Der Kinderärztliche Bereitschaftsdienst in Potsdam

Es ist Wochenende und euer Kind wacht mit hohem Fieber auf oder hat plötzlich starke Schmerzen? Dann habt ihr in Potsdam das große Glück, den Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst nutzen zu können. Warum das keine Selbstverständlichkeit ist, erzählt uns Kinderarzt Steven Rohbeck im Interview.

„In den Wintermonaten versorgen wir pro Dienst 70 bis 120 Kinder.”

kinderarzt potsdam steven rohbeckLieber Herr Rohbeck, auch wir haben mit unseren Kindern im Laufe der Jahre oft den Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst genutzt und dadurch schon die eine oder andere Praxis kennengelernt. Ehrlich gesagt war uns dabei gar nicht bewusst, dass es nicht in jeder Stadt diesen Service gibt, sondern ein echtes Privileg ist. Bitte erzählen Sie uns mehr dazu.

Steven Rohbeck: Der Kinderärztliche Bereitschaftsdienst in Potsdam besteht seit mehr als 20 Jahren. Er ist freiwillig, im ganzen Land Brandenburg gibt es lediglich zwei weitere Städte, die so etwas anbieten. Alle hier niedergelassenen Kinderärztinnen und Kinderärzte, das sind etwa 25 in 15 Praxen, machen mit und organisieren das kollegial untereinander. Bei uns in der Praxis läuft alles zusammen und unsere Praxismanagerin erstellt den Dienstplan. Jede Praxis beteiligt sich dabei regelmäßig: Pro Arztsitz werden zwei bis drei Dienste im Quartal übernommen, mittwochs und freitags am Nachmittag sowie an Wochenenden und Feiertagen.

Wie kam es zu dieser Initiative?

Wir wollten, dass Kinder von Kinderärzten untersucht werden und nicht vom allgemeinen Bereitschaftsdienst in anonymen Notfallstrukturen. Sie sollten in vertrauter Umgebung und in kindgerechten Räumen versorgt werden, mit spezialisiertem Equipment und erfahrenem Fachpersonal. Die Resonanz zeigt, wie wichtig dieses Angebot ist: Im Sommer werden pro Dienst etwa 40 bis 70 Kinder behandelt, in den Wintermonaten sogar zwischen 70 und 120. Die Familien kommen dabei nicht nur aus Potsdam, teils nehmen sie weite Wege auf sich, von Bad Belzig bis Berlin.

Was wäre die Alternative, wenn es den Dienst nicht gäbe?

Der allgemeine ärztliche Bereitschaftsdienst oder die Rettungsstellen der Kliniken. In letzteren sind die Ärzt:innen oft sowohl für die Stationen als auch für Notfälle im Einsatz. Dadurch kann es, je nach aktueller Lage, zu längeren Wartezeiten kommen. Mit dem Kinderärztlichen Bereitschaftsdienst entlasten wir andere Anlaufstellen erheblich und leisten einen entscheidenden Beitrag zur medizinischen Versorgung.

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Bei bis zu 120 kleinen Patient:innen in einem Dienst werden auch Ihre Kapazitäten gesprengt. Ist jeder Gang zum Arzt wirklich notwendig?

Das System wird leider auch ausgenutzt. Das Kind hat vielleicht schon länger Beschwerden, aber am Wochenende haben die Eltern Zeit. Aber dann kann es eigentlich nicht so schlimm sein, wenn man nicht schon vorher beim Arzt war. Oder man erhofft sich von uns einen Schein für die Schule oder den Arbeitgeber oder braucht ein neues Rezept. Der Bereitschaftsdienst ist jedoch für die Akutversorgung gedacht, zur regulären Öffnungszeit sollte das Kind dann erneut bei der eigenen Kinderärztin oder dem Kinderarzt vorgestellt werden, wo man das Kind und seine Krankheitsgeschichte viel besser kennt. Je mehr Patienten wir in einem Dienst haben, umso herausfordernder ist es, den „einen” Fall herauszufiltern, der wirklich Hilfe braucht. Alles ist auch sehr schnelllebig geworden, die Eltern möchten sofort eine Antwort. Aber oft brauchen Krankheiten zwei bis drei Tage, um sich klar zu entwickeln.

Gibt es Beschwerden, sollte die Reihenfolge in Potsdam wie folgt sein:

  1. An Werktagen die Akutsprechstunde der eigenen Kinderarztpraxis nutzen.
  2. Der kollegial organisierte Kinderärztliche Bereitschaftsdienst
  3. Rettungsstelle der Kliniken

Wie erkenne ich, ob ein Gang zum Arzt wirklich notwendig ist? Besonders mit dem ersten Kind ist man ja noch sehr unerfahren und macht sich schnell mal Sorgen.

Der Bereitschaftsdienst ist für akute, nicht aufschiebbare Erkrankungen gedacht. Es liegt im Ermessen der Eltern zu überlegen: Ist es wirklich ein Notfall oder kann ich selbst helfen? Bei starken Schmerzen, unklaren Bauchschmerzen, neurologischen Auffälligkeiten wie wesensverändertem Verhalten: zum Arzt! Das gilt auch bei plötzlichem, unklarem Fieber ab 38,5. Kinder unter einem Jahr sollte man bei Fieber immer vorstellen.

Sollte man vorher in der Praxis anrufen?

Nein, einfach kommen, Bereitschaft ist Bereitschaft. Die Kolleginnen am Empfang haben oft gar keine Kapazitäten, noch ans Telefon zu gehen.

Die Zeiten wurden zum April etwas angepasst und starten am Wochenende eine Stunde später ab 9 Uhr. In den Sommermonaten endet der Dienst um 15 Uhr. Was steckt dahinter?

Während in der kalten Jahreszeit erfahrungsgemäß deutlich mehr Kinder medizinische Hilfe benötigen, ist die Nachfrage im Sommer geringer. Die angepassten Zeiten tragen diesem Unterschied Rechnung und helfen zugleich, die Kräfte der beteiligten Praxen nachhaltig zu sichern. Wichtig zu betonen: Die Anpassung stellt keine Reduktion des Angebots dar. Vielmehr geht es darum, den freiwillig organisierten Dienst langfristig aufrechterhalten zu können, trotz steigender Anforderungen und berufspolitischer Herausforderungen.

Wir danken Ihnen für das Interview und allen Kinderärztinnen und Kinderärzten sowie den Praxisangestellten ein großes, herzliches Dankeschön für den Einsatz!

Kinderärztlicher Bereitschaftsdienst in Potsdam

Dienstzeiten:

  • Mittwochs 14–19 Uhr
  • Freitags 14–19 Uhr
  • Samstags, sonntags und an Feiertagen:
  • Mai bis September (Sommerregelung) 9–15 Uhr
  • Oktober bis April (Winterregelung) 9–19 Uhr

Welche Praxis Bereitschaft hat, erfahrt ihr auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg und über die bundesweite Telefonnummer 116 117.

weitere Informationen und Tipps aus Potsdam

Foto: privat

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