Seit Neuestem hat mein Sohn einen ganzen Kleiderschrank voll „nichts anzuziehen“. Als die Tage kürzer wurden, besah er seine Herbst/Winter-Garderobe und hielt einen Großteil davon plötzlich für untragbar. Die lila Hose war „peinlich“, das bunte Pailletten-T-Shirt sähe aus wie ein Kleid und über den Pulli in Altrosa urteilte er mit einem verächtlichen „Bäh, das ist für Mädchen“. – Oh Nein, hatte mein Sohn sich mit akutem Genderdogmatismus angesteckt? Mein durch die Zähne gepresstes „Aber Farben sind für alle da!“ half auch nichts und für einen Vortrag in Sachen Sozialisation von Geschlecht war er wohl noch zu jung. Ich dachte an seinen besten Freund, der nach wie vor gern Kleider und Glitzerstrumpfhosen trug und fragte mich, wie das passieren konnte.
Laut Forschung zur kindlichen Geschlechtsidentität muss ich mir keine Sorgen machen, dass der Junge demnächst antifeministische Parolen im Kinderzimmer skandiert. Er ist nur ein Kind auf Identitätssuche. Ein Junge, der Rosa meidet, will Mädchen nicht abwerten, sondern zeigen: „Ich weiß, wer ich bin.“ Für Kinder im Vorschulalter stellt die Kategorie Geschlecht den wichtigsten sozialen Ordnungsrahmen dar. Farben, Kleidung und Spielzeuge drücken diese Selbstverortung aus. Mein Sohn will dazugehören. Er hat gelernt, dass Kleidung spricht, und möchte sich „richtig“ anziehen, wie die anderen Jungs in seiner Umgebung. Das gibt ihm Sicherheit. Die Erwachsenen sagen zwar „alles ist für alle“, aber die Gesellschaft sendet andere Signale.
Ich fühl mich pink
Seinen Freund dagegen scheint das weniger zu beschäftigen. Seine Outfits sehen aus, als hätte ihn Iris Apfel persönlich eingekleidet. Studien zeigen, dass Kinder ihre Identität sowohl über soziale Hinweise als auch über Rollenvorbilder entwickeln. Während in meiner Familie die männlichen Vorbilder ein fröhliches Farbspektrum von Dunkelblau bis Schwarz auftragen, greift der Vater seines Freundes selbst zu kräftigen Farben. Die Eltern des Glitzerfreundes behandeln den Tüllrock und die pinke Samtjacke wie jedes andere Kleidungsstück und normalisieren damit eine viel größere Bandbreite an Möglichkeiten.
So lernt er, dass Vorlieben nicht identitätsgefährdend sind. Ein offenes Vorbild fördert Flexibilität, ein konventionelles eher die Anpassung an gesellschaftliche Codes. Kinder, die eine größere Vielfalt in ihrer Umgebung erleben, probieren mehr aus. In dieser Hinsicht zeigen beide Jungs zwei Seiten derselben Medaille. Der eine sucht eher Sicherheit in der Ähnlichkeit, der andere Freiheit im Unterschied. Kleidung ist der sichtbare Austragungsort dieser Entwicklung. Beide üben, wer sie sind.
Monströse Seiten
Und wer mein Sohn ist, fragte ich mich spätestens zu Halloween umso dringender als er erklärte, er wolle als Venom gehen. Nicht Spider-Man, der brave Held, sondern sein dunkles Spiegelbild – halb Mensch, halb Monster. Ein Wesen, das so schaurig aussieht, dass ich erstmal wissen will, woher er den denn bitte kennt. Immerhin beißt die Kreatur seinen Feinden die Köpfe ab. Letztes Jahr war er noch ein süßer Fantasie-Drache mit schillernden Flügelchen und dieses Jahr will er als schleimiger Alien-Alptraum gehen, der statt Gesicht nur ein klaffendes Maul mit Reißzähnen hat. Ein rosa Pulli macht dem Jungen einen unerträglichen Identitätskonflikt, aber eine Verkleidung als tobendes Scheusal aus der Hölle passt gut in sein Selbstbild? Ich bin also hin- und hergerissen, soll ich einen Termin beim Psychologen machen oder mit dem Pappmaché anfangen?
Den Bösewicht kennt er aus einem Marvel-Buch. Venom ist ein Antiheld, der das auslebt, was sonst verboten ist: rasende Wut, Grenzüberschreitung, Widerstand. Außerdem hat er übernatürliche Fähigkeiten, die ihn besonders mächtig machen. Die Verkleidung erlaubt ihm also das Ausleben all dieser sozial nicht erwünschten Anteile seines Charakters. Er darf wild, mächtig, gefährlich sein, ohne dass es Konsequenzen hat. Wenn Kleidung Identität bestätigt, dann ist Verkleidung ihr Gegenentwurf: ein freier Raum für die andere Seite des Ichs. Venom steht für das Ausprobieren der dunklen Seite, ohne sie wirklich zu leben. Identität ist also nicht nur das, was wir im Alltag zeigen, sondern auch das, was wir wagen auszuprobieren.
Mit seinen neuen Sachen, die er nun selbst aussuchen durfte, probiert mein Sohn offenbar schon mal die Rolle des rebellierenden Teenagers, der wegen illegalen Graffitis von der Polizei aufgegriffen wird. Es steht ihm wunderbar.
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