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Ein Ort für Auszeiten: Buchhandlung Viktoriagarten

„Wir hören genau zu.“

In der letzten Woche haben wir Andrea und Stefanie von der Buchhandlung Viktoriagarten in Potsdam West besucht. Warum die beiden Freundinnen eine gemeinsame Buchhandlung eröffnet haben und warum man hier auch entspannt Kaffee trinken kann, das lest ihr jetzt.

Pola: Hallo ihr beiden, bitte stellt euch doch erstmal vor!

Andrea: Hallo, ich bin Andrea Schneider, 41 Jahre alt und gelernte Buchhändlerin. Ich habe eine kleine 1-jährige Tochter und schon während meiner Ausbildung habe ich mich auf Kinderbücher spezialisiert. Ich liebe das Lesen, leckeres Softeis, guten Kaffee und ich gehe gern ins Kino oder zu Konzerten.

Stefanie: Ich bin Stefanie Müller und bin 36 Jahre alt. Ich habe 2 Jungen und vor der Eröffnung unserer Buchhandlung habe ich Romanistik hier in Potsdam studiert.

Pola: Wie kam es dazu, dass ihr gemeinsam eine Buchhandlung eröffnet habt?

Andrea: Ich wollte mich zu der damaligen Zeit beruflich verändern und Stefanie wusste das. Ich war zu dieser Zeit in einer Buchhandlung angestellt und mir war dann irgendwann langweilig. Und eines Tages hat mich Stefanie gefragt, ob wir nicht gemeinsam eine Buchhandlung eröffnen wollen. Das war auch schon länger mein Traum. Ich hatte das ein paar Jahre vor unserer Eröffnung schon einmal geplant, doch leider fehlte mir dafür das Geld. Und seit dieser Zeit war das dann immer in meinem Hinterkopf. Ich habe dann einen Freund gefragt, ob er mir etwas Geld leihen kann und plötzlich wurde auf einmal alles real.

Pola: Und wieso habt ihr genau hier eure Buchhandlung eröffnet?

Andrea: Stefanie wohnte zu dieser Zeit in der Kastanienallee und fuhr hier täglich mit dem Bus vorbei. Und da der Laden leer stand und Stefanie die Schaufenster wahnsinnig ansprechend fand, erzählte sie mir von dem Laden. Bevor wir hier einzogen, war es eine Fleischerei. Wir waren beide sofort überzeugt von dem Laden und haben hier bei den Vermietern geklingelt, um herauszufinden, wessen Laden das hier ist. Ja, und so begann dann alles. Im Frühjahr 2011 haben wir uns alles angeschaut und im November haben wir unsere eigene Buchhandlung eröffnet.

Pola: Wer ist bei euch für welchen Bereich verantwortlich?

Andrea: Wir haben uns entschieden, dass Stefanie sich um die Belletristik kümmert und ich für den Kinderbuch-Bereich verantwortlich bin. So hat jeder seinen Kompetenzbereich und kann sich darauf konzentrieren. Und so funktioniert es auch wirklich gut.

 

Pola: Und wieso gibt es in eurer Buchhandlung auch ein Café?

Andrea: Das war von Anfang an so geplant. Das erste halbe Jahr war der Café-Bereich allerdings noch leer, denn wir mussten uns erstmal ein bisschen Geld erarbeiten, um uns die Maschinen und die Möbel leisten zu können. Und dann ging es im Juni 2012 mit dem Bau des Cafés auch schon los. Das Café wird von unseren Kunden auch sehr gut angenommen. Es dient auch oft als Entscheidungshilfe, denn viele Kunden setzen sich mit den Büchern kurz hier hin und entscheiden hier, welches Buch sie mit nach Hause nehmen. Andere Kunden kommen auch nur in unser Café und bringen ihr eigenes Buch mit. Das ist ganz unterschiedlich.

Pola: Wie kamt ihr zu eurem Namen „Viktoriagarten“?

Andrea: Wir wussten, dass es entweder ein sprechender Name sein soll, in dem man erkennt, dass unser Laden etwas mit Literatur zu tun hat, wie zum Beispiel „Leselust“. Oder ein Name, der überhaupt nicht mit Literatur zu tun hat. Wir fahren regelmäßig nach Leipzig zur Buchmesse und da gibt es ein Café, das heißt Seeblick. Und das Café liegt weder an einem See, noch hat es einen schönen Blick. Aber uns hat der Name so gut gefallen. Ein Freund und Mitinhaber der Buchhandlung hat recherchiert und herausgefunden, dass es früher einmal hier in Potsdam West einen Biergarten gab, (hinter der Waschbar) und dieser hieß Viktoriagarten. Und der Name hat uns so gut gefallen, dass wir ihn sofort genommen haben.

Pola: Was kann ich bei euch alles kaufen?

Stefanie: Da wir hier als Kiezbuchhandlung die einzigen sind, müssen wir ein relativ breit gefächertes Publikum ansprechen. Wir haben sowohl für Familien mit Kindern etwas hier, als auch für die Rentner vom Kiewitt. Wir haben natürlich nicht wahllos etwas da, sondern wir versuchen gezielt für jeden etwas hier zu haben. Bei uns gibt es etwas zu den Bereichen Politik, Biographien, gesellschaftskritische Literatur, Kinder- und Jugendliteratur, Graphic Novels, Belletristik und Bildbände. Außerdem haben wir Hörbücher und Zeitschriften. Wir haben auch eine lokale Ecke. Da findet man Musik von lokalen Bands und Künstlern. Im Allgemeinen mögen wir es gern schön gestaltet und geschrieben. Und dann haben wir noch einen kleinen Non-Book-Bereich an der Kasse mit Notizbüchern, Postkarten und Schnickschnack. Wir können da auch beide nicht nein sagen, da es einfach so viele schöne Dinge gibt.

Pola: Welchen Vorteil hat es, in eure Buchhandlung zu kommen und nicht im Internet bei großen Online-Anbietern zu bestellen?

Stefanie: Ich glaube, es ist einfach eine Typfrage. Ist man jemand, der gern auf andere Leute trifft, ein bisschen in den Büchern schmökern will und sich gern inspirieren lässt oder ist man eher jemand, der genau weiß, was er will und es nur anklicken muss. Es hat halt viele Vorteile für denjenigen, der darauf aus ist, am Kiezleben teilzunehmen und Kontakte zu knüpfen. Und wir bekommen auch regelmäßig ein gutes Feedback von unseren Kunden. Wir hören genau zu und stellen zielgerichtetet Fragen. Und meistens liegen wir mit unseren Empfehlungen auch richtig. Wir haben viele Kunden, die nach einer Empfehlung wiederkommen und zu uns meinen, machen sie weiter so. Und außerdem ist das Buch am nächsten Tag bei uns auch da, wenn man bis 16:30 Uhr bestellt. Und was auch schön ist: Wir haben eine Spielecke. Somit können die Eltern auch ganz in Ruhe nach Büchern schauen und die Kinder können währenddessen spielen.

Pola: Welche sind eure Lieblingsbücher?

Andrea: Ich hatte immer drei Lieblingsbücher. „Dshamilja“ von Tschingis Aitmatov, „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ von Helmut Kraussner und „Grün ist die Hoffnung“ von T.C.Boyle. Im Moment ist es „Euphoria“ von Lily King und „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson. Das ist übrigens ein totaler Geheimtipp für Männer. Mir ist aufgefallen, dass ich das meistens Männern empfehle und die geben wir immer eine positive Rückmeldung. Und mein Lieblingskinderbuch ist „Drei für immer“ von Marie-Aude Murail.

Stefanie: Zur Zeit mag ich das Buch „Nachtlichter“ von Amy Liptrot sehr. Und meine Lieblingskinderbücher sind „Fräulein Schmalzbrot und Billie Ballonfahrer“ von Rieke Patwardhan und „Die Abenteuer des Ollie Glockenherz“ von William Joyce.

Pola: Wonach entscheidet ihr, welche Bücher ihr in eurem Laden verkauft?

Andrea: Jedes halbe Jahr kommt ein Vertreter und mit dem setzen wir uns zusammen. Es geht um drei Aspekte: Was denken wir, wird viel Presse kriegen. Was finden wir spannend. Und was denkt der Vertreter, was wir haben sollten. Es ist immer eine Mischung aus den drei Aspekten. Im Kinder- und Jugendbereich entscheide ich nur noch intuitiv. Da geht es nicht um die Autoren, sondern um die Themen, die angesprochen werden und das Design des Covers.

Pola: Welche Bücher werden bei euch am häufigsten gekauft?

Andrea: Die stärksten Warengruppen sind bei uns die Bellestristik und die Kinderbücher.

Pola: Warum ist es so wichtig, dass Kinder so früh wie möglich mit Büchern in Kontakt kommen?

Andrea: Das gehört einfach zur Bildung dazu, dass man das Medium Buch für sich entdeckt. Heutzutage ist es noch viel wichtiger als früher, da das Buch ja langsam durch das ebook verdrängt wird. Es ist haptisch und sinnlich und so wichtig, dass man dadurch seine Fantasie anregt, Geschichten ausspinnt und eine Liebe zu bestimmten Figuren entwickelt. Es ist bedeutsam, dass man auch Welten außerhalb der eigenen Welt entdeckt.

Pola: Und inwieweit unterscheiden sich die heutigen Kinderbücher von denen vor 10 Jahren?

Andrea: Bei den Büchern für Kleinkinder fällt mir auf, dass sie versuchen, immer interaktiver zu werden. Die Kinder müssen jetzt mit den Büchern etwas machen. Es gibt zum Beispiel das Buch „Nur noch kurz die Ohren kraulen“ von Jörg Mühle. Dem Hasen muss man auf die Schulter tippen oder man soll ihn zudecken. Das ist wirklich eine neue Art von Kinderbuch. So etwas gab es früher nicht. Es wird auch immer mehr darauf geachtet, dass die Materialien umweltfreundlich sind. Im Allgemeinen ist der Markt deutlich breiter. Es gibt immer mehr Auswahl.

Pola: In eurer Café-Ecke gibt es eine Künstlerwand. Was hat es damit auf sich?

Stefanie: Das ist eine wechselnde Ausstellung. Man kann sich dafür bei uns einfach anmelden, obwohl wir für dieses Jahr schon fast ausgebucht sind. Es ist immer eine Wand, die die Künstler gestalten können. Der Wechsel findet immer alle drei Monate statt und die Künstler haben bei der Gestaltung freie Hand. Zur Zeit hängt hier die Kunst von Heiko Wennesz. Das ist ein Potsdamer Künstler. Und natürlich kann man die Kunst auch kaufen.

Pola: Ihr seid befreundet. Wie schafft ihr es, gemeinsam zu arbeiten und befreundet zu bleiben? Habt ihr ein paar Tipps?

Andrea: Es ist immer ein Risiko, als Freundinnen eine Buchhandlung zu eröffnen oder etwas irgendwie Geschäftliches miteinander zu planen. Man ist jeden Tag acht Stunden zusammen und muss die heikelsten Fragen miteinander diskutieren, Entscheidungen mittragen, die man vielleicht nicht hundertprozentig unterstützt und vor allem: dem anderen vertrauen. Wir haben einfach Kompetenzbereiche festgelegt und lassen dem anderen jeweils freie Hand. Das hilft sehr! Für uns fühlt sich unsere Beziehung jetzt manchmal wie eine Ehe an. Wir haben so viele Verträge gemeinsam unterzeichnet! Wahnsinn.

Pola: Welchen Wunsch habt ihr für die Zukunft?

Andrea: Ich hoffe, dass mir das noch lange Spaß macht, denn ich bin jemand, der sich immer mal wieder verändern muss. Und für den Buchladen wünsche ich mir, dass er noch sehr lange bestehen bleibt. Das wir das Glück haben werden, noch 20 Jahre lang Kunden zu haben, die das Haptische mögen und zu uns kommen und ein Buch kaufen. Des Weiteren würde ich mich freuen, wenn noch mehr Menschen zu unseren Lesungen kommen. Und dann wünsche ich mir noch, dass noch mehr Leute zu uns kommen, um eine kleine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Denn überall ist immer alles so schnelllebig und wir sind meiner Meinung nach ein guter Ort, um auch einmal ein wenig runter zu kommen.

 

Liebe Andrea, liebe Stefanie, vielen lieben Dank für das tolle Interview!

 

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