eltern wollen vielleicht gar nichts darüber wissen, da sie den Gedanken nicht aushalten können, dass du vielleicht stirbst und auch dein Partner ist einfach zu nah dran. Und da man selber seit der Diagnose Todesangst hat, muss man damit ja auch irgendwo hin.

Pola: Und wie muss ich mir das Ende eures Treffens vorstellen? Mit welchem Gefühl geht ihr nach Hause?

Inge: Wir gehen eigentlich immer sehr fröhlich und lachend auseinander. Es ist einfach eine Entlastung, sich in einer Gruppe zu befinden, in der man über alles reden kann. Ich selber empfinde es immer als sehr bereichernd. Und das möchte ich betroffenen Frauen auch gern vermitteln.

Pola: Du bist ja von Anfang an mit dabei und hörst monatlich die unterschiedlichsten Lebensgeschichten. Außerdem hattest du selber schon zweimal Brustkrebs. Wie verarbeitest du das alles?

Inge: Zum einen hatte ich lange Zeit eine sehr gute Supervisorin. Ich konnte das von Anfang an sehr gut trennen und weiß, dass die anderen Geschichten nicht meine Geschichten sind. Ich projiziere die Geschichten der Frauen einfach nicht auf mich. Nur weil eine Frau ein Rezidiv hat, erhöht das nicht gleich meine Rezidivangst. Ich kann das für mich ganz klar trennen.

Pola: Hat sich dein Leben durch deine Krebserkrankung verändert?

Inge: Ja, wenn du jung und gesund bist, genießt du dein Leben einfach. Wenn du aber jung bist und mal eine lebensbedrohliche Krankheit hattest, dann genießt du dein Leben einfach doppelt. Und das ist so schön, dass ich die Erfahrung eigentlich gar nicht missen möchte. Mein Leben ist dadurch viel wertvoller geworden. Die Zeit mit meinem Mann, meinen Kindern und meinen Freunden hat einfach eine ganz andere Wertigkeit erhalten. Und es macht einfach verdammt viel Spaß, noch am Leben zu sein.

Pola: Wird die Brust heutzutage eigentlich noch oft amputiert?

Inge: Nein, gottseidank nicht mehr. In der Generation unserer Mütter gehörte das immer automatisch dazu. Heutzutage wird immer versucht, brusterhaltend zu operieren. In unserer Gruppe gibt es nur zwei Frauen, die eine Epithese, also eine sogenannte Weichteilprothese, haben. Ich trage selber auch eine und bin sehr zufrieden damit. Viele Frauen lassen sich die Brüste auch wieder aufbauen, entweder durch ein Silikonimplantat oder durch Eigengewebe. Ich hatte auch für zehn Jahre ein Silikonimplantat, denn als ich noch so jung war, wollte ich nicht auf ein schönes Dekoltée verzichten. Rückblickend würde ich es aber nicht nochmal machen. Mein Körpergefühl ist ohne eingebauten Kunstbusen ungleich besser.

Pola: Hat sich dein Gefühl für Weiblichkeit durch deine amputierte Brust verändert? 

Inge: Nein, gar nicht. Die Bedenken hatte ich vorher natürlich auch. Ich definiere mein Frau-Sein aber nicht über die Brüste. Ich denke, selbst wenn man mir die zweite Brust abnehmen müsste, würde ich dadurch nicht weniger feminin sein. Ich fühle mich einfach sehr als Frau, egal ob mit oder ohne. Ich denke, das Frau-Sein findet im Kopf statt und definiert sich nicht über Körperteile.

Pola: Und was würdest du Frauen gern sagen, die darüber nachdenken, zu eurem nächsten Treffen zu kommen?

Inge: Euch erwarten offene Ohren und Herzen.

 

Liebe Inge, vielen lieben Dank für deine Offenheit!

 

Das nächste Treffen der Busenfreundinnen findet am 18. April in der Karl-Liebknecht-Straße 28 in 14482 Potsdam-Babelsberg statt. Kontakt unter selbsthilfe.potsdam@gmx.de

 

Fotocredit: Pexels

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