Mein Sohn sitzt mir am Küchentisch gegenüber und feilscht um Kuchen. Er hat Lust, sich eine zweite Eierschecke reinzupfeifen und ich bin dagegen. Mit seinem süßen Zuckermund versucht er, doch noch seinen Willen zu bekommen und sagt erpresserisch: „Dann lade ich Dich nicht zu meinem Geburtstag ein.“ Ich muss laut lachen, denn ich bin nicht nur der Grund, dass er überhaupt einen feiert, ich bin außerdem die Sponsorin, die Organisatorin, die Konditorin und die Geschenkebeauftragte für seinen Geburtstag. Mich auszuladen, ist, als würde man der Küche Hausverbot erteilen, während man hungrig am Tisch sitzt. Ich bin kein Gast. Ich BIN der Geburtstag.
Freundschaft üben
Das dämmert nun auch dem Jungen, der wütend in sein Zimmer stapft. Er hat das Machtspiel zwar verloren, scheint jedoch etwas Grundlegendes begriffen zu haben, nämlich, dass Beziehungen Hebel haben, mit denen man kleine Stresstests für die Bindung auslösen kann. Der Kindergeburtstag als Druckmittel kommt zum Einsatz, wenn unter Freunden die Frage verhandelt wird: „Wie wichtig bin ich Dir?“ Das Konzept Freundschaft ist für Vorschulkinder noch eher ein Versuch, der jeden Tag aufs Neue durchgeführt wird. Sie ahnen bereits, dass das unsichtbare Band kein Vertrag auf Lebenszeit ist. Es muss sich bewähren und Prüfungen bestehen. Die kindliche Beziehungsprüfung trägt dabei immer auch ein Risiko. Bleibst du? Gibst du nach? Oder gehst du? Unter 6-Jährigen funktioniert das wunderbar.
Der Handel: „Einladungskarte gegen Wunscherfüllung“ macht in der Kita-Clique meines Sohnes aus einem Trotzkopf schnell ein folgsames Lämmchen, denn niemand möchte ausgeschlossen sein. Freundschaft ist in diesem Alter ein Übungsraum. Morgens wird der beste Freund zum Feind erklärt und schon nach dem Mittagessen ist wieder alles beim Alten. Genau darin liegt die Lernbewegung. Sie erfahren, dass sich jemand abwendet und dass man sich wiederfinden kann. Macht, Ohnmacht, Eifersucht, Nähe, Verletzung und Versöhnung – jede Karte wird gespielt, jede Position eingenommen. Noch haben sie kein inneres Archiv mit Akten zu jeder Verfehlung eines Wegbegleiters, das einen mit den Jahren immer vorsichtiger macht.
Bürokratie für Kita-Kinder
Was sie aber haben, sind Freundebücher. Sie sollen die ersten freundschaftlichen Beziehungen festhalten oder vielmehr die kleinen Persönlichkeiten abbilden, von denen sie umgeben sind. Jeder Eintrag ist eine Momentaufnahme, die schon in dem Moment veraltet ist, in dem das Buch zugeklappt wird.
Schwierig ist auch die geforderte Introspektion, um Persönlichkeitsfragen zu beantworten wie „Bist du individuell, ordentlich, lustig?“, – und das von Kindern, die sich in aller Regel noch nicht einmal die Schuhe allein zubinden können.
Das Feld mit den Fingerabdrücken ist dabei nicht nur für Verschwörungstheoretiker eine besondere Hürde. Es ist nämlich so, dass es die Eltern sind, die bis tief in die Nacht am Küchentisch sitzen und in Schönschrift allerlei Auskünfte über die Vorlieben und Äußerlichkeiten des Kindes eintragen. Denn – Überraschung! – ein Kita-Kind kann in der Regel noch gar nicht lesen und schreiben!
Ein Elternteil muss es also schaffen, im stressigen Alltag den Umweg zu einem Fotodrucker zu nehmen, um der allerersten Aufgabe im Fragenkatalog gerecht zu werden: „Klebe ein Foto von Dir ein“. Außerdem muss im Vorgespräch mit dem Nachwuchs geklärt werden, was er mal werden will, wenn er groß genug ist, seine Freundebücher selbst auszufüllen. Nun soll man Fingerabdrücke hinzufügen und das ist jetzt wirklich doof, denn es ist weit nach elf Uhr abends. Das Kind schläft längst und die Deadline für die Rückgabe ist in den letzten Stunden gnadenlos nach vorne verschoben worden. Es muss morgen früh zurück. Ausgefüllt.
Ich bete, dass der Junge nicht aufwacht, denn dann müsste ich ihm erklären, dass ich nachts seine Fingerspitzen mit Filzstift anmale, weil die erstens wirklich sehr individuell sind und zweitens im Elternchat der Kita aggressiv nach einem vermissten Freundebuch gefahndet wird, das seit Wochen bei irgendeiner überforderten Familie konsequent ignoriert zu werden scheint und WIR unverkennbar der letzte Eintrag sind.
Freundebücher sind weniger ein Zeugnis inniger Kinderfreundschaften als vielmehr ein Nachweis für erwachsene Sorgfaltspflicht. Ein Gefühl von absoluter innerer Ordnung und Zufriedenheit breitet sich dennoch am nächsten Morgen in mir aus, als ich „Meine Kindergartenfreunde“ vollständig ausgefüllt in das richtige Fach zurücklege. „Ah, ich habe auch noch eins für Euch“, ruft eine befreundete Kindergartenmutter mir zu, als sie mich mit dem Buch sieht. „Dann lad ich Dich aber nicht zu meinem Geburtstag ein!“, gebe ich abwehrend zurück. Es nützt nichts, mein Sohn hat schon das nächste Ausfüll-Album in seinen schwarzen Fingern. Schön, dass das Kind so viele Freunde hat.
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