Jasmin (42) und Sebastian (42) leben mit Tochter Clara (8) und Hund Felix als Patchwork-Familie in Potsdam. Im Gespräch erzählen sie von ihrem turbulenten Alltag, ihrer besonderen Liebesgeschichte und dem Versuch, zwischen Job, Kind und ADHS als Team zusammenzuhalten.
Wie würdet ihr euer Familienleben beschreiben – was macht euch als Team aus?
Sebastian (lacht): Wir sind sehr chaotisch. Jasmin ist immer die treibende Kraft, die neue Ideen hat. Da gibt es keine Planung, sondern einen Entschluss: Das machen wir jetzt so – und ich steige dann mit ein und mache mit. Bildlich gesprochen geht Jasmin mit der Axt vorneweg und ich gehe mit Besen und Handfeger hinterher und sammle die Scherben auf.
Jasmin: Ich habe eine Idee und setze diese sofort um – ohne Wenn und Aber. Basti ist eher perfektionistisch und äußert seine Bedenken sehr offen.
Sebastian: Am Ende höre ich oft den Satz: „Du hattest Recht.” Aber bei allem Chaos haben wir immer das Gefühl, dass man sich aufeinander verlassen kann. Das hat auch damit zu tun, dass wir uns schon seit 30 Jahren kennen.
Ihr kennt euch schon seit der Schulzeit – wie habt ihr euch wiedergetroffen?
Jasmin: Ja, wir gingen zur gleichen Oberschule und Basti war in meiner Parallelklasse. Wir hatten zusammen Französisch. Wir fanden uns von Anfang an ziemlich gut. Aber er hatte dann eine Freundin und ich einen Freund, also habe ich ihn abgeschrieben. Nach der 9. Klasse bin ich umgezogen und habe die Schule gewechselt, da haben wir uns aus den Augen verloren. Aber der Kontakt war immer da. Wir waren befreundet und haben uns regelmäßig getroffen und auf dem Laufenden gehalten. Ich war dann viele Jahre in einer toxischen Beziehung, eine schreckliche Zeit. Trotzdem wurde ich ungeplant schwanger.
Basti bekam das alles mit. Während mein Ex-Partner das Kind durch einen Streit nicht wollte, bot mir Basti sogar an, das Kind zusammen mit ihm großzuziehen. Ich war damals allerdings emotional zu abhängig, um diesen Schritt zu gehen und mich von meinem Partner zu trennen. Vielmehr machte ich mir Sorgen, was andere denken könnten, wenn ich von dem einen Mann schwanger bin und mit einem anderen Mann zusammen bin. Heute wäre es mir egal, was andere denken. Ich musste mich entscheiden und habe mich für die Familie entschieden – auch wenn das bedeutete, dass Basti und ich nicht zusammen sein konnten.
Ein Jahr später, als meine Tochter Clara zwei Monate alt war, haben wir uns wieder getroffen. Ich war so unglücklich in der Beziehung und dachte, dass ich unsere Verbindung wieder aufleben lassen könnte, aber Basti erzählte mir, dass er eine neue Freundin hat. Ich dachte: Nein, das kann doch nicht wahr sein! Daraufhin hatten wir wieder sieben Jahre keinen Kontakt. Ich habe in dieser Zeit geheiratet, er hat sich verlobt.

Sebastian: Ich habe zwischendurch Fotos von ihrer Hochzeit gesehen und dachte: Das war’s! Aber unsere Beziehungen liefen nicht gut. Ich merkte, dass es zwischen mir und meiner damaligen Freundin nicht weiterging. Dann hatte ich beruflich in Potsdam zu tun und Jasmin und ich trafen uns auf dem Potsdamer Weinfest.
Jasmin: Das war so ein schöner Tag. Ich habe mich bei Basti eingehakt und wusste: Das ist mein Herzensmensch! Ich wollte ihn nicht wieder verlieren und holte mir Unterstützung bei einer Therapeutin. Nach diesem Gespräch lief ich nach Hause und ließ mir alles nochmal durch den Kopf gehen. Dann fasste ich den Entschluss, meinen Ex zu bitten, zu gehen, weil ich nicht weiter daran kaputtgehen möchte – und weil ich Sebastian nicht wieder verlieren wollte. An diesem Tag fuhren Sebastian und ich mit unseren Kindern nach Polen. Aber alles nur rein freundschaftlich. Künftig verbrachten wir die Wochenenden zusammen. Bei einem Filmabend kuschelten wir und er nahm allen Mut zusammen und küsste mich. Ich selbst hätte mich das nicht getraut. Am nächsten Morgen hat er mir Blumen und Brötchen gebracht und da wusste ich: Dieser Mann bleibt.
Sebastian: Unser erstes richtiges Date hatten wir dann bei einer Weihnachtsfeier. Das war toll, wir haben uns den ganzen Abend nur angehimmelt.
Jasmin: Danach sind wir ins Hotel gefahren und haben keine Sekunde geschlafen.
Sebastian: Ja, das war magisch. Einfach unbeschreiblich!
Jasmin: Wir sind beide am nächsten Tag rausgegangen und haben geweint, weil wir so glücklich und überwältigt waren, dass wir uns endlich hatten. Zwei Tage später schrieb ich ihm einen langen Text und habe ihn gefragt, ob ich offiziell seine Freundin sein darf. Er war hin und weg. Die Nachricht habe ich heute noch. Rund einen Monat später, das war an dem Geburtstag meines Vaters, hat Basti meinen Vater gefragt, ob er was dagegen hat, wenn er mich heiratet. Mein Vater hat bis über beide Ohren gestrahlt. Meine Familie hat ihn sofort ins Herz geschlossen. Sie sagten, er ist eine Bereicherung. Kurz darauf kam dann der Kniefall nach einem Date und ich sagte Ja!
Sebastian: Viele haben mich für verrückt erklärt und gesagt: Wie kann man denn nach so kurzer Zeit heiraten?! Aber ich habe gesagt, ich kenne Jasmin jetzt seit 30 Jahren! Worauf sollen wir noch warten? Und dann haben wir letztes Jahr geheiratet, ganz gemütlich mit der Familie. Da haben wir gemerkt, dass wir nicht nur als Paar, sondern auch als Familie zusammengewachsen sind.
Sebastian, du hast ja auch zwei Kinder – lebt ihr jetzt als Patchwork-Familie zusammen?
Sebastian: Nicht wirklich. Mein Sohn ist schon 19 Jahre alt und geht seinen eigenen Weg. Meine 16-jährige Tochter wohnt bei ihrer Mutter, eine Stunde von Potsdam entfernt. Wir sehen uns leider nicht so oft. Wir wohnen also mit Clara zu dritt in unserer Wohnung.
Habt ihr unterschiedliche Ansichten, was die Erziehung angeht?
Jasmin: Ich vertraue sehr stark auf Sebastian. Ich finde, er ist von seinen Eltern sehr gut erzogen worden und bringt total viel mit rein, was uns als Familie gut tut. Viel Ruhe, kein Drama. Er gibt uns das Gefühl von Sicherheit. Wirklich, ich wünsche jeder Frau so einen Mann wie Basti, er ist eine Rarität.

Jasmin, wie ist es für Clara, dass jetzt ein neuer Mann an deiner Seite ist?
Jasmin: Clara war von Anfang an sehr happy. Sie und Basti waren sofort sehr eng und vertraut, Clara konnte sich gut auf ihn einlassen. Sie haben einen super Draht zueinander. Dadurch, dass ich mittlerweile das alleinige Sorgerecht habe, hat sie kaum Kontakt zu ihrem leiblichen Vater. Und das ist gut so für uns alle.
Wie schafft ihr es, die Magie eurer Beziehung im Alltag zu erhalten?
Sebastian: Auch wenn die Tage total voll und verplant sind, vermissen wir uns tagsüber sehr. Wenn ich auf Arbeit bin, merke ich, dass Jasmin mir fehlt. Ich freue mich jeden Abend, nach Hause zu kommen. Wenn wir abends zusammen im Bett liegen, ist es für mich das Schönste. Es sind die kleinen Dinge, die man im Leben schätzen sollte.
Jasmin: Wenn wir das Wochenende frei haben und Clara bei ihren Großeltern ist, liegt der Fokus total auf uns. Dann gehen wir gerne was essen und genießen einfach, dass wir uns haben.
Jasmin, dein beruflicher Weg ging nicht geradeaus, sondern führte über Umwege – was hast du bereits erlebt?
Jasmin: Gleich nach meinem Studium habe ich mich selbstständig gemacht und drei Jahre lang Apartments in Berlin vermietet. Danach habe ich erfolgreich für eine große Immobilienfirma gearbeitet und war beruflich viel unterwegs. In der Zeit bin ich mit meinem damaligen Partner nach Potsdam gezogen. Nach meiner Elternzeit mit Clara war ich weniger flexibel und hatte spontan die Idee, eine Bar zu eröffnen. Diese musste ich aufgrund der Corona-Zeit allerdings wieder aufgeben. Aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen und habe im Volkspark eine Spielfläche mit Hüpfburgen ins Leben gerufen. Das lief gut, war aber sehr wetterabhängig.
Also habe ich wieder etwas Neues gesucht und von heute auf morgen eine Entrümpelungsfirma gegründet, die ich bis heute leite. Eines Tages bin ich durch die Stadt gefahren und habe in einem Schaufenster zufällig ein Schild gesehen: Ladenfläche zu vermieten. Spontan habe ich ein Konzept eingereicht und zwei Tage später bereits den Mietvertrag unterschrieben. Kurz darauf habe ich mein eigenes Café eröffnet, inzwischen ist daraus ein Hundesalon geworden.
Das funktioniert natürlich nur, weil ich Mitarbeitende habe, die mitziehen. Alleine könnte ich das nicht stemmen. Und durch all diese Erfahrungen habe ich gelernt: Wenn etwas nicht passt, darf man das akzeptieren und neue Wege gehen. Wir haben auch noch so viele Ideen. Also ich bin sehr kreativ und mutig genug, immer wieder Neues auszuprobieren.

Wie vereinbart ihr Job und Privates?
Jasmin: Wir haben sehr wenig Zeit, weil wir sechs Tage die Woche arbeiten – ich im Hundesalon und Basti in seinem Vollzeitjob als Anlagenmechaniker im Heizungs- und Sanitärbereich. Parallel dazu steht er mit mir zusammen im Salon und hilft mit. Montag ist unser einziger freier Tag, wo wir Termine planen oder nachmittags mal was als Familie machen können.
Sebastian: Es ist oft ein Spagat. Manchmal fragen wir uns am Morgen selber, wie wir das alles schaffen sollen. Wir halten uns ständig auf dem Laufenden und sind immer im Austausch so á la: „Kannst du das noch erledigen? Kannst du schnell noch was mitbringen?“ Und am Ende des Tages klappt es doch irgendwie.
Jasmin: Ich merke ganz deutlich, dass ich oft an meine Grenzen komme. Manchmal muss ich mich einfach mal kurz hinsetzen, kurz durchschnaufen und dann geht’s wieder. Aber es ist sehr anstrengend, Selbständigkeit und Familienleben zu vereinbaren.
Und jetzt hast du sogar noch einen eigenen Podcast – worüber sprichst du dort?
Jasmin: Ja, der Podcast heißt „Vom Gift zum Glück“. Er ist noch ganz neu. Dort berichte ich über meine jahrelange Achterbahn aus toxischen Beziehungen und wie ich den Absprung geschafft habe. Es geht auch darum, was es heißt, ein Business aufzubauen und endlich eine Liebe zu finden, die gut tut. Damit will ich anderen Frauen, die in einer ähnlichen Situation stecken und nicht wissen, wie sie einer gewaltvollen Beziehung entkommen können, Mut machen. Ich will ihnen zeigen, dass man es schaffen kann, aus Panikattacken, Selbstzweifeln und emotionaler Abhängigkeit zu entkommen und sich etwas Neues aufzubauen. Mein Motto ist: Egal, wie tief du fällst: Du entscheidest, wie du wieder aufstehst.
Eure Tochter Clara hat die Diagnose ADHS. Wie wirkt sich das auf euren Alltag aus, und welche Wege habt ihr gefunden, damit umzugehen?
Jasmin: Das ist schon sehr stressig. Alleine, wenn wir uns morgens für die Schule fertig machen müssen, fühlt es sich an wie ein Marathon. Clara hat einfach keine Struktur, sie braucht viel Unterstützung, um Zähne zu putzen, sich anzuziehen. Sie hat außerdem sehr viel Energie und fällt uns oft ins Wort, wenn wir uns unterhalten. In der Schule fällt es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Sobald sie ein Geräusch hört, ist sie abgelenkt und schafft ihre Aufgaben nicht. Wir werden gefühlt alle zwei Monate zur Schule zitiert, weil wieder irgendwas nicht funktioniert. Ich habe das Gefühl, unser Schulsystem ist für solche Kinder nicht ausgelegt. Sobald ein Kind anders ist oder aus der Reihe fällt, wird es nicht akzeptiert. Wir versuchen gerade, den richtigen Weg zu finden, aber Medikamente kommen für uns aktuell nicht infrage. Wir versuchen, mit viel Gelassenheit und Ruhe damit umzugehen.

Was macht ihr als Familie am liebsten?
Sebastian: Wir sind viel draußen unterwegs mit unserem Hund und machen Ausflüge, zum Beispiel Wandern im Elbsandsteingebirge oder an die polnische Ostsee fahren.
Jasmin: Ja, das brauchen wir – einfach mal ausschlafen, die Seele baumeln lassen, an den Strand gehen.
Sebastian: Einfach mal in den Tag hineinleben. Das wäre auch etwas, was ich mir für uns als Familie für die Zukunft wünsche: Weniger arbeiten, mehr gemeinsame Zeit. Das ist mein Ziel.
Vielen Dank für eure Offenheit und alles Gute für euch!